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Im Gespräch: Hinrich Rosenbrock - Beobachter der antifeministischen Männerrechtsbewegung

Am 20. Januar erschien "Die antifeministische Männerrechtsbewegung. Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung", eine Expertise im Auftrag des Gunda-Werner-Instituts in der Heinrich-Böll-Stiftung und der Landesstiftungen der Heinrich-Böll-Stiftung in NRW, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und im Saarland. Erstellt wurde sie von Hinrich Rosenbrock. Im Mittelpunkt steht die antifeministische Männerrechtsbewegung, sogenannte Männerrechtler, die sich gegen Frauen- und Gleichstellungspolitik, Gender Mainstreaming und Feminismus auflehnen. In ihren Blogs und Online-Debatten werden Männer oftmals als Opfer von Frauen- und Gleichstellungspolitik und des Feminismus dargestellt, über Frauenförderung wird geklagt.

Mit dem Autor der Expertise Hinrich Rosenbrock, Lehrassistent an der Ruhr-Universität Bochum, sprachen Marie Friese und Henning von Bargen vom Gunda Werner Institut.

Ihre Studie „Die antifeministische Männerrechtsbewegung“ untersucht sogenannte Männerrechtler/innen, die sich gegen Frauen- und Gleichstellungspolitik, Gender Mainstreaming und Feminismus auflehnen. Wer sind diese Männer und Frauen der antifeministischen Männerrechtsbewegung? Aus welchen politischen Lagern kommen sie?
Hinrich Rosenbrock:
Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass diese Gruppe von Menschen in sich sehr heterogen ist. Auch wenn Männer eindeutig die Mehrheit stellen, gibt es auch einige Frauen, die sich in diesen Netzwerken organisieren. Viele von ihnen berufen sich auf situative Einzelerfahrungen, um ihr Geschlechter- und Gesellschaftsbild zu begründen. Zum politischen Hintergrund lässt sich festhalten, dass die Vertreter_innen größtenteils aus liberalen, konservativen, christlich-konservativen (evangelikalen) und rechten Kreisen stammen. Was sie allerdings eint, ist ihr – teilweise bis zum Hass aufgebauschter – Antifeminismus.

Antifeministische Argumentationen gibt es schon so lange, wie es feministische Bewegungen gibt. Was ist neu?
Hinrich Rosenbrock:
Das Neue an der antifeministischen Männerrechtsbewegung sind zum Einen ihre Methoden und Organisationsformen. Diese stützen sich hauptsächlich auf das Internet, was im Zusammenhang mit der dort herrschenden Anonymität sicherlich mit zu einer Extremisierung der Meinungen und Umgangsformen beiträgt. Zum anderen gibt es inhaltliche Neuerungen. So ist der Antifeminismus in diesem Fall mit der männlichen Opferideologie verbunden. D.h. Männer werden grundsätzlich als Opfer eines angeblich allmächtigen Feminismus konstruiert. Damit wird versucht, feministische Argumentationen für die eigene Ideologie umzudrehen. Aus Patriarchatskritik würde so Feminismuskritik. Dies soll u.a. die eigene moralische Glaubwürdigkeit erhöhen.

Antifeministische Männerrechtler/innen sind in vor allem in Blogs und Online- Debatten anzutreffen. Welche Ziele verfolgen die Männerrechtler/innen? Welche Geschlechterrollen befürworten sie?
Hinrich Rosenbrock:
Die Hauptziele sind die Stärkung oder zumindest der Erhalt männlicher Vorrechte und das Zurückdrängen feministischer Argumentationen bzw. Institutionen. Dies gipfelt teilweise in Vernichtungsphantasien gegen den Feminismus und auch gegen einzelne feministische Personen. Die Online-Interventionen dienen meistens dem Stören von Geschlechterdebatten. Die dabei vertretenen Geschlechterrollen können als konservativ mit einer Befürwortung männlicher Dominanz bezeichnet werden. Dies muss nicht bedeuten, dass Frauen zurück an den Herd sollen. Vielmehr richten sich die Argumentationen gegen Frauen in Führungspositionen und für mehr Frauen in unterbezahlten und gefährlichen Berufen. Außerdem konnte ich in der Studie herausarbeiten, dass die hier vertretenen Bilder von Männlichkeit von den meisten Männern nicht geteilt werden. Da die Antifeminist/innen jedoch Männer, die ihren Vorstellungen nicht entsprechen, ausgrenzen, sind sie zu großen Teilen nicht nur Frauen- sondern auch Männerfeindlich.

Welche Überschneidungen oder Bezüge gibt es zwischen dem Gedankengut und den Argumentationsweisen der antifeministischen Männerrechtler/innen und der „Neuen Rechten“ oder sogar der rechtsextremen Szene?
Hinrich Rosenbrock:
Die antifeministischen Argumentationen, insbesondere die Kritik am Gender-Begriff und an Gender Mainstreaming sind in beiden Bereichen fast deckungsgleich. Allerdings ist der Antifeminismus für diese Männerrechtsbewegung die Vereinigungsideologie, während sie in (extrem) rechten Kreisen Bestandteil eines größeren Ideologiegebäudes ist. Rassismus und Homophobie sind in der antifeministischen Männerrechtsbewegung relativ häufig zu finden, allerdings sind diese Ideologien nicht konstituierend für diese. Somit wird deutlich, dass es sich zwar um voneinander unabhängige politische Netzwerke handelt, es jedoch durchaus zu Kooperationen kam und auch weiterhin kommen wird.

Was sind Ihre Überlegungen zum Umgang mit Männerrechtler/innen? Macht es Ihrer Meinung nach Sinn sich auf eine Debatte mit ihnen einzulassen? Oder ist effektiver sie zu ignorieren?
Hinrich Rosenbrock:
Eine konstruktive Debatte ist mit den von mir untersuchten Gruppen im Normalfall nicht zu führen, da sie politisch Andersdenkende in teilweise extremer Form diffamieren und keinen inhaltlichen Austausch mit ihnen suchen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man sie einfach ignorieren kann. Denn trotz ihrer geringen Anzahl gelingt es ihnen immer wieder Geschlechterdebatten zu stören und Einzelpersonen einzuschüchtern. Deshalb ist ein offensiver, nicht personalisierter Umgang zu empfehlen. Mögliche Kooperationspartner/innen der Antifeministen sollten über diese Bewegung aufgeklärt werden. Solidarisches Verhalten kann von Angriffen betroffenen Einzelpersonen helfen. Auch sollten sich gerade kommerzielle Forenbetreiber/innen ihrer Verantwortung bewusst werden und stärker gegen Beleidigungen, Bedrohungen u.ä. vorgehen.

Mit welchen Reaktionen der Männerrechtsbewegung rechnen Sie im Hinblick auf die Studie?
Hinrich Rosenbrock:
Anhand der bisherigen Reaktionen auf Veröffentlichungen über sie, gehe ich davon aus, dass es zwei Arten geben wird. Die erste ist sicherlich in entsprechenden Zeitungsforen u.ä. Stimmung gegen die Studie zu machen, um zu versuchen, ihre Bedeutung zu schmälern. Zweitens ist aber auch davon auszugehen, dass es (verbale) Angriffe gegen mich als Autor und eventuell gegen die Heinrich-Böll Stiftung geben wird. In der Vergangenheit wurde auch – relativ erfolglos – versucht, den juristischen Weg zu gehen. In diesen Punkten zeigt sich, dass die meisten antifeministischen Männerrechtler/innen eben nicht kritikfähig sind und eine sachliche Diskussion kaum möglich ist.

Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung

 


Veröffentlicht am: 02.02.2012

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