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Die älteste Taschenuhr der Welt? Der Henlein-Uhrenstreit

Neue Sonderausstellung im Germanische Nationalmuseumürnberg

Ist sie's oder ist sie's nicht - die älteste erhaltene Taschenuhr der Welt? Rund um die dosenförmige Sackuhr im Besitz des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg tobt seit Jahrzehnten ein Streit über Echtheit und Fälschung und den Ruhm der Erfinderleistung.

Ein Forschungsprojekt ging diesen Fragen zwei Jahre lang nach. Das Ergebnis: Die Anlage der Uhr stammt durchaus aus dem 16. Jahrhundert, sie unterlag jedoch im 19. Jahrhundert erheblichen Umarbeitungen.

Vor allem das Uhrwerk nahmen die Experten unter die Lupe. Hochaufgelöste Aufnahmen von Zahnrädern und Verbindungselementen im Streiflicht sowie digitale Scans offenbarten, dass viele Elemente des Räderwerks nicht zusammenpassen. Nachträglich, vor allem im 19. Jahrhundert, wurden zahlreiche Reparaturen durchgeführt, aber auch Veränderungen vorgenommen, die der Funktionstüchtigkeit eher hinderlich waren. Außerdem sind die Abnutzungsspuren des Werks gering, die Uhr ist nie lange gegangen.

Die sogenannte „Henlein-Uhr“ erwarb das Germanische Nationalmuseum 1897 im Kunsthandel. Es handelt sich um eine knapp handtellergroße, dosenförmige Uhr. Das vergoldete Messing-Gehäuse birgt ein Uhrwerk aus reinem Eisen – wie seit Anfang des 16. Jahrhunderts üblich –, dessen mechanisches Prinzip tatsächlich aus der Frühzeit der Antriebstechnik von „Feder und Schnecke“ stammt. Die Unterseite ist mit einem Deckel verschlossen, auf dessen Innenseite eine Inschrift besagt, dass Peter Heinlein diese Uhr 1510 in Nürnberg gefertigt habe: Petrus Hele me f.[ecit] Norimb.[erga] 1510

Der Mythos Peter Henlein

In der Tat lässt sich ein um 1480 geborener Feinmechaniker namens Peter Heinlein Anfang des 16. Jahrhunderts in Nürnberg nachweisen. Der Chronist Johannes Cochläus schreibt 1512 begeistert, Henlein fertige Uhrwerke von geringer Größe, die kein Gewicht als Antrieb benötigen, so dass die Uhren tragbar und hosentaschentauglich sind. Auch die Laufzeit dieser Uhrwerke übertreffe die anderer Modelle. Angeblich 40 Stunden sollten sie gehen, ohne aufgezogen werden zu müssen.

Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts Nationen auf Weltausstellungen miteinander in Wettstreit traten, wurde es Mode, auch auf die Tradition einer Errungenschaft zu verweisen. Die deutsche Uhrenindustrie stieß in historischen Quellen auf den Namen Peter Heinlein und dessen Kleinuhren. Ein „Patron“ war gefunden, der strategisch zu dem deutschen Uhren-Erfinder aufgebaut wurde. Die Stadt Nürnberg und der deutsche Uhrmacherbund stellten 1905 den Peter-Henlein-Brunnen auf. Die Figur erschien anlässlich des 400sten Todestages 1942 als Briefmarkenmotiv. Walter Harlan verfasste 1913 das Theaterstück „Das Nürnbergische Ei“, das sein Sohn Veit Harlan 1938 unter dem Titel „Das unsterbliche Herz“ publikumswirksam mit dem Ufa-Star Heinrich George in der Hauptrolle verfilmte.

