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Interior Design Trend

Spitzentanz einer neuen leichten Möbelwelt

Der Trend zieht sich durch das Möbeldesign bis ins Badezimmer: Möbel und Einrichtungen werden wieder leichter, skulpturaler und spielerischer. Die Schwere klotziger Möbel weicht einer fein ausbalancierten Bodenhaftung von Sofa, Leuchte und Wanne.

Gerade denkt man, dass künftig wohl keine moderne Wohnung mehr ohne ein Loft-artiges Wohnzimmer auskommt, um Platz für diese übergroßen Sofas mit ihren für Riesen proportionierten Sitztiefen zu schaffen, da zeichnet sich schon ein neuer Trend ab: Sofas von fast zierlicher Gestalt und ebensolchen Dimensionen, die leichtfüßig neben Cocktail-artigen Sesseln und in Rudeln auftretenden Tischchen stehen, darüber ein Hauch von Lampe(n), die wie vom Winde verweht Lichtflecken auf die Gruppenlandschaft streuen. Klar konturierte, kompakte Polsterformen schweben auf extrem dünnen Beinen oder Metallkufen und schräg angesetzten, auf der Spitze balancierenden Füßen (gesehen unter anderem bei Norman Copenhagen). Die unförmigen Kissenlandschaften werden von schlankeren, gerne auch weich geschwungen Formen abgelöst.

Schon auf der letzten internationalen Einrichtungsmesse imm cologne war der Wunsch nach Leichtigkeit zu spüren, und zwar nicht nur bei Kastenmöbeln (etwa von Capo D’Opera), sondern auch in Form origineller, metallgerahmter Möbel, in die Arbeitsplatz, Kastenmöbel und sogar Leuchten eingehängt werden (GObyMM), bis hin zu den klassischen Essplatz-Ensembles (gesehen unter anderem bei Menu). Der omnipräsente Wohnzimmerwandschrank macht einem eher improvisiert wirkenden, locker arrangierten Ensemble von Sideboard, einzelnen Regalen und Bildern, Sofa und Sessel Platz. Wohnzimmer und Möbelläden, Cafés und Einrichtungsmagazine erfasst eine Leichtigkeit, die mal skandinavisch-pastell, mal in gedeckten, hell kontrastierten Naturtönen und dann wieder fröhlich-bunt eine gute Portion Lebensfreude ins aktuelle Interior Design bringt.

Doch halt: Diese Leichtigkeit kommt auch gerne in Kombination mit großen Volumen daher, mit wie aufgeplustert wirkenden Sofas, großen, ätherisch wirkenden Lampenschirmen und wie aus kantigen Blöcken ausgeschnittenen Formen. Da steht die neue Interpretation des Nierentischchens neben einem rechtwinklig ausgestanzten Couchtisch, der einem Tetris-Programm entsprungen scheint, und delikate Stuhl- und Sesselgestelle aus hauchfeinen Metallstäben – wie bei Konstantin Grcics Sessel Traffic (Magis) – rufen prompt Antipoden wie Sebastian Herkners Sessel Pipe (Moroso) auf den Plan, dessen 8 cm dicke Rohre eine Massivität in den Raum bringen, die das Möbel in natura gar nicht einhält, denn es ist natürlich viel leichter, als es aussieht.

Die neue Leichtigkeit kommt also nicht alleine. Ob es sich dabei um den üblichen Gegentrend zum Trend oder die andere Seite ein und derselben Medaille handelt – das aktuelle Interior Design befleißigt sich im Kombinieren von Gegensätzen. Schwere und Leichtigkeit, Massivität und Transparenz ergänzen sich und betonen den Charakter des jeweils anderen. In idealer Weise finden sich diese Gegensätze in einem einzigen Produkt wie etwa der Leuchte Oda (Pulpo) von Sebastian Herkner vereint: Ein fast schon monströser, halb transparenter Glasballon ruht hier auf einem äußerst fragil wirkenden Drahtgestell.

Hinweise für die Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit finden sich überall: Regale lehnen sich wie Leitersprossen an Wände, transparente Vorhänge wehen vor dem Fenster. Bei den Esstischen finden sich neben vielen klassisch geformten Exemplaren mit zierlich sich zur Kante hin verjüngenden Platten noch XXL-Schwergewichte, die ihre geballte Massivität nun jedoch häufig auf dünnen metallenen Gestellen balancieren müssen. Und erst die schmal sich an Wände schmiegenden Arbeitsplätze, die das Home Office in Konsolenstärke und minimaler Schubladenhöhe in der kleinsten Ecke unterzubringen wissen! Sie scheinen die Schwere des alltäglichen Seins durch die Leichtigkeit des Designs aufheben zu wollen.

Dass die Leichtigkeit ein Trend ist, der uns nicht so schnell verlassen dürfte, zeigt sich beim Blick ins Badezimmer. Denn selbst da, wo man gemeinhin für Generationen baut, wirken die neuen Formen erstaunlich fragil und gar nicht mehr so robust wie einst. Auch hier zieht mit extrem dünner, in engen Radien geführter Keramik eine neue Leichtigkeit ein. Die Entstehung dieser minimalistischen Sanitärprodukte steht nicht nur in Zusammenhang mit neuer Fertigungstechnologie und Materialinnovationen, sondern entspricht dem aktuellen Zeitgeist. Die neue, vom Designbüro Tesseraux und Partner entworfene Badewanne BetteLux Shape (Bette) etwa wird in eine offene Metallrahmenkonstruktion eingehängt, die den Blick auf die eigentliche (Innen-)Form der Stahl-Email-Wanne freigibt. Dadurch entfaltet die Form des Innenvolumens eine skulpturale Wirkung, und das Gesamtpaket wirkt ausgesprochen filigran und wohnlich.

Eine neue Wohnkultur zieht ein, in der das Möbel wieder etwas von seinem ursprünglichen Charakter erhält – der Mobilität.

Fotos: Pulpo, Bette, Norman Copenhagen / koelnmesse

 


Veröffentlicht am: 28.10.2015

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