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Stress ist schick: Das neue Statussymbol

Die amerikanische Stressforscherin Leslie Reisner hat als neue Lieblingsbeschäftigung der Amerikaner das Klagen über Stress identifiziert. Das dürfte in Deutschland nicht anders sein. Wir klagen darüber, wofür wir alles keine Zeit haben und wie beschäftigt wir sind. Wir berichten ausführlich und umfassend, wie anstrengend Arbeit und Leben überhaupt sind und was uns alles belastet.

Da stimmt doch etwas nicht? Denn es ging uns noch nie so gut wie heute. Wir haben mehr Urlaubstage als je zuvor und arbeiten weniger. Technik nimmt uns schwere Arbeit ab. Wir leben im Wohlstand und müssen über die Frage wie wir satt werden nicht mehr nachdenken. Maschinen und Dienstleister an allen Ecken sparen Zeit - doch wo ist sie hin?

Überraschend ist, dass erwachsene Deutsche auf die Frage, ob Sie für mehr verfügbare Zeit ihren Lebensstil ändern würden zur großen Mehrheit mit „nein“ antworten. Die Stressforschung zeigt, dass wir uns während der Arbeit oft gestört fühlen. Wird ganz konkret nachgefragt, treten Störungen aber tatsächlich selten auf. Mitarbeiter beklagen, dass Sie steigenden Druck empfinden, ständig erreichbar sein zu müssen. In Wirklichkeit trifft dies allerdings nur auf 8 % der Beschäftigten zu.

Offenbar haben wir uns eine Parallelwelt aus Anstrengung und selbst gemachtem Druck erschaffen. Wir hetzen uns ab, vermeintliche Ideale zu erreichen, seien sie materiell, wie eine ganz bestimmte Küche, oder ideell, wie Disziplin, Fitness oder Geduld. Und dabei mühen wir uns ab, statt Freude daran zu haben oder einfach mal abzuwarten, was das Leben bereithält.

Das Fatale daran ist: Wir glauben, das sei die Realität. Das müsse so sein. Unser hoch entwickeltes Gehirn hat aus seiner Kapazität in Vergangenheit und Zukunft zu schauen ein gefährliches Eigenleben entwickelt. Und nimmt gar nicht mehr wahr, was gerade geschieht, sondern ruft immer nach „mehr“, „weiter“, „anders“. Sind wir dann dort angekommen, passen wir uns sofort auf dem neuen Niveau an und nehmen dieses als selbstverständlich, und so geht es weiter.

Mentale Probleme stressen uns genauso sehr wie reale Probleme. So ist es nachvollziehbar, dass wir uns „gestresst“ fühlen. Würden wir erkennen, wie sehr Vieles hausgemacht ist, könnten wir das Hauptziel der Deutschen, nämlich 2013 weniger Stress zu haben, locker erreichen. Doch dann hätten wir ja gar nichts mehr zu erzählen. Wir dürfen nicht unterschätzen, dass gemeinsames Tun, und sei es das Klagen, verbindet.

Ist Stress tatsächlich ein neues Statussymbol? In den 70er Jahren hatten die Menschen endlich Zeit, sich auf ihr Privatleben zu konzentrieren, in den 80ern kamen die materiellen Statussymbole. Seit den 90er geht der Trend zu „man hat Stress“. Oder könnten Sie sich vorstellen, anerkennende Blicke dafür zu ernten, dass Sie erzählen, Sie hatten gestern den ganzen Abend gemütlich auf dem Balkon gesessen und in den Himmel geschaut und hätten sich prächtig dabei erholt?

Wir werden eine kulturelle Wende benötigen, um aus dieser schicken Stressfalle herauszukommen. Jeder kann bei sich anfangen und schon einmal seine Werte und seine Kommunikation im Alltag überprüfen. Wenn Ruhe, Pausen, Selbstfürsorge und Vertrauen gleichwertig mit Leistung, Anstrengung und Engagement werden, sind wir auf dem richtigen Weg.

 


Veröffentlicht am: 26.05.2013

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