Eine Historie des Zweifels


Der Streit um die „Henlein-Uhr“ währt schon lange. Seit dem Ankauf durch das Germanische Nationalmuseum bestanden erhebliche Zweifel an der Echtheit der im Deckelboden verewigten Gravur. Uhren waren Gebrauchsgegenstände, Uhrmacher Handwerker, die ihre Erzeugnisse in der Regel nicht signierten. Die Inschrift war also mehr als ungewöhnlich. In der Öffentlichkeit hatte sich aber damals schon das Bild von Peter Henlein als dem Erfinder der Taschenuhr festgesetzt. Ein „Wissen“, das auch in Schulen gelehrt wurde. Fachwelt und öffentliche Meinung klafften auseinander.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brach ein neuer, ein nationaler „Henlein-Streit“ aus: Italien machte Deutschland den Rang als Uhrmacher-Nation streitig und verwies auf alte italienische Taschenuhren. Seit rund 10 Jahren kommen zudem Diskussionen im Internet auf: Bilder zeigen glänzende Kleinuhren, die von Peter Henlein stammen und älter als die vermeintlich älteste Taschenuhr der Welt im Germanischen Nationalmuseum sein sollen.

Der Umgang mit einem umstrittenen Exponat

Dr. Thomas Eser, Leiter der Sammlung Wissenschaftliche Instrumente, stellte sich die Frage, wie ein Museum mit seinem kritischen Bestand umgehen soll. Ins Depot verbannen oder weiterhin ausstellen? Die Öffentlichkeit ihrer Meinung überlassen und sich eines Superlativs erfreuen? Das Germanische Nationalmuseum entschied sich für ein Forschungsprojekt. „Als Forschungseinrichtung sind wir der Wahrheit verpflichtet“, betont Generaldirektor Prof. Dr. G. Ulrich Großmann, „und an einer ergebnisoffenen Untersuchung unserer Exponate interessiert.“

Ein Team aus Wissenschaftlern, Kunsttechnologen, einem Uhrmacher und dem einzigen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für europäische Uhren bis 1900 in Deutschland untersuchte acht Kleinuhren, die zur Diskussion standen, die ältesten Taschenuhren der Welt zu sein. Wissenschaftliche Analysen, kunsttechnologische Untersuchungen und persönliches Fachwissen flossen in eine Diskussion ein, die sich den Uhren nach dem Mehr-Augen-Prinzip näherte. Gemeinsam wurden alle Zeitmesser und die Scans ihrer Uhrwerke betrachtet, die Eindrücke offen ausgetauscht. Als der Zeitmesser mit den wenigsten Umarbeitungen erscheint heute die sogenannte „Melanchton-Uhr“, ein Bisamapfel 1530 datiert und aktuell im Germanischen Nationalmuseum als Leihgabe aus dem Walters Art Museum in Baltimore zu sehen.

Die aktuelle Sonderausstellung

Die Ausstellung präsentiert einen beeindruckenden Blick auf die Frühzeit der tragbaren Kleinuhren. Zum ersten Mal sind mehrere der kostbaren dosenförmigen Taschenuhren zusammen präsentiert. Die prunkvoll glänzenden Gehäuse mit ihrem zum Teil aufwendigen Dekor lassen den hohen Stellenwert erahnen, den Zeitgenossen diesen Uhren beimaßen. Gemälde aus der Mitte des 16. Jahrhunderts veranschaulichen, dass sich die kostbaren Kleinode schnell zu einem Statussymbol entwickelten, das auf Porträts mit ins Bild gesetzt werden musste. Stolz halten Pankraz von Freyberg oder Ulrich Ehinger ihre Uhren in der Hand, auf dem Bildnis eines unbekannten Mannes hängt sie an einer Kette um den Hals.

Ältere Räderuhren aus dem 15. Jahrhundert führen in die Geschichte der Uhrmechanik ein und veranschaulichen die revolutionäre Entwicklung, die sich im Laufe des 15. Jahrhunderts in der Uhrentechnik vollzog. Grafische Blätter erlauben zudem Einblicke in zeitgenössische Uhrmacherwerkstätten. An Monitoren können Besucher selbst einen Blick in das Innere der „Henlein-Uhr“ werfen und sich die hochauflösenden Scans, die im Laufe der Forschungsarbeit entstanden, ansehen.

Begleitend zur Ausstellung ist Band 16 der „Kulturgeschichtlichen Spaziergänge“ zum Preis von 12,50 € erschienen.

Foto: Oliver Graf

 


Veröffentlicht am: 05.12.2014

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