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25.06.2017

 

 

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Norman Dewis – Jaguar Urgestein kommt zum Oldtimer Grandprix

Die lebende Jaguar-Legende signiert am „Ring“ seine Autobiographie

Still going strong after all those years! Mit Norman Dewis besucht ein Jaguar Urgestein den diesjährigen Oldtimer Grandprix in der Eifel. Der am 3. August 1920 am Jaguar Stammsitz in Coventry geborene Brite arbeitete 33 Jahre lang für die Raubkatzen-Marke und legte als Cheftester über 400.000 Kilometer mit Geschwindigkeiten von über 160 km/h zurück.

Kein Fahrwerksmalus entging seinem sensiblen Popometer – erst wenn Dewis sein „Okay“ gab, durfte ein neuer Jaguar in Serie gehen. Der noch heute reisefreudige Norman überlebte in seiner langen Karriere zwei böse – aber unverschuldete – Unfälle, bestritt mit Stirling Moss auf einem erstmals mit Scheibenbremsen ausgestatteten C-TYPE 1952 die Mille Miglia und kam 1955 in Le Mans nach dem Ausfall eines Stammpiloten zu einem einmaligen Einsatz als Werksrennfahrer. Beim Oldtimer-Grand Prix wird der Markenbotschafter wieder Anekdoten aus seiner langen Jaguar-Zeit erzählen und seine Autobiographie „Norman Dewis of Jaguar“ signieren. Das 575 Seiten dicke Prachtwerk trägt den Untertitel Developing the legend – die Entwicklung der Legende.

Man schreibt das Jahr 1985: John Egan, seit April 1980 Chairman und Geschäftsführer von Jaguar, hat die lange Jahre unter dem British Leyland-Konzern darbende Traditions-Marke im Jahr zuvor erfolgreich in private Hände zurückgeführt. Jaguar ist im Aufwind, als sich Norman Dewis mit dem letzten von ihm betreuten Modell, dem XJ der vierten Generation (Codename XJ40), mit 65 Jahren in den wohlverdienten (Unruhe)stand verabschiedet.

Den Weg zu Jaguar hatte der Mann mit der Jockey-Statur von Lea-Francis gefunden, wo er bereits Limousinen und Sportwagen testete. Doch während die britische Autoindustrie floriert, stagniert Lea-Francis. Norman streckt seine Fühler daher in Richtung Jaguar aus und erhält im Oktober 1951 ein Vorstellungsgespräch bei Chefentwickler Bill Heynes.

Der erzählt von großen Zukunftsplänen, zeigt ihm den C-TYPE, der gerade Le Mans gewonnen hat und – als Überraschung – eine neue Bremse. Bestehend nicht mehr aus einer geschlossenen Trommel, sondern einer rotierenden Scheibe, an der sich zum Verzögern Beläge rieben.

Das und das spezielle „Family-feeling“ von Jaguar reichen, um Dewis zu überzeugen. Norman startet am 1. Januar 1952, und führt als erste Amtshandlung standardisierte Prüfverfahren ein – sowohl für die Straßen – als auch die Rennwagen. Von Anfang an ist er auch intensiv in die Entwicklung der revolutionären Scheibenbremse involviert. 1952 bestreitet er mit Moss und dem C-TYPE die Mille Miglia. Die neue Bremse hält, doch 160 Kilometer vor dem Ziel prallt das Auto im Regen gegen einen Felsen – Lenkungsbruch, Aus.

Rekordfahrten auf der belgischen Autobahn: 277 km/h im XK120

1953 ist Norman Dewis auch an den legendären Jaguar Rekordfahrten auf der belgischen Autobahn bei Jabbeke beteiligt – fährt dort 277 km/h auf einem XK120 mit aerodynamisch verkleideten Scheinwerfern, partiell abgedecktem Kühlergrill und einer über das Cockpit gestülpten Plexiglaskuppel. Es ist ein Ritt auf Messers Schneide. Malcolm Sayer, Konstrukteur des Wagens und Aerodynamik-Spezialist, wird mit den Worten zitiert: „Wir wunderten uns, dass der Wagen noch stabil blieb, er hätte rein rechnerisch vorne abheben müssen.“ Dewis dagegen gibt cool zu Protokoll: „In der Tat fühlte sich die Lenkung recht leicht an – zum Glück gab es keinen Seitenwind.“

Das Testareal der Motor Industry Research Association (MIRA) bei Lindley wird nach dessen Eröffnung im Jahr 1953 so etwas wie die zweite Heimat für Norman Dewis. Es ist in MIRA, wo unter anderem der in diesem Jahr 60 Jahre alt werdende D-TYPE mit Dewis als Geburtshelfer seine ersten Gehversuche unternimmt. Es folgen bis 1985 unzählige weitere Modelle: Mk VII bis Mk IX, Jaguar 2.4 und 3.4, XK 120/140/150, XK-SS, Mk2, S-TYPE und 420, Mk X, E-TYPE, XJ13, XJ-S und die ersten drei Generationen des Jaguar XJ.

