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20.07.2018

 

 

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Lebensumwelt Büro für eine neue Kreativität

Der wohl prominentes Hirnforscher Deutschlands Ernst Pöppel sagt „Kreativ ist der, der sein Hirn überlistet“. Er erklärt die Lebensumwelt Büro, wie dort Kreativität gefördert, Zufriedenheit erhöht und Leistung gesichert werden kann.

Um zu verstehen, wie Kreativität im Büro gefördert werden kann, bedarf es zunächst einer kurzen Einführung in die Neurowissenschaften. Denn wer die Funktionsweise des menschlichen Gehirns verstehen will, muss wissen, dass alle Funktionen durch evolutionäre Selektionsprozesse entstanden sind. Funktionen werden durch neuronale Programme im Gehirn bereitgestellt. Alles, was wir wahrnehmen, erinnern oder fühlen, denken und entscheiden, unser Handeln und alles, was mit dem Bewusstsein und Selbstgefühl zu tun hat, wird durch spezifische neuronale Prozesse im Gehirn möglich gemacht.

Dafür benötigt das Gehirn etwa 100 Milliarden Nervenzellen. Jede ist mit mindestens 10.000 anderen in Kontakt. Das heißt, 10.000 Nervenzellen werden von einer Nervenzelle beeinflusst, und umgekehrt. Die Kontaktaufnahme kann erregend oder hemmend sein. Dafür sind chemische Botenstoffe, die Transmitter, verantwortlich. Obwohl es so viele Nervenzellen im Gehirn gibt, sind seine Mechanismen auch durch „das starke Gesetz der kleinen Zahl“ gekennzeichnet, das sich in der funktionellen Nähe von Nervenzellen zeigt. Jede Nervenzelle ist maximal vier Umschaltstationen von jeder anderen im Gehirn entfernt. Alles ist aufs engste verbunden.

Es ist also unmöglich, etwas wahrzunehmen, ohne sich gleichzeitig zu erinnern und zu bewerten. Ein Erinnern, ohne emotionale Bewertung ist genauso unmöglich wie ein Gefühl ohne Erinnerungsbezug. Das Gehirn als neuronales Netz erzwingt funktionelle Bezüge innerhalb des gesamten psychischen Repertoires. Erst in der retrospektiven Reflektion, wenn wir über uns selber nachdenken, „erfinden“ wir vermeintlich unabhängige phänomenale Bereiche, indem wir Begriffe einsetzen wie Wahrnehmung, Erinnerung oder Gefühl.

Bei der Geburt sind wir mit einem Überangebot möglicher Verbindungen von Nervenzellen ausgestattet. Diese genetische Potentialität wird erst lebenswirksam, wenn wir in den ersten Lebensjahren, die zahlreichen Verbände und Verknüpfungen auch tatsächlich nutzen. Nur mit der funktionellen Bestätigung, wird die genetische Potentialität zur Faktizität, und damit langfristig verhaltenswirksam und lebensbestimmend. Alles, was wir wahrnehmen ist eine Bestätigung oder Zurückweisung einer Hypothese, eines „Vor-Urteils“, innerhalb eines mentalen Bezugssystems, eines inneren Rahmens.

Solche Hypothesen bestimmen unser Wahrnehmen und Denken in jedem Augenblick. In diesem „Innen-Außen-Prinzip“ drückt sich das Ökonomieprinzip menschlichen Wahrnehmens und Denkens aus. Wir müssen die Welt nicht ständig neu konstituieren, das Gehirn geht von einer Kontinuität und Homogenität von Weltzuständen aus, an die es sich in der Evolution angepasst hat. Tritt etwas Unerwartetes auf, ist das Gehirn häufig mit der Informationsverarbeitung überfordert. Das mächtige Ökonomiegesetz des Wahrnehmens und Denkens ist der stärkste Feind der Kreativität. Um kreativ zu sein, muss man aus dem gewohnten Rahmen einer Erwartung heraustreten.

