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Noch 57 Tage bis Weihnachten

Mein Weihnachtsvergnügen ... von Romano C. Failutti

Wahre Weihnachtsgeschichten - mal stimmungsvoll, mal ernst und besinnlich, oft einfach fröhlich oder zum Heulen schön - eine Auswahl von 75 Zeitzeugen-Erinnerungen aus den 14 Bänden des Zeitgut-Verlages der Reihe "Unvergessene Weihnachten".

Berlin; 1954
Es war in Berlin, wo ich für einige Monate im Außendienst meiner Firma tätig war. Ich hatte ein Zimmer in der Pension von Elisabeth Kopmann, einer resoluten und sehr patenten Frau. Ihr Lieblingsausdruck war: „Ach, Jotte ooch!“, und das drückte ihr großes Erbarmen für alle Welt aus.

Neben mir wohnte Frau Bräutigam, eine junge Lehrerin, die noch auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung war. Mit beiden Frauen wechselte ich oft heitere Worte.

In der Zeit vor Weihnachten klopfte Frau Bräutigam an meine Tür. Sie wollte mir etwas zeigen, und so gab sie mir wortlos und lächelnd ein aufgeschlagenes Schulheft und tippte mit dem Finger auf einige Zeilen. Sie waren sauber geschrieben, und so las ich: „Det Christkind is schon älter, hat een Bauch, eene Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe!“
Frau Bräutigam hatte die Kinder ihrer 3. Klasse aufschreiben lassen, wie sie sich das Christkind vorstellen. Dafür durften sie schreiben, wie der Schnabel gewachsen war. So las ich die Zeilen mehrmals, und mein Mund wurde dabei immer breiter. Ich rezitierte gar den Text und lachte Frau Bräutigam an. Dann klappte ich das Heft zu und las den Namen des Besitzers „Willi Stange, Klasse 3“ auf dem Umschlag.

In dem Moment klopfte Frau Kopmann, brachte meine Post und fragte, ob sie mitlachen könnte. So kam es, daß wir bei einer Tasse Kaffee saßen und Frau Bräutigam die Christkindgeschichte erzählte, die sie durch Willis Mutter Liesbeth Stange erfahren hatte: „Palast-Maxe“ war der ehrenwerte Maurermeister Maximilian Jahne. Er hatte ein arbeitsreiches Leben hinter sich und es zu einigem Wohlstand gebracht. Jedenfalls gehörte ihm ein vierstöckiges Mietshaus. „Un det is mein Juwehl“, pflegte er zu sagen.

So kümmerte er sich auch um dieses gute Stück und hielt Ordnung in allem. An jedem Ersten im Monat klingelte er bei seinen Mietern, kassierte die fälligen Abgaben und quittierte das jedem im Mietbuch. Auch kontrollierte er, ob die Treppe gebohnert und der Flur naß gewischt worden war.

„Un Fahrräder jehörn in’n Keller!“ hatte er angeordnet, „un nich in’n Flur, wa!“ Und weil Jahne auch seinen Stolz über sein Haus zeigte und die Ordnung darin pries, brachte ihm das den Beinamen „Palast-Maxe“ ein.

Liesbeth Stange aber war mit der Miete seit einigen Monaten in Verzug geraten. Sie wohnte mit ihren drei Kindern Horsti, Hildchen und Willichen schon einige Jahre im vierten Stock von Maximilian Jahnes Haus und hatte stets pünktlich bezahlt, was Herrn Jahne zustand. Jetzt aber konnte Liesbeth nicht mehr zahlen, denn das Geld fehlte, weil Berti Stange, Liesbeths Mann und der Vater der drei Kinder, im Kittchen saß. Da konnte er „keene Piepen“ mehr nach Hause bringen. Der „Blödmann“ hatte sich doch „in sein Suffkopp“ zum Mausen verleiten lassen und war dabei erwischt worden. „Denn war er det heulende Elend. Awer da war ’t zu spät.“

Liesbeth bemühte sich nach Kräften, mit den Kindern über die Runden zu kommen, aber das, was sie als Aushilfe beim Pferdemetzger gleich um die Ecke und durch Putzarbeiten verdiente, reichte nicht. – So ein schönes und weites Sozialnetz, wie wir es heute haben, gab es noch nicht. Und Berti hatte noch länger zu brummen. – Nun war Liesbeth schon vier Monate mit der Miete im Rückstand. Der Erste des Monats stand wie ein drohender Riese vor ihr, und das so kurz vor Weihnachten. Jahne würde bald an ihre Tür klopfen, ach du liewer Jott ...

