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Noch 26 Tage bis Weihnachten

Der gestohlene Weihnachtsbaum ... Egon Busch



Wahre Weihnachtsgeschichten - mal stimmungsvoll, mal ernst und besinnlich, oft einfach fröhlich oder zum Heulen schön - eine Auswahl von 75 Zeitzeugen-Erinnerungen aus den 14 Bänden des Zeitgut-Verlages der Reihe "Unvergessene Weihnachten".


Mannweiler-Cölln, Rheinland-Pfalz; 1980
„Morgen ist schon der vierte Advent und wir haben immer noch keinen Weihnachtsbaum. Weißt du überhaupt, wo es hier welche gibt?“ Meine Tochter schaute mich fragend an und ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen, hegte sie größte Zweifel in meine Fähigkeiten, jetzt noch einen Baum zu besorgen. „Ist doch ganz einfach“, schaltete sich Sohnemann jetzt ein. „Wir klauen einfach einen. Wozu leben wir denn hier auf dem Land, wo überall welche herumstehen?“ Aber mit diesem Vorschlag kam er bei seiner Schwester übel an: „Erst einen Baum stehlen und dann mit frommem Gesicht Weihnachtslieder darunter singen und aus der Bibel vorlesen. Auf solche Ideen kannst auch nur du kommen.“

Ich mischte mich ein, um zu beschwichtigen, und erzählte, daß Großvater früher auch jedes Jahr selbst seinen Baum im Wald geschlagen hatte. „Und da wir ja jetzt hier in seinem Haus auf dem Land leben, setzen wir einfach diese Tradition fort.“ „Und wenn dich jemand dabei sieht und dich anzeigt, was dann?“ „Man darf sich halt nicht dabei erwischen lassen“, entgegnete der Filius cool, „das ist die ganze Kunst dabei. Doch wenn du Schiß hast, bleibst du am besten zu Hause.Dann gehen Papa und ich eben alleine. So etwas ist doch eh Männersache.“

Und sie kam dann auch wirklich nicht mit. Wir zogen erst nachmittags los und waren fest davon überzeugt, daß an solch einem naßkalten, nebligen Wintertag außer uns sowieso niemand mehr im Wald unterwegs wäre. Doch da hatten wir uns getäuscht!

Plötzlich tauchte vor uns im Nebel eine Gestalt auf. Zum Glück schien der Mann gerade intensiv mit seinem Hund beschäftigt zu sein, sonst hätte er uns sehen müssen. So konnten wir noch rechtzeitig ins Gebüsch am Wegrand schlüpfen und abwarten, bis der Förster vorbei war. „Nichts wie herunter vom Weg! Das ist zu gefährlich. Schließlich glaubt uns doch keiner, daß wir nur harmlose Spaziergänger sind, wenn wir hier mit Sack und Werkzeug durch den Wald ziehen.“ Als wir eine halbe Stunde unterwegs waren, fragte mein Sohn plötzlich: „Ja, wann kommen wir denn endlich zu den Weihnachtsbäumen?“ Ich mußte gestehen, ich wußte es auch nicht. Aber was noch schlimmer war: Ich wußte nicht einmal mehr, wo wir uns befanden! Und dabei fing es schon allmählich an, dunkel zu werden. „Du bist doch früher mit Großvater immer hier gewesen, du mußt dich doch auskennen“, sagte Sohnemann und sah auf einmal gar nicht mehr froh und unternehmungslustig aus.

„Aber das ist mehr als 30 Jahre her! Seitdem hat sich hier vieles verändert.“ Schweigend stolperten wir weiter durch den Wald. Zum Glück stießen wir bald auf einen schmalen Weg. Und plötzlich hörten wir Geräusche: „Da sägt doch einer! Los, nichts wie hin! Wo der einen Weihnachtsbaum gefunden hat, wird auch für uns noch einer stehen.“ Wir beeilten uns und gelangten auch bald an ein Waldstück mit kleinen Fichten. Der Mann dort schaute in unsere Richtung und schien uns bereits zu erwarten. Er war gerade dabei, sein Bäumchen zusammenzuschnüren, um es besser tragen zu können.

„Ziemlich ausgesucht hier“, sagte ich. – Der andere nickte nur. – „Aber uns bleibt nichts anderes übrig, als uns so schnell wie möglich zu bedienen. Es ist ja schon fast dunkel.“ Wir nahmen irgendeinen Baum, und als wir ihn endlich abgesägt hatten, gab uns der Mann noch einen Strick, um ihn zusammenzubinden. Dann stiefelten wir los. Allein wären wir in eine andere Richtung gegangen. „Ihr könnt euch ganz auf mich verlassen. Ich bin auch von Mannweiler-Cölln und kenne den Weg dorthin genau“, hatte der Mann gesagt und war vorausgegangen.

Als wir den Wald verließen, wurden die Wege breiter und wir gingen nebeneinander her. Ich erzählte von früher, wie ich bei den Großeltern hier im Dorf meine Ferien verbracht hatte und wie interessant und spannend es immer war, wenn ich mit Großvater den Weihnachtsbaum klauen gegangen bin. Der andere sagte gar nichts darauf. Wahrscheinlich war er einer von diesen schwerfälligen, wortkargen Leuten, die es ja überall gibt.

An einem der ersten Bauernhöfe im Dorf sagte der Fremde plötzlich: „So, gute Nacht auch. Ich wohne hier“, und wandte sich zum Haus. Wir schauten ihm nach. Gleich vorn am Hoftor stand ein Fichtenbäumchen und daran hing ein Schild: „Weihnachtsbäume zu verkaufen.“

Schnell lief ich dem Mann nach, um zu retten, was noch zu retten war. „Ja wenn das so ist, dann wollen wir unseren Baum doch wenigstens bezahlen. Ich meine, bevor sie uns noch anzeigen ...“ Er winkte ab: „Lassen Sie nur. Wir hatten dieses Jahr so ein gutes Geschäft, daß am Schluß keiner mehr für uns übrigblieb. Deshalb mußte ich auch heute nachmittag noch einmal in den Wald hinaus. Und außerdem: Den Krüppel, den Sie da abgesägt haben, den hätte ich sowieso nicht verkaufen können. Der ist doch gerade noch zum Verbrennen gut genug. – Und nächstes Jahr kommen Sie gleich zu mir. Wo wir doch jetzt sozusagen alte Bekannte sind. Dann können Sie sich die Sucherei im Wald auch sparen.“

Unvergessene Weihnachten. Band 10
38 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen
Zeitgut Verlag, Berlin
Preis: 11,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-210-7
Taschenbuch-Ausgabe
Preis: 8,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-211-4

 


Veröffentlicht am: 28.11.2021

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