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Noch 59 Tage bis Weihnachten

Unheimlich groß und dünn - mein Vati! ... von Renate Dziemba



Wahre Weihnachtsgeschichten - mal stimmungsvoll, mal ernst und besinnlich, oft einfach fröhlich oder zum Heulen schön - eine Auswahl von 75 Zeitzeugen-Erinnerungen aus den 14 Bänden des Zeitgut-Verlages der Reihe "Unvergessene Weihnachten".

Berlin-Zehlendorf; 5. Dezember 1945
Es wurde schon dunkel an diesem Nachmittag des 5. Dezember 1945. Ich war allein zu Hause. Zu Hause?

Unsere Wohnung war gleich nach Kriegsende von den Amerikanern beschlagnahmt worden, Mutti und ich mußten sie innerhalb weniger Stunden verlassen. Wir besaßen fast nichts mehr. In ein winziges Zimmer wurden wir einquartiert. Hier wohnten wir jetzt schon fast ein halbes Jahr. Im Vergleich zu anderen Familien hatten wir großes Glück: Unsere Wirtin, die uns das Zimmer hatte abgeben müssen, war freundlich, sauber und hilfsbereit. So half sie uns zum Beispiel, zwei Luftschutzbetten, die sich noch im Keller befanden, übereinander aufzustellen. Wir hätten sonst auf der Erde schlafen müssen.

In dem viel zu engen Zimmer konnte man kaum treten. Gleich rechts neben der Tür war der Ofen. Daneben stand ein Klavier, das nur Platz wegnahm und von niemandem benutzt wurde. Die ganze linke Wandseite nahmen die Luftschutzbetten ein. Vor dem Fenster war gerade noch Platz für einen riesigen Schreibtisch und einen Ledersessel.

Ich saß in dem viel zu großen Sessel an dem viel zu großen Schreibtisch und machte meine Hausaufgaben. Joachim, der zwei Jahre ältere Sohn der Wirtin, war schon damit fertig und spielte mit anderen Kindern draußen im Gang vor den Häusern. Sie spielten wohl Verstecken. Das machte in der Dunkelheit besonders viel Spaß. Ab und an sah ich einzelne Gestalten den Gang entlanghuschen. Wo Mutti wohl so lange bleibt? Sie wollte doch nur zum Einkaufen in die Berliner Straße. Ob sie noch bis zum Teltower Damm gegangen ist? Oder hat sie vielleicht Bekannte getroffen?

In diesem Augenblick klingelte es. Ich hatte ein bißchen Angst. Wer konnte das sein? Mutti nimmt doch immer ihre Schlüssel mit. Da hörte ich Joachims Stimme: "Renate, mach mal auf, dein Vati ist da!" Das wollte ich nun gar nicht glauben. Ich wußte von Mutti, daß er in einem Kriegsgefangenenlager war.

Ganz leise schlich ich zur Wohnungstür. Vorsichtig hob ich die Briefklappe hoch. Ich sah nur Beine. Da bückte sich Joachim auf der anderen Seite der Tür, so daß ich sein Gesicht sehen konnte, und wiederholte noch einmal: "Mach doch endlich auf, dein Vati ist da!"

Wenn doch bloß Mutti da wäre! Zögernd öffnete ich die Tür. Vor mir stand ein Soldat mit einem Holzkoffer in der Hand und einem Rucksack auf dem Rücken. Was ich sah, konnte ich nicht begreifen ... Zwar erkannte ich meinen Vati noch, und er sagte auch meinen Namen, aber er wirkte recht fremd auf mich. Er war so unheimlich groß und so unheimlich dünn. Und dann fiel mir ein, daß wir in dem kleinen Zimmer, das für Mutti und mich schon zu eng war, überhaupt keinen Platz für ihn hatten.

"Mutti ist nicht da ...," waren meine ersten Worte.

Aber plötzlich begriff ich, daß da mein Vati vor mir stand, mein Vati, auf den ich so lange gewartet hatte. Ich umarmte ihn stürmisch und zog ihn in das kleine Zimmer. "Schau mal, Vati, ich kann schon schreiben und rechnen!"

Mit diesen Worten zeigte ich ihm meine Schulhefte, die noch immer auf dem Schreibtisch lagen. Er nahm mich hoch und drückte mich fest an sich.

In diesem Moment riß Mutti die Tür auf. Sie war völlig außer Atem und lachte und weinte und weinte und lachte. Im Milchladen hatte man ihr erzählt, daß in der Drogerie am S-Bahnhof ein Soldat nach einer Familie mit unserem Namen gefragt hatte. Dort lagen auch Listen mit den neuen Adressen der ausquartierten Familien aus. So hatte Vati uns gefunden. Was für ein Glück! Er war erst am 3. Dezember aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Heilbronn entlassen worden. Mutti war den ganzen Weg vom Milchladen zurück nach Hause gerannt. Sie war so glücklich. Jetzt waren wir wieder eine richtige Familie!

Noch am Abend räumten wir mit Hilfe der Wirtin das Klavier aus dem Zimmer, stattdessen kam eine Chaiselongue an den Platz. Darauf schlief von nun an Mutti und mein Vati kletterte zum Schlafen auf das obere Luftschutzbett.

Den 5. Dezember haben meine Eltern von da an immer als Gedenktag gefeiert und sich gegenseitig mit kleinen Geschenken überrascht.

 


Veröffentlicht am: 26.10.2021

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