Das Büro: Ein Rahmen für mögliche Kreativität

Geht es um Kreativität, muss man sich die Irrtümer, denen wir ausgeliefert sind, bewusst machen. Denn das, was Ausdruck von Kreativität ist, muss nicht immer richtig sein, und wenn es richtig ist, dann bedeutet dies noch lange nicht, dass sich daraus Innovationen ergeben. Es gibt vier prinzipielle Fehlermöglichkeiten, denen wir im Denken und in der Beurteilung von Sachverhalten ausgeliefert sind.

Wir machen Fehler, weil sich dies aus unserer Natur ergibt. Der wichtigste Fehler, den man bei der Erörterung von Kreativität machen kann, ist, die Dinge zu einfach zu sehen. Das menschliche Gehirn versucht in jedem Augenblick, eine Reduktion von Komplexität vorzunehmen, indem einfache mentale Kategorien bei gleichzeitiger informatischer Müllbeseitigung gebildet werden; man kann es auch als kreatives Vergessen bezeichnen. Wenn wir uns einen Sachverhalt zu erklären versuchen, dann neigen wir dazu, immer nach nur einer Ursache zu suchen. Man kann sagen, dass wir alle an der Krankheit des „Monokausalitis“ leiden. Fast alles, was uns begegnet, ist durch mehrere Faktoren bestimmt. Nur weil unser Gehirn es gerne einfach hätte, dürfen wir nur eine Ursache vermuten. Die Suche nach nur einem Faktor, engt von vornherein das kreative Denken ein.

Die zweite Fehlerquelle ergibt sich aus unserer individuellen Natur. Jeder ist auf seine Weise geprägt. Diese Prägung bestimmt unser persönliches Weltbild. Der Rahmen unseres Erlebens und Bewertens wird in den frühen Phasen unserer Biografie bestimmt. Die individuellen Maßstäbe werden geeicht, und unsere Vorurteile festgelegt. Diese individuelle Festlegung kann aber darin hindern, aufgeschlossen zu sein. Ein zu fester Rahmen ist ein Feind der Kreativität. Da Menschen verschiedene Bezugssysteme des Bewertens haben, kann eine gemeinsame Kreativität nur erreicht werden, wenn man weiß, dass man Vorurteile hat, und man offen ist für die anderen. So macht es durchaus Sinn, vom kreativen Zuhören zu sprechen.

Eine dritte Weise, Fehler im Urteilen zu begehen, ergibt sich aus der Kommunikation des Menschen, insbesondere aus der Sprache. Kommunikative Fehler entstehen, weil das, was uns durch den Kopf geht, nicht angemessen verbal oder nonverbal umgesetzt werden kann. Ein kreativer Einfall mag allein deshalb nicht von anderen aufgenommen werden, weil er nicht gesagt werden kann, weil man also nicht jene Form der Kommunikation findet, die von anderen verstanden wird. Dies ist ein Grund dafür, dass im kreativen Gespräch oft gezeichnet wird, um dem Gedanken visuell Ausdruck zu verleihen.

Die vierte Fehlerquelle ergibt sich aus Meinungen und Theorien, die wir über Sachverhalte haben. Eine Theorie kann z.B. die Strategie eines Konzerns oder die politische Richtung einer Partei sein. Damit sind Meinungen vorgegeben, die den Rahmen des Richtigen oder zur Zeit Gültigen bestimmen. Kreativität ist nur erreichbar, wenn wir aus dem vorgefassten Rahmen heraustreten. Das wirklich Neue ist ein Symmetriebruch, der den anderen vor den Kopf stoßen kann. Es gehört zur Stabilität sozialer Systeme, dass es eine vertikale Struktur gibt, in der Autorität („leadership“) implementiert ist. Wenn man zu einem sozialen System gehört, in dem Autorität gegeben ist, fühlt man sich gut aufgehoben. Doch die Zugehörigkeit hat ihren Preis. Hat jemand eine kreative Idee, gehört Mut dazu, das Kreative auch zu äußern. Ein System muss Mechanismen entwickeln, die einerseits Kontinuität gewährleisten, sich aber auch Kreativität entfalten kann.

