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Morgengruß von Helmut Harff: 8. November

Ich verstehe es nicht

Eigentlich wollte ich heute mein Wende-Tagebuch fortsetzen. Doch da machte mir die Lokführergewerkschaft GDL einen Strich durch die Rechnung. Nein, ich lamentiere jetzt nicht über den Streik, obwohl es auch darum geht.

Gestern überschlugen sich ja die Ereignisse. Erst die richterliche Erlaubnis zum Streik und dann die Ankündigung der GDL, den früher zu beenden. Solches kannte ich in der DDR ja nicht. Als die Arbeiter - darunter mein Vater - um den 17. Juni 1953 streikten, war ich noch nicht geboren. Ich kannte streikende Arbeiter also nur aus Erzählungen und dem Fernsehen.

Das änderte sich erst 1980 mit der Gründung der polnischen Solidarność. Mit erstaunen blickte ich nach Polen, nach Danzig. Da hatten sich die Arbeiter in einer freien, nicht vom Staat kontrollierten Gewerkschaft organisiert. Es waren vor allem die Menschen auf der Leninwerft, die sich gegen Preiserhöhungen für Fleisch am 1. Juli 1980 wehrten. Dabei hatten die Streikenden so prominente und einflussreiche Unterstützer wie Johannes Paul II., den polnischen Papst Karol Józef Wojtyła, an ihrer Seite.

Und in der DDR? Hier waren fast alle Werktätigen mehr oder weniger freiwillig in der Einheitsgewerkschaft FDGB. Die spielte in der Wendezeit überhaupt keine Rolle. Ich kann mich auch an keine nennenswerten Bestrebungen erinnern, eine unabhängige Gewerkschaft in der DDR zu gründen. Vielleicht gab es so etwas, vielleicht gab es auch hier und da kleine Streiks. Von Bedeutung waren sie aus meiner Sicht nicht. Sonst würde man sich gerade in diesen Tagen wohl daran erinnern.

Wieso ging etwas in Polen, was in der DDR und auch nach deren Ende nicht ging? Das ist eine Frage für Historiker. Ich verstehe im Rückblick nicht, dass die Arbeiter und Bauern nicht gegen das DDR-Regime aufstanden, sich nicht organisierten. Ich verstehe nicht, warum niemand zum Generalstreik aufgerufen hat. Hatten da zu viele verinnerlicht, dass die DDR ein Arbeiter- und Bauernstaat gewesen sein soll?

Wo waren die Arbeiter und Bauern? Klar waren viele dabei, auf den Demos in Leipzig, Berlin und vielen anderen Orten der Republik Ost. Doch wo waren die Forderungen nach freien Gewerkschaften? Vielleicht irre ich mich, aber ich habe so etwas nicht gehört. Die Arbeiter und Bauern wollten einfach nur weg, wollten besser leben. Oder hatten sie mit Schwarzarbeit und Schrauben am Trabbi so viel zu tun, dass sie keine Zeit für freie Gewerkschaften hatten? Wie gesagt, ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass es nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik Deutschland so gut wie keine organisierte Arbeiterschaft in den neuen Bundesländern gab. Damit war der Weg frei, unzählige DDR-Bertriebe für das sprichwörtliche Butterbrot plus Ei zu übernehmen oder gleich platt zu machen. Man regte sich auf, tat aber nichts - wie man es aus der DDR kannte.

Und wo blieb der DGB? Wo blieb die Solidarität der westdeutschen Arbeiter mit ihren Kollegen im Osten? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es so etwas gab. Kein Wunder, war damals die Arbeitslosigkeit im Westen sehr hoch und die Wirtschaft hatte massive Probleme. Da konnte man den neuen Absatzmarkt im Osten gut gebrauchen. Streikende Kollegen waren da weniger gefragt. Besitzstandsdenken á la DGB, wie ich ihn bis heute beobachte. Vielleicht rütteln Spartengewerkschaften wie die GDL oder die Pilotenvereinigung Cockpit die verkrusteten Gewerkschaftsstrukturen in diesem Land auf. Nicht alles, was sich einmal bewehrt hat, muss auf Ewigkeit bewahrt werden.

Ich mache mir jetzt mein Frühstück.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück.

 


Veröffentlicht am: 08.11.2014

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