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23.08.2017

 

 

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Ein Denkmal für Ihre Mutter

Ein Interview mit Cornelia Scheel



Eineinhalb Jahre hat Cornelia Scheel an dem Buch über ihre Mutter geschrieben. Herausgekommen sind 222 Seiten mit sehr persönlichen Erinnerungen voller Liebe und Bewunderung für eine der beeindruckendsten Frauen des letzten Jahrhunderts: Mildred Scheel, Ehefrau des vierten Bundespräsidenten Walter Scheel, 96, und Gründerin der Deutschen Krebshilfe. „Ich wollte ihr ein Denkmal setzen und sie auch den Menschen, die sie nicht persönlich kannten, ein Stück näher bringen“, sagt Autorin Cornelia Scheel über ihre Beweggründe.


Die ehemalige Röntgenärztin und dreifache Mutter (Cornelia, 52, Andrea, 45, und Martin, 45) war eine sehr eigenwillige, aber zielstrebige und engagierte Frau, die Emanzipation bereits lebte, als andere noch darüber diskutierten. Mit der Gründung der Deutschen Krebshilfe schuf Mildred Scheel 1974 ihr Lebenswerk. Sie holte mit ihrem unermüdlichen Einsatz die gefürchtete Krankheit aus der Tabu-Ecke, sammelte Unmengen an Spenden und legte damit den Grundstein für Selbsthilfegruppen, Früherkennung, Forschung und somit verbesserte Heilungschancen. 1983 erkrankte sie selbst an Darmkrebs und starb zwei Jahre später in einer Kölner Klinik im Alter von nur 52 Jahren.

Ihre Tochter Cornelia, die sich während der Krankheitsphase rührend um die Mutter und die beiden jüngeren Geschwister kümmerte, wurde damals selber krank. Nachdem ihre Mutter ihr von der Darmkrebs-Diagnose erzählte, bekam Cornelia massive Essstörungen und wurde kurz nach dem Tod von Mildred Scheel mit dramatischem Untergewicht ins Krankenhaus eingeliefert. Ihr Leben stand auf der Kippe, doch sie schaffte den Weg zurück. Es dauerte fast dreißig Jahre, bis Cornelia Scheel den Schritt wagte, ein Buch über ihre Mutter, die gemeinsame Zeit und die Leere nach dem Tod von Mildred Scheel zu schreiben.
 
Sie haben erst jetzt ein Buch über Ihre Mutter geschrieben, warum?
Cornelia Scheel:
Der Gedanke war schon lange da, aber ich habe es mir nie zugetraut, über so eine große Frau etwas zu Papier zu bringen. Als ich dann vor zwei Jahren von einer Verwandten ein Paket mit verschollen geglaubten Fotos meiner Mutter aus ihrer Kindheit und Jugend bekam, habe ich das als Zeichen von oben gesehen, mich endlich an die Arbeit zu begeben. Ich wollte aber keine Biografie schreiben, sondern meine ganz persönlichen Erinnerungen. Schließlich bin ich diejenige, die meine Mutter am längsten und besten gekannt hat.

Wie war das Schreiben für Sie?
Cornelia Scheel:
Das war sehr, sehr intensiv. Ich bin heute schon zwei Monate älter als meine Mutter hat werden dürfen. Während des Schreibprozesses habe ich mich diesem Alter genähert und bin ihr wieder neu begegnet.

Haben Sie Neues über Ihre Mutter oder sich selbst erfahren?
Cornelia Scheel:
Aus vielen, teils tränenreichen Gesprächen mit wirklich guten Freunden meiner Mutter habe ich weitere Einblicke in ihr Leben erhalten und erfahren, wie wichtig sie diesen Menschen war. Von meinem Patenonkel in Bad Tölz habe ich dann leider zufällig eine für mich nicht so schöne Information bekommen.

Welche?
Cornelia Scheel:
Er erzählte, dass ich die ersten beiden, für ein Kind so prägenden Lebensjahre in einem Waisenhaus verbracht habe, weil meine Mutter als junge Ärztin arbeiten und Geld verdienen musste. Das war ein großer Schock für mich. Auch deshalb, weil meine Mutter ein so schlechtes Gewissen gehabt haben muss, dass sie dieses Geheimnis mit ins Grab genommen hat.

Sind Sie Ihrer Mutter böse?
Cornelia Scheel:
Nein, ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mich damals nicht abgetrieben oder zur Adoption freigegeben, sondern für uns beide gekämpft hat. Das war im Jahr 1963 im hochkatholischen Bayern eine sehr mutige Entscheidung. Meine Mutter hat mir immer sehr viel Liebe geschenkt und mir stets das Gefühl der Geborgenheit und des Aufgehobenseins vermittelt. Deshalb bin ich traurig, dass wir nie über das Waisenhaus gesprochen haben und ich ihr weder meine Dankbarkeit noch meinen Respekt vor ihrem Mut mitteilen konnte.

Was hat das Buch bei Ihnen bewirkt?
Cornelia Scheel:
Meine Mutter und ich waren schon zu Lebzeiten sehr eng. Die dreißig Jahre nach ihrem Tod war diese Nähe jedoch gepaart mit einem großen Schmerz. Ich vermisste sie täglich. Jetzt ist die Nähe schöner, enger, fast schmerzfrei. Heute habe ich das Gefühl so bei ihr zu sein, wie ich es mir immer gewünscht habe. Ich habe ein Gefühl des Friedens in mir und gehe viel angstfreier, ja befreiter durchs Leben. Vielleicht, weil ich jetzt eine Erklärung für meine immer dagewesene Verlustangst und dadurch viel mehr Verständnis für mich selbst entwickelt habe.

Welches Bild haben Sie von Ihrer Mutter?
Cornelia Scheel:
Mildred ist die großartigste und stärkste sowie einer der wärmsten Menschen, der mir jemals begegnet ist. Sie war unglaublich humorbegabt und lachte aus voller Kehle am liebsten über sich selber. Meine Mutter war und ist einzigartig, ein regelrechtes Ereignis