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27.03.2017

 

 

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Handwerkskunst und Kunsthandwerk

Ein Besuch bei den letzten ihrer Zunft

Die ehemaligen Arbeiter und die jetzigen Besitzer der Perlmuttdrechslerei - Familie Mattejka aus Felling.

Der kühle, waldreiche Norden Niederösterreichs, dort wo das weite Land an Tschechien grenzt, ist seit jeher eine (land-)wirtschaftlich eher schwache Region. Aus heutiger Sicht ein Segen. Denn so hat sich in der Region alte Handwerkskunst gehalten, die andernorts längst ausgestorben ist.

Das Waldviertel nördlich der Donau führte lange ein Schattendasein – und das nicht nur aufgrund seines Wälderreichtums, der der Region ihren Namen gab. Das raue Klima begünstigte den Anbau von Getreide oder witterungssensiblen Feldfrüchten nicht gerade. Und die einstige Randlage am Eisernen Vorhang war der Ansiedlung von Unternehmen und Industrie auch kaum förderlich. Doch wo die (Land-)Wirtschaft schwach ist, da gedeiht zwangsläufig das Kunsthandwerk und die Handwerkskunst, das jene Boden- und Naturschätze verarbeitet und veredelt, die die Landschaft dann doch hervorbringt. Und so findet man in der Region noch heute zahlreiche Traditionsbetriebe und Manufakturen, die Kostbarkeiten hervorbringen, die in anderen Teilen des Landes, ja Europas längst in Vergessenheit geraten sind.

Knöpfe mit Geschichte

Ein Beispiel dafür sind die schillernden Qualitätsknöpfe aus der Perlmuttdrechslerei der Familie Mattejka in Felling. Noch bis in die 1950er-Jahre fertigten 98 österreichische Betriebe „Lochscheiben“ aus Muschelmaterial. Doch dann kam das Kunststoff-Zeitalter. Und so ist Rainer Mattejkas Fabrik im Norden des Waldviertels heute Österreichs einzige Perlmuttdrechslerei. Gegründet wurde der Betrieb 1911 vom Ururgroßvater Rudolf Marchart, der die Muscheln noch aus der heimischen Thaya und der March bezog. Nachdem die heimischen Bestände erschöpft waren, begann Bruno Marchart 1948 mit dem Import von Meeresmuscheln und -Schnecken. Heute kommt das edle Rohmaterial aus Indonesien, Australien, Japan, Mexiko und Neuseeland. Rund 20 Tonnen sind es jährlich.

Ob das Material echt ist, ist leicht überprüfbar, denn echter Perlmutt fühlt sich auf der Haut immer kalt an. Da das Roh-Produkt sehr wertvoll ist, muss es mit größter Sorgfalt bearbeitet werden. Unter Verwendung von Spezialmaschinen werden die Rondellen von sieben Mitarbeitern in halbautomatischer Arbeit ausgebohrt – immerhin 12.000 Rohlinge pro Tag. Schließlich wird die Facon gefertig und der Knopf gelocht. Anschließend werden die gefertigten Knöpfe gewaschen und bei Bedarf gefärbt. Um den endgültigen Glanz zu erreichen, kommen die Werkstücke noch zwölf Stunden lang in eine mit winzigen Holzwürfeln und Polierpaste gefüllte Poliertrommel. Als letzter Schritt folgt die Qualitätskontrolle. Knöpfe mit Bruch werden per Hand aussortiert. Zwei bis zweieinhalb Millionen schillernde, schimmernde Knöpfe schaffen es pro Jahr durch die Kontrolle und zieren dann Blusen und Hemden in aller Welt.

In 100-jähriger Tradition wurde die Technologie der Herstellung verfeinert, und dennoch das Handwerk der Perlmuttknopferzeugung bewahrt. Im Familienbetrieb helfen alle mit, auch der jüngste: Sohnemann Fabian. Denn eines Tages wird auch er – so wie fünf Generationen vor ihm – aus den Schätzen des Meeres kleine Kunstwerke schaffen. Neben Knöpfen und Schmuck, der in Zusammenarbeit mit Silberschmieden entsteht, umfasst das Angebot heute auch schimmernde Gebrauchsgegenstände wie Salzstreuer oder Brieföffner aber auch Sonderanfertigungen wie Klavierlöffel. Wie die entstehen können Besucher live erleben und bei einer Filmführung das kleine Einmaleins der Knopfherstellung noch vertiefen.

Altes Getreide, neuer Genuss

Zugegeben: Bäckereien sind nicht gerade vom Aussterben bedroht. Dennoch darf sich der Betrieb Kasses in Thaya, wenn auch nicht als letzter, so doch als erster seiner Zunft in Österreich bezeichnen: Chef Erich Kasses ist nämlich Österreichs einziger Slow Baker, hat sich also ganz und gar dem Slow Baking verschrieben. Er setzt auf Granderwasser und spezielle Sauerteigkulturen, die täglich kultiviert werden. Mühsam und zeitaufwändig. Doch gutes Brot mit unverfälschlichem Geschmack, das weiß man hier im Waldviertel, braucht genau diese ehrliche und echte handwerkliche Backkultur, die leider eher zur Seltenheit geworden ist. Dass auf Konservierungsmittel und Geschmacksverstärker verzichtet – und auf Fertigmischungen sowieso – versteht sich da von selbst.

Aber nicht nur die Langsamkeit hat Erich Kasses (wieder-)entdeckt, sondern auch viele alte Getreidesorten, wie Dinkel, Hirse und Leinsaat. Für viele seiner Brote und süßen Knabbereien verwendet er zudem ausschließlich regionale Produkte. Wie etwa für seine Mohnplunder, in denen bester Waldviertler Graumohn steckt, der ganz in der Nähe in besonderer Qualität gedeiht und als regionale Spezialität auch die geschützte Ursprungsbezeichnung g.U. der EU trägt. Und die Kürbiskerne stammen natürlich auch aus der Gegend, wird rund um Retz doch traditionell der Bluza angebaut, wie man den Weinviertler Kürbis hier im Norden nennt.

Handgeschöpft und heißbegehrt

Auch Familie Mürzinger, die in ihrer Wurzmühle in Bad Großpeterholz im Oberen Waldviertel, noch handgeschöpftes Büttenpapier herstellt, gehört zu den letzten ihrer einst großen Zunft. Einst war die Herstellung von Büttenpapier in Europa weit verbreitet, hatte gar eine Jahrhunderte alte Tradition. Rohstoff war nicht Holz, sondern alte Lumpen, so genannte Hadern, die ein eigener Berufszweig beschaffte, nämlich der des Lumpensammlers. Doch im Zuge des immer größeren Papierbedarfs und einer drastischen Verknappung des Rohstoffes Hadern, wurde im 19. Jahrhundert mit der Herstellung von Papier aus Holz begonnen. Und so ist der Betrieb, der seit 1774 besteht, heute die einzige Papiermühle Mitteleuropas. Dass Familie Mörzinger zum Papierschöpfen gekommen ist, war eigentlich Zufall. Anfang der 1960er-Jahre sah Maschinenschlosser Franz Mörzinger im Wald ein 55er-Steyr-Baby, einen Oldtimer, den er gerne gekauft hätte. Das Gebäude dahinter, eine alte Papiermühle, sah er anfangs gar nicht. Er sprach mit dem Besitzer. Das Auto bekam er nicht, aber das Gebäude mit alten Geräten darin. So nahm sich der Maschinenschlosser der Geräte an und begann mit der Papiererzeugung.

Heute führt Franz Mörzingers Sohn Siegfried mit Ehefrau Margarete die Papiermühle. Margaretes Schwester Eva hilft beim Papiermachen und ist für die schönen Lesezeichen verantwortlich. Grundmaterial für Büttenpapier ist reiner Baumwollstoff. Die Stoffreste kommen zuerst in den so genannten Hadernschneider, wo sie zerschnitten werden. Danach werden sie zusammen mit Wasser im „Holländer“, einem Granittrog, 40 Stunden lang gemahlen. Anschließend wird die breiige Masse in die Butte gegossen, aus der mit einem Sieb jeder Bogen einzeln per Hand geschöpft wird. Der Bogen wird dann zum Abtropfen auf eine Filzunterlage gegautscht und schließlich in speziellen Holzklapperln zum Trocknen aufgehängt. Die Papiermühle Mörzinger ist europaweit die letzte, die wirklich Baumwollstoff zur Herstellung nach alter Überlieferung verwendet. Bei einer Führung durch die Papiermühle sieht man die verschiedenen Herstellungsstufen und kann sein eigenes Blatt Büttenpapier schöpfen. Die Unregelmäßigkeiten und der Büttenrand sind dabei ein Qualitätsmerkmal.

Fotos: © RM Permuttdesign/ Anja Mattejka
Quelle: MaroundPartner

 


Veröffentlicht am: 09.01.2014

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