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Morgengruß von Helmut Harff: 7. November

Der aufregendste Tag

Eigentlich war der 7. November 1989 kein wirklich besonderer Tag. Ja, die DDR-Regierung trat geschlossen zurück und in diesem Zusammenhang war auch offiziell in der DDR die Rede von wirtschaftlichen Problemen. Doch wer davon nicht wusste, musste als Eremit ganz tief in einer Höhle leben oder im Koma liegen.

Es wunderte sich darüber kaum jemand. Auch nicht darüber, dass an diesem Tag erneut tausende Menschen die beste DDR aller Zeiten in Richtung Westen verließen. Das wollte an diesem Tag auch meine damalige Stieftochter samt Familie. Ihr Ausreiseantrag war positiv beschieden worden. Wie schon gestern geschrieben, funktionierte die Bürokratie wie eh und je - schließlich sind wir in Preußen. Ich brachte die beiden Erwachsenen nebst zwei kleinen Kindern in den Westen. Vielleicht erzähle ich einmal, wie das abgelaufen ist. Nur soviel: Ich fühlte mich wie Schwejk.

Meine Frau war ziemlich fertig. Schließlich wusste sie nicht, wann sie ihre Älteste und die beiden Enkel je wiedersehen würde. Doch es kam an diesem Tag noch viel schlimmer. Am Abend erfuhren wir in geringen Abständen, dass auch alle anderen drei Kinder nebst Anhang die DDR verlassen hatten. Weg, ohne ein Wort. Auch die Geschwister hatten sich nicht gegeneinander anvertraut.

Das zeigt, wie gering das Vertrauen unter einander war. Noch immer herrschte die Angst vor den Stasi-Denunzianten. Das konnte die DDR bis zu ihrer letzten Minute aufrecht erhalten. Man vertraute nicht einmal der eigenen Mutter, den eigenen Geschwistern. Man ging. Jetzt wusste ich, wie sich Menschen fühlen, deren Angehörige verschwinden. Uns war klar, dass meine Frau zumindest die drei "Flüchtlinge" wohl erst in vielen Jahren, vielleicht erst dann wieder sehen wird, wenn sie Rentnerin ist. Ich rechnete damit, dass mein Pass sofort eingezogen wird.

Doch ich konnte auch am nächsten Tag unbehelligt nach Westberlin fahren und dort die Tochter im Übergangsheim besuchen. Die vier Personen - darunter ein Baby - waren in einem ungefähr 15 bis 20 Quadratmeter großen Zimmer untergebracht. Das sah alles andere als nach dem goldenen Westen aus - aber es war die Freiheit.

Mir steckte allerdings noch so die Müdigkeit in den Knochen, dass ich nicht mehr viel Kraft zum Wundern hatte. Ich musste nicht nur selber mit dem Verlust klar kommen, sondern auch meine am Boden zerstörte Frau auffangen. Dazu kam noch, dass wir in einer Nacht- und Nebelaktion gemeinsam mit den Schwiegereltern die Wohnung einer Tochter räumten. Damit wollten wir der Stasi zuvorkommen. Die ließ, wie es immer wieder hieß, Wohnungen von Flüchtlingen räumen. Alles fiel dann dem Staat zu. Das wollten wir nicht.

Für mich war dieser 7. November sicherlich der turbulenteste und aufregendste Tag der Wendezeit. So einen Tag möchte ich mit Sicherheit nie wieder erleben.

Ich mache mir jetzt mein Frühstück.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück.

 


Veröffentlicht am: 07.11.2014

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