Einmaliger Werkseinsatz als Ersatzpilot bei den 24 Stunden von Le Mans 1955

1955 kommt Dewis, der bei Tests oft schnellere Zeiten fährt als die Jaguar Vertragspiloten, unverhofft zu seinem ersten und einzigen Einsatz im Werksteam. Als Ersatzmann teilt er sich in Le Mans einen der neuen „Long nose“-D-TYPE mit Don Beauman. Nachdem Norman den Mercedes von Kling abgeschüttelt hat, liegt das Duo auf Platz vier. Doch dann setzt Beauman den Jaguar kurz nach Mitternacht in die Sandbank der Arnage-Kurve. Auch wenn Norman so ein sicherer dritter oder sogar zweiter Platz durch die Finger gleitet, ist Rennleiter „Lofty“ England zufrieden: „Normans Zeiten waren konstant wie ein Uhrwerk, wir konnten unsere Stoppuhren weglegen. Aber genau dafür hatten wir ihn ja auch geholt.“

Anderer Ort, andere Großtat: 1956 stellt Norman bei einem Tourenwagen-Rennen in Spa sein mechanisches Talent eindrucksvoll unter Beweis. Über Nacht baut er in einer primitiven Garage das defekte Getriebe des Jaguar 2.4 von Paul Frère neu auf. Erst kurz vor dem Start ist der letzte Handgriff erledigt. Gegen die Strecke fährt Dewis das Auto zur Startaufstellung, die Streckenposten drücken alle Augen zu. Und während Norman bald in einen tiefen Schlaf verfällt, gewinnt der Lokalmatador Frère gegen Porsche und Mercedes das Rennen.

Norman Dewis war halt immer der Jaguar Mann für alle Fälle: Als elf Tage später am Freitag vor dem 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring ein Jaguar D-TYPE in die Botanik fliegt, muss schnellstens bis Samstag 11 Uhr ein Ersatzauto her. Dewis übernimmt den Job, fährt den „D“ auf eigener Achse zur Nachtfähre Dover-Ostende. Und ist 20 Minuten vor Beginn des Zeittrainings in der Eifel. Ähnlicher Husarenstreich 1961: Der neue E-TYPE ist der Star auf dem Jaguar-Stand des Genfer Salons. Ein zweites Modell steht für Demo-Fahrten auf einer abgesperrten Bergrennstrecke bereit. Doch so groß ist der Andrang der Journalisten nach einer Mitfahrgelegenheit, dass Jaguar-Chef Sir William Lyons noch ein drittes Exemplar anfordert. Wieder ist es Dewis, der in einer Hauruck-Aktion von Coventry mit einem E-TYPE Roadster durch Frankreich bis in die Schweiz düst. „Ich fuhr um 19:45 Uhr los, gerade noch rechtzeitig, um in Dover die 22:00-Uhr-Fähre zu bekommen. Und trotz dichten Nebels in Frankreich war ich kurz vor 10 Uhr in Genf - 20 Minuten vor der vereinbarten Ankunftszeit.“

Der mythenumwobene XJ13 bleibt bis heute Dewis Lieblingsauto

Nach seinen Lieblings-Jaguar befragt, antwortet Norman Dewis heute: „Der XK150 S, der Long-nose D-TYPE und ‚mein‘ XJ13. Ich weiß, dass sie mich rausgeworfen hat, aber sie ist noch immer so ein liebes Ding!“ Der XJ 13 war der erste Jaguar mit Mittelmotor, entstand 1966 und sollte mit einem 5,0-Liter-V12 bestückt ursprünglich Jaguars Ruhm in Le Mans
fortsetzen. Doch dazu kommt es nie. 1971, im Rahmen der Präsentation des E-TYPE V12, wird das mythenumwobene Einzelstück für einen Promotion-Film noch einmal hervorgeholt. Dewis sitzt am Steuer, als bei Tempo 220 in der Steilstrecke von MIRA die hintere rechte Felge bricht. Der Jaguar dreht sich ins aufgeweichte Infield, überschlägt sich mehrmals und kommt als Wrack auf den Rädern zum Stehen. Wie durch ein Wunder zieht sich Norman nur schwere Prellungen zu. Es ist der zweite Unfall, den er fast unverletzt übersteht: 1954 hatte er sich ebenfalls in MIRA mit einem C-TYPE abgerollt, als dessen Differential blockierte. Damals blieb der Wagen kopfüber liegen, Benzin und heißes Öl tröpfelten überall herunter.

Nach seinem Ausscheiden bei Jaguar 1985 und dem Tod seiner Frau Nan – die er sieben Jahre lang aufopferungsvoll pflegt - beginnt Norman ab 1993 ein neues Leben. Er wird zu englischen Jaguar-Clubabenden eingeladen, bald darauf im Auftrag von Jaguar und des Jaguar Daimler Heritage Trust verstärkt auch zu internationalen Classic Car Events. Denn Norman ist ein Meister der freien Rede, und zieht als geborener Geschichtenerzähler sein Publikum in den Bann. Noch mit 84 Jahren (!) fährt er in Goodwood 82 zügige Runden auf einem Long nose-D-TYPE, mit Journalisten auf dem Beifahrersitz.

Norman bewahrte sich eine heute seltene Tugend: lebenslange Treue zu einer Firma

Jaguar kann sich heute keinen besseren Markenbotschafter als Norman Dewis wünschen. Ein Mann, der nach dem frühen Tod des Vaters mit 14 Jahren die Schule verließ, um beim Autobauer Humber Kotflügel und Motorhauben zu montieren. Sein Leben lang wurde diese lebende Jaguar Legende vom Glauben an harte Arbeit getrieben und hat sich dabei eine heute altmodisch klingende Tugend bewahrt: die lebenslange Loyalität zu einer Firma.

 


Veröffentlicht am: 03.08.2014

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