Orte sind entscheidend für den Aufbau unserer Kreativität

Um die Bedeutung eines Raumes (des Büros) zu verdeutlichen, muss betont werden, dass Orte entscheidend für den Aufbau und den Erhalt unserer Identität sind. Nur wenn wir uns unserer selbst sicher sind, können wir auch kreativ sein. Ohne innere Sicherheit keine Kreativität.

Wie können wir unsere Kreativität entfalten und damit objektiv einen Beitrag für andere leisten sowie subjektiv unsere Lebenszufriedenheit erhöhen? Menschen sind von Natur aus ortsverankerte Wesen. Wir brauchen für die Entfaltung unserer Möglichkeiten Sicherheit. Wir finden sie, wenn wir uns irgendwo heimisch fühlen. Da wir einen großen Teil unserer Zeit in einem Büro zubringen, muss dieser Ort als persönlicher Raum empfunden werden. Bezieht jemand einen neuen Arbeitsraum, sind es häufig sehr persönliche Dinge, die zuerst ausgebreitet werden. Ein Revier wird in Besitz genommen, und der Raum wird ein neuer Bezugspunkt, aus dem heraus man lebt und handelt.

Wenn wir uns einen Raum zu Eigen machen, nehmen wir eine egozentrische Perspektive ein (das hat nichts mit Egoismus zu tun!). Bei der exozentrischen Perspektive wird uns ein Ort wie auf einer Landkarte zugeteilt, mit dem wir uns aber nicht identifizieren können. Daraus folgt, dass der Verzicht auf das individuelle Büro keine angemessene Lösung ist, hat man die Förderung der Kreativität im Auge. Eine solche Strukturierung der Arbeit, in der man jeden Tag einen neuen Arbeitsplatz zugeordnet bekommen kann, geht von einem Menschenbild aus, in dem wir als beliebig instrumentalisierbar konzipiert werden. In solchen entpersönlichten Bürolandschaften können Aufgaben abgearbeitet werden, aber sie sind kein Ort für Kreativität.

Die Evolution des Lebens ist bei weitem der kreativste Prozess gewesen, der sich auf der Erde entfaltet hat. Was können wir aus ihr lernen, um von einer „evolutionären Kreativität“ in einem Büro sprechen zu können? Die wichtigsten Prinzipien der Evolution sind Mutation, Variabilität der Merkmale und Selektion. Die Variabilität (in der Evolutionsbiologie spricht man von „biodiversity“) ist besonders wichtig. Wenn vieles Verschiedene zusammenkommt, kann leichter etwas Neues in einem Selektionsprozess entstehen. Durch Zufall (Mutation) können neue Konfigurationen entstehen. Ein Raum muss also die Möglichkeit für Variabilität geben.

Welche Gestaltungsmerkmale können eine Rolle spielen, und wie könnte die Arbeit zeitlich inszeniert werden?

Der Kreativitätsstau in unserer Gesellschaft könnte explodieren, wenn die Büros in allen Institutionen täglich eine Stunde aus dem Kommunikationszwang aussteigen würden. Dies müsste natürlich überall dieselbe Stunde sein. Das Land ist still und denkt. Entscheidend ist, dass man sicher sein muss, nicht gestört zu werden. Da so etwas für ein ganzes Land nicht durchzusetzen ist, sollte wenigstens in Firmen versucht werden, der Kreativität eine Nische zu geben.

Man arbeitet effizienter, wenn die Arbeitszeit zeitlich segmentiert, also in regelmäßigen Abständen eine kleine Pause eingelegt wird. Aufgrund der tagesperiodischen Variation der physiologischen und psychologischen Funktionen sollte diese Pause nach dem Mittagessen etwas ausgedehnter sein. Zur zeitlichen Inszenierung kreativer Arbeit gehört auch die Regelmäßigkeit. Gleitzeitregelungen erlauben eine zeitlich flexible Gestaltung der Arbeitszeit.
Was sind äußerliche Merkmale eines Raumes, die der Kreativität förderlich sind? Es mag verwunderlich scheinen, doch ist es vor allem der Ausblick. Man muss „herausschauen“ können; denn so wird eine Verbindung mit der Außenwelt hergestellt und aufrecht erhalten. Der Blick durch das Fenster ist nicht (nur) dazu da, den Geist in die Ferne schweifen zu lassen, sondern den Geist im eigenen Raume zu verankern, und um sicherzustellen, wo man in der Welt ist.

