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28.07.2017

 

 

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Morgengruß von Helmut Harff: Augen auf

Ein anderer Blick auf eine andere Welt

Ich bin gerade zurück aus dem Senegal. Für alle, die in Geographie gefehlt haben: Senegal ist ein Staat in Westafrika. Vor der Selbstständigkeit gehörte der Senegal zum französischen Kolonialreich. Das merkt man nicht zuletzt an der Landessprache und dem allgegenwärtigen Baguette.

Landet man in der Hauptstadt Dakar, fällt sofort eine riesige Skulptur auf, die fatal an die Monumentalplastiken der sowjetischen Stalinzeit erinnert. Das ist auch wenig erstaunlich, ist das bronzene Monument doch ein Geschenk Nordkoreas. Auch sonst fühlt man sich hier und da an alte Zeiten erinnert, denn Personenkult scheint man auch im Senegal zu kennen. Ansonsten ist Dakar – zumindest habe ich die Stadt so erlebt – eher gesichtslos modern.

Der Schock kam eigentlich erst nach dem Flug mit nicht so richtig vertrauen erweckenden Flugzeug in das Provinznest Ziguinchor im Süden des Landes. Als wir den Miniflughafen verließen, bekam ich einen Schock. Ich dachte, ich bin in einem Slum gelandet. Überall standen Menschen rum, redeten auf einen ein und es war dreckig. Alles sah so aus, wie man es aus unzähligen Filmen über das arme, verslumte Afrika kannte.

Wie gesagt, ich blicke entsetzt aus dem Kleinbus, der uns ins übrigens sehr schöne Hotel brachte. Wellblechhütten, unzählige Kinder, alle Leute schienen auf der Straße zu leben. Doch allmählich legte sich mein Entsetzen und ich schaute genauer hin.  Es gelang mir Stück für Stück, meine europäische Brille abzulegen. Ja, es war dreckig auf den Straßen. Doch was da rumlag, war Plastikmüll, Müll, den wir schiffsladungsweise nach Afrika schaffen und den die Leute dort noch so lange verwenden, bis er eben überhaupt nicht mehr zu gebrauchen ist. Da es keine Müllentsorgung gibt und das Zeug niemand gehört, wirft man es weg. Nicht schön, doch so ist es nun mal.

Ansonsten? Die Menschen gingen zumeist sauber gekleidet, schienen auf eine ganz natürliche Art stolz zu sein. Dieses Bild bestätigte sich immer wieder. Ich sah viel Vieh, an den Bäumen wuchsen überall Früchte – niemand schien zu hungern. Ich sah nirgendwo auf der Reise durch die Casamance Menschen, die augenscheinlich Hunger litten. Sie hatten auch alle ein Dach über dem Kopf, zumeist eines aus Wellblech. Ansonsten nutzte man das „Baumaterial“, dass die Natur, sprich die Palmen ihnen im Wortsinn vor die Füße warf. Das ist nachhaltiges Bauen auf ganz hohem Niveau.

Ich sah, was ich sah, immer mehr mit meiner afrikanischen Brille. Die Menschen arbeitetet, zumeist vor der Tür. Wer will bei 40 Grad auch in einer Werkstatt tätig sein? Die braucht man schlicht nicht. Man braucht auch keine Fensterscheiben. Die heizen nur die Häuser auf. Auch hier reicht das billige Wellblech. Irgendwann wirkte (fast) alles auf mich durchdacht und sinnvoll.

Klar, die Menschen im Senegal, in der Casamance, müssen nicht für die kalte Jahreszeit vorsorgen. Ja, sie leben nicht auf unserem Niveau. Sie gehen dafür mit den ihnen zur Verfügung gestellten Ressourcen deutlich vorsichtiger um. Sie können nicht einfach etwas kaufen – dazu fehlen vielen ganz sicher die Mittel. Das führt dazu, dass unsere europäische Brille überall nur Unterentwicklung sieht, dass unser Helfersyndrom, dass aber auch unsere weiße Überheblichkeit an jeder Ecke neue Nahrung bekommt. Doch das ist unser Problem, nicht das der Afrikaner, wie ich sie in einem ganz kleinen Ausschnitt erleben durfte.

Ich saß mit freundlichen, aufgeschlossenen, witzigen und – wie gesagt – stolzen Menschen abends zusammen in einem Restaurant, traf sie auf dem Markt, handelte mit ihnen, sprach und lachte mit ihnen. Ich habe jetzt eine afrikanische Brille. Die ist nicht rosarot, die verdeckt nicht die Probleme, die zeigt mir aber auch ein Bild jenseits dessen, was mir unsere Medien nur zu gern vorsetzten.

Ich mache mir jetzt mein Frühstück – ohne Baguette, dafür mit Schwarzbrot. Das leckere Obst fehlt mir allerdings.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück. Legen Sie sich bei einem Senegal-Tripp doch auch einmal eine afrikanische Brille zu. Sie werden überrascht sein.

 


Veröffentlicht am: 29.05.2015

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