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Morgengruß von Helmut Harff: Krokodilstränen

Ich kann das Betroffenheitsgetue nicht ab

Auf meinen Morgengruß vom 25. März bekam ich zahlreiche Mails, in denen mir vorgeworfen wurde, dass mir die Toten des Germanwings-Absturzes egal seien, dass ich um sie nicht trauern würde, dass es mir nur um die eigene Person ginge.

Ja, ich wollte meine Reaktion auf das Unglück, meine Gedanken während des Fluges schildern. Ich war erstaunt, wie ich in einer mir bisher Gott sei Dank unbekannten Situation reagiere. Nicht mehr und nicht weniger. Selbstverständlich war und bin ich betroffen, dass so viele Menschen auf einmal ihr Leben verloren, dass so viele Angehörige in tiefer Trauer versinken, dass viele Menschen unter umständen im Moment gar nicht wissen, wie sie weiter leben sollen.

Doch Trauer? Nein, die empfinde ich nicht. Trauer, das hat für mich etwas ganz persönliches. Trauer habe ich empfunden, als meine erste Frau, als meine Mutter, mein Vater, mein sehr guter Freund und Mitstreiter gestorben sind. Trauer für Menschen, denen ich nie begegnet bin, empfinde ich nicht. Die dort aufkommenden Empfindungen sind andere. Das kann Mitgefühl, manchmal auch Wut, Entsetzen, sogar Angst sein. Doch Trauer ist etwas anderes.
Deshalb kann ich auch die vergossenen Krokodiltränen nicht nur nicht verstehen, die Politiker und andere in der Öffentlichkeit stehende Menschen vergießen. Wenn diese Menschen um alle trauern, die bei einem Unglück ums Leben kommen, würden sie zu nichts mehr kommen. Nun sind auf einen Schlag 150 Menschen aus ihrem Leben gerissen worden und die mediale Begleitung ist riesig. Da muss man als Politiker, als Mensch in der Öffentlichkeit schnell einige Krokodilstränen vergießen.

Doch was, doch wem nutzt es, wenn der Bundespräsident seine Peru-Reise abbricht. Wenn er das immer machen würde, wenn Menschen einen Unfalltod sterben, käme er aus seinem Amtssitz nicht mehr heraus. Was nützt es, wenn ein Riesenaufgebot von Politikern in Hubschraubern über der Absturzstelle rumfliegen? Nichts, sie behindern nur die Rettungsarbeiten. Ich fände es gut, wenn sich die Politik sofort um die Angehörigen, ihre Sorgen und Nöte kümmert. An Katastrophenorten haben sie nur dann etwas zu suchen, wenn sie vor Ort wirklich gebraucht werden. Doch wann ist das schon der Fall?

Ich finde auch die mediale Berichterstattung zumindest mehrt als zweifelhaft. Wieso macht man eine Sondersendung nach der anderen, wenn es einfach nichts zu berichten gibt? Wieso klopft man sich auf die Schulter, dass man seine Kamera nicht direkt vor der Schule aufbaut, in die die getöteten Jugendlichen und ihre Lehrer nun nie mehr gehen werden? Wieso betont man, dass unter den Opfern ein Opernsänger war? Ist der ein besonderer Toter? Sind die hoffungsvolle Studentin, das Rentnerehepaar keine Meldung wert? Wieso berichtet man nicht über den Malermeister, der eine Familie, der aber auch eine Firma mit zehn Mitarbeitern hinterlässt, die alle nicht wissen, wie es jetzt weiter geht.

Das sind nur Beispiele, denn ich weiß selbstverständlich nicht, wer bei diesem Flug sein Leben verlor. Ich weiß, dass mein Mitgefühl allen Betroffenen dieser Katastrophe gilt. Ich weiß aber auch, dass mir das Betroffenheitsgedusel, dass mir die vergossenen Krokodilstränen mächtig auf die Nerven gehen.

Auch die Schweigeminute mit 150 brennenden Kerzen bei der Echoverleihung ging für mich deutlich zu weit. Wieso hat man im vergangenen Jahr nicht der über 3.000 Verkehrstoten oder unzähligen Menschen gedacht, die in Krankenhäusern auf Grund von Hygienemängeln verstarben? Erst Kerzen und Schweigen, dann feiern, als wenn nichts wäre - was soll das?

Nun habe ich mich etwas in Rage geschrieben. Die wird wahrscheinlich schnell vergehen, wenn ich in meinem heutigen spanischen Quartier, dem wunderschön gelegenen und sehr alt-ehrwürdigen Hotel „Villa de Alquézar“ frühstücken gehe. Besuchen Sie den gleichnamigen Ort in Katalonien unbedingt einmal.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück.

 


Veröffentlicht am: 27.03.2015

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