Und dann stand Jahne wirklich in der Tür: ein breiter Kerl mit straffem Bauche, der seine Melone nur in den Nacken schob. Er begrüßte Liesbeth und nickte den Kindern zu. Liesbeth wischte mit der Schürze über einen Stuhl.

Jahne nahm den Hut ab und legte ihn auf den Stuhl. „Ne, lassen Se man, bei Ihn’ n kick ick ma jerne um, ham allens propper. Nu ja, Se wissen ja, weswejen ick jekomm’n bin.“
Natürlich wußte Liesbeth das und sie entgegnete, daß ihr deswegen schon seit drei Tagen schlecht sei.

Nun nahm Jahne doch Platz. Die Kinder standen schüchtern im Zimmer, auf einen Wink der Mutter sollten sie sich verdrücken. Aber Jahne meinte, die sollten auch wissen, was los sei, und er bat Liesbeth, das Mietbuch zu holen. Die junge Frau ging zum Küchenschrank und kramte hinter den Tellern. Jahne wandte sich an die Kinder und versuchte zu ergründen, wer von den Zwillingen Horst und wer Willichen sei. Mit zitternder Hand reichte Liesbeth Jahne das Mietbuch.

Dieser blätterte darin und nickte. „Is ja allet in de Reihe bis dahin, wo Papa uff Reisen jejang’n is. Awer denne is Leere in’t Weltall! Wat mach’n ma nu? – Da schtehn ma nu alle Finfe un ham von Tuten un Blasen kee’n Dunst. Un Schterndaler pinkelt det ooch keene.“
Jahne stand auf und ging einige Schritte auf und ab. „Nu setzen Se sich ooch ma hin, Frau Stange, des beruhicht!“

Dann zückte er kurzentschlossen seinen Füller, setzte sich an den Tisch und quittierte im Mietbuch die rückständige Miete: „Aujust – erhalten, September – erhalten, Oktower – erhalten, November – erhalten, Dezember – ooch erhalten. Na ja, kommt ja bald der Januar – da quittier ick ma eene Vorauszahlung. So, muß noch trocknen, det Märchenbuch.“ Jahne blies auf die Tinte und reichte Liesbeth das Mietbuch zurück. Die starrte auf die Quittungen und war fassungslos: „Herr Jahne, aber Herr Jahne, awer det kann doch nich allens ...“

„Oh, doch“, Jahne putzte seine Brille und hauchte sie an. Er wolle Stanges als Mieter behalten, denn da wußte er, was er hatte. „Eene bessere Mieterin als wie Sie kann sich een Hauswirt jar nich denken. Ick seh det wohl, wie Se Ihre Treppe bohnern. Da jlänzt mir ja de Seele mit, un wenn Se den Flur jemachd ham, denn sin sojar de Bazilln uff Völkerwanderung jejang’n. Det seh ick allens. Und wenn ick de Aborte nachgucke uff de halbe Treppe, denn riech icke förmlich, det Se hier Hand anjeleecht ham. Da kann sojar een Kaiser druffjehn oder ’ne Subrette. Der Herr Berti hat ooch ohne Federlesen zujepackt, wo ’t nötisch war.“ Er lobte auch die Kinder, die immer höflich „Guten Tag“ sagten.

„Also, det is det Eene. Nu ha ick noch wat for euch.“

Jetzt erfuhr Liesbeth, daß Nuschke aus dem Parterre, der so eine Art „Hausknecht“ oder wie die Franzen sagen „Konzieersche“ gewesen war, ausziehe. Da könnten sie einziehen und Frau Stange könne das Regiment übernehmen. Die Miete sei nicht höher als oben und es gäbe noch einen gehörigen Abschlag für die Arbeit. „Bis der Papa von de Montaasche kommt, mogeln mer uns schon durch.“ Auch in seiner Wohnung müsse zweimal in der Woche reinegemacht werden. Sie solle sich das überlegen. Dann wünschte er eine gute Vorweihnachtszeit und verschwand.

Liesbeth Stange saß und starrte vor sich auf den Tisch. Dann verfiel sie in Lachen und Weinen zugleich. Sie drückte die Kinder nacheinander und wischte die Tränen mit ihren Händen in die Schürze. Und dabei soll sie geflüstert haben: „Det war det Christkind, det Christkind war det.“

Wie immer nun das „der kleene Willi“ verstanden hatte, er schrieb es auf: „Det Christkind is schon älter, hat een Bauch, eene Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe.“

 


Veröffentlicht am: 28.10.2021

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