Startseite  

25.03.2017

 

 

Werbung

 

Vorherigen Artikel lesen Nächsten Artikel lesen

 

Morgengruß von Helmut Harff: Erinnerung

Manchmal überschneiden die sich

Vor zwei Tagen - es war der 13. August - erinnerte ich mich an diesen Tag vor 54 Jahren. Damals ließ die DDR-Führung eine Mauer erbauen. Es war der Tag, an dem ich das erste mal erfuhr, dass auch Erwachsene Angst haben.

Ich war in einem kleinen Dorf in Brandenburg, als die Grenzen dicht gemacht wurden. Die Meldung machte in aller Frühe die Runde und alle waren völlig aufgelöst. Es fühlte sich so an, als ob ich wieder einmal den Hund in den Hühnerstall gejagt hätte. Von Krieg war die Rede, Besitz wurde vergraben und in den Augen sah ich Panik. Wahrscheinlich kannte ich damals nicht einmal das Wort, aber die Hektik, die Angst steckte mich an.

Ich lebte dann als Berliner bis 1989 immer im Schatten dieser Mauer. Irgendwann verstand ich die Ängste der Bauern. Ich geriet in die gleiche Panik, als die Truppen des Warschauer Vertrages 19568 in die damalige Tschechoslowakei einmarschierten. Ich überlegte damals mit meinem Freund, wo wir uns vor dem für uns unausweichlichen Krieg in Sicherheit bringen könnten. Wir verwarfen alle Pläne, da die angesichts eines von uns angenommenen Atomkrieges alle völlig unsinnig waren. Wie wir wissen, kam es anders.

Wie kam ich jetzt darauf? Richtig, die Erinnerung. Heute gilt meine Erinnerung meinem Vater. Der wäre heute 85 Jahre alt geworden. Er hat mich geprägt, war und ist mein Vorbild. Er hat mir gezeigt, dass man sein Ding machen soll, dass das Glas immer halb voll ist, dass das Leben (fast) immer lebenswert ist. Das sind schon genug Gründe, ihn auf einen Sockel zu stellen, ihn eine gottgleiche Stellung zu verpassen. Das passiert, denn in der Erinnerung verklären wir viele Dinge.

Am Tag des Mauerbaus, so erinnere ich mich, musste ich über die Erwachsenen auch irgendwie lachen und beim Einmarsch 1968 in Prag hatte ich auch die schwache Hoffung, dass ich demnächst wieder auf dem Ku-Damm spazieren gehen kann. Das vieles damals relativiert. Auch mein Vater gehört auf keinen Sockel. Da hätte er sich auch nicht wohl gefühlt. Er wollte nicht in der ersten Reihe stehen. Warum sollte ich ihn also heute zu etwas machen, was er gar nicht war und nie sein wollte.

Mir reicht, dass ich ihn noch heute immer wieder mal anrufen will, nach Jahren noch seine Telefonnummer im Kopf habe. Ich glaube, wenn ein Mensch es schafft, so nachhaltige Spuren zu hinterlassen, dann hat er es mehr als verdient, sich an ihn nicht nur an seinem Geburtstag zu erinnern.

Was hat mein Vater mit dem Mauerbau und dem Einmarsch in Prag zu tun, fragen Sie sich? Nichts, außer, er geriet nicht in Panik, behielt bei solchen Dingen immer einen klaren Kopf. Dafür rief er schon mal gern an, wenn er seine Brille nicht finden konnte. So ist das mit einem Vorbild-Vater, der immer einen Bogen um einen Sockel gemacht hat.

Ich mache mir jetzt mein Frühstück.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück. Wie ist das bei Ihnen mit den Erinnerungen?

 


Veröffentlicht am: 15.08.2015

AusdruckenArtikel drucken

LesenzeichenLesezeichen speichern

FeedbackMit uns Kontakt aufnehmen

NewsletterNewsletter bestellen und abbestellen

TwitterFolge uns auf Twitter

FacebookTeile diesen Beitrag auf Facebook

Hoch: Hoch zum Seitenanfang

Nächsten Artikel: lesen

Vorherigen Artikel: lesen

 

 


Werbung

 


Werbung

 


Werbung

 


Werbung

Logo yorxs

 

Neu auf genussmaenner.de


 

 
         
             
     
     
     

 

Service
Impressum
Kontakt
Mediadaten
Newsletter
Nutzungshinweise
Presse
Redaktion
RSS 
Sitemap
Suchen

 

Besuchen Sie auch diese Seiten in unserem Netzwerk
| Börsen-Lexikon
| Geld & Genuss
| gentleman today
| Frauenfinanzseite
| fotomensch berlin - der Fotograf von genussmaenner.de
| geniesserinnen.de
| instock
| marketingmensch | Agentur für Marketing, Werbung & Internet
| Unter der Lupe

 

Rechtliches
© 2007 - 2017 by genussmaenner.de, Berlin. Alle Rechte vorbehalten.

Lesezeichen:
 Del.icio.us Google Bookmark Reddit