Dem Blick durch das Fenster entspricht der Blick auf Bilder. Diese Bilder haben nichts mit dem unmittelbaren Aufgabengebiet zu tun. Wird das Büro individuell ausgestattet, sind es fast immer Bilder, die einen privaten Bezug haben, und damit den Raum in eine persönliche Umwelt formen. Der Blick durch das Fenster und die Bilder an der Wand erhöhen die Diversität, und damit wichtige Elemente für neue Bezüge und ungewöhnliche Einfälle.

Die Diversität wird auch erhöht, wenn nicht immer alles weggeräumt wird, mit dem man sich gerade befasst. Ein leerer Schreibtisch mag Ausdruck von Ordnung sein, kann aber auch von mangelnder Flexibilität und gewisser Distanz zur eigenen Arbeit zeugen. Wenn man seine Arbeit vor Augen behält, kann man sie nach einer Unterbrechung leichter wieder aufnehmen. Hier wirkt sich auch wieder die Ortsgebundenheit des Denkens aus. Der gute Büroraum, der dem menschlichen Maß entspricht, ist ein individueller Kosmos, in dem sich nach evolutionären Prinzipien Kreativität entfalten kann.

Kann man einen solchen Raum mit anderen teilen? Ja. Für das technische Abarbeiten von Aufgaben kann es sogar gut sein, wenn mehrere zusammen arbeiten. Im Hinblick auf die Kreativität ist das Teilen eines Raumes eine Herausforderung, denn alles hängt vom sozialen Zusammenspiel der Partner ab. Zu große persönliche Distanz, aber auch zu große Nähe können lähmen. Wenn außer der Arbeitswelt andere (z.B. persönliche) Interessen geteilt werden, kann dies für die aufgabenbezogene Konzentration störend sein. Wenn die Beteiligten ein gemeinsames Ziel verfolgen, und soziale Rituale eingehalten werden, kann ein Teilen möglich sein. Ganz anders stellt sich das Problem für Großraumbüros, die auf Grund der Größe wieder individuelle Zonen ermöglichen.

Wo sollten Büros liegen?

Kreativität findet in einem Radius von 50 m statt. Sie entfaltet sich besonders gut, wenn man es nur mit zwei Dimensionen zu tun hat. Muss man in ein anderes Stockwerk gehen, um mit jemandem einen Fall zu erörtern, findet schon ein Einbruch der Kreativität statt. Man denkt und handelt in einer Ebene. Der Türrahmen spielt hier eine wichtige Rolle. Viele gute Gespräche finden im Türrahmen statt. Man hat etwas gesagt und im Hinausgehen fällt einem noch etwas ein. Die geographische Bedeutung für Kreativität bedingt durch den operativen Radius von 50 Metern und die Beachtung der 2-Dimensionalität stellt besondere Anforderungen an die Architektur.

Viele Menschen müssen sich bewegen, damit ihnen etwas einfällt. Deshalb muss ein Büro genug Platz bieten, um darin auf und ab gehen zu können. Gehen regt das Denken an. Wir sollten nicht vergessen, dass mit dem Gehen die kreativsten Leistungen des Abendlandes verbunden sind. Aristoteles und seine Schule werden auch die Peripatetiker genannt, weil sie das kreative Denken im Gehen besorgten. Und schließlich: mit einem vollen Magen denkt es sich nicht gut; am kreativsten sind wir, wenn wir etwas hungrig sind, und zwar hungrig im doppelten Sinne, nach Essen und nach Wissen.

Autor: Ernst Pöppel / QUERDENKER-Club

 


Veröffentlicht am: 26.08.2011

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