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Morgengruß von Helmut Harff: Lemminge

Was ein Handyklingeln so auslöst

Wenn wir beobachten, dass viele Menschen mehr oder weniger unbewusst etwas anderen Menschen nachmachen, dann sprechen wir von Lemmingen. Die pelzigen Mäuse aus Sibirien sind dafür bekannt, sich in Massen auf Wanderschaft zu begeben. Übrigens: Die Mähr, dass Lemminge Massenselbstmord begehen ist wohl eher einer überbordenden Fantasie als der Realität geschuldet.

Wie komme ich auf die Lemminge? Wir kennen ja alle das Phänomen, dass wir uns alle kratzen, wenn das einer ziemlich intensiv (vor)macht. Auch gähnen wir, wenn das einer den Mund aufreißt. Ähnliches ist im Theater, im Kino oder im Konzertsaal zu beobachten: Hustet einer, so setzt sich das quer durch den Saal fort.

Nun fällt mir immer wieder auf, dass fast alle Leute ihr Handy zücken, wenn irgendwo eines ein Geräusch von sich gibt. Ich gehe davon aus, dass jeder "seinen" Klingelton kennt und deshalb nicht meint, er würde kontaktiert. Das gemeinsame Handyzücken passiert auch dann, wenn der Klingelton des "Leit-Lemmings" völlig exotisch ist.

Nun sind Gähnen, Husten oder ein Juckreiz körperliche Aktivitäten. Doch das Handy ist für uns ein "externes Teil". Oder doch nicht? Gehört das Handy für die viele Menschen schon so zu ihnen, dass es der Körper als Teil von sich ansieht? Sind wir ohne Handy schon amputiert? Bei vielen Zeitgenossen habe ich inzwischen den Eindruck. Ich will und kann das nicht wirklich werten. Ich weiß nicht, was das mit uns als Individuum, aber auch mit uns als Gesellschaft macht. Da bin ich gespannt.

Erstaunlich ist nur, dass mir das noch nie bei einem anderen Teil aufgefallen ist. Es kramen nicht alle nach einem Buch, wenn einer zu lesen anfängt. Nicht alle Frauen zücken den Lippenstift, wenn das eine Geschlechtsgenossin tut (na, einige kontrollieren dann auch reflexhaft ihre Spiegelbild). Nicht alle Männer greifen zur Bierflasche, wenn sich ein ganz fremder Kerl schräg gegenüber in der S-Bahn einen kräftigen Schluck gönnt. Halt: Da fällt mir ein, dass es bei Rauchern schon häufiger vorkommt, dass sich viele eine Zigarette anzünden, wenn das einer tut. Wenn ich richtig überlege, ist das in der Kneipe oder bei einer privaten Party mit dem Bier oder anderen Getränken ebenso.

Heißt das vielleicht, dass unser Suchtverhalten auch fremd gesteuert ist? Sind wir, sobald es um unsere Süchte geht, wie die Lemminge? Einer macht es vor und alle folgen? Sind wir Süchtig nach dem Handy-Klingeln? Sind wir süchtig nach Anrufen, nach SMS? Ist das auch der Grund, warum so viele Menschen mit dem Handy in der Hand zu sehen sind, obwohl gar keiner anruft?

Handy-Sucht - die scheint rasant zuzunehmen. Ohne Handy verlassen immer weniger die Wohnung - sei es auch nur auf dem Weg zum Briefkasten. So zumindest meine nicht repräsentative Umfrage und eigene Beobachtungen. Ich finde, dass sollte uns zu denken geben. Kann uns wirklich die Handy-Sucht befallen? Wenn ja, wann wird diese Sucht amtlich anerkannt? Steht bald auf jedem Handy "Vorsicht Suchtgefahr"?

Ich treffe mich jetzt zum Sonntags-Frühstücksbrunch. Wir müssen nur noch absprechen, wo wir uns treffen. Gott sei Dank gibt es ja das Handy.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück. Liegt das Handy neben dem Toast? Suchtgefahr!!!

 


Veröffentlicht am: 23.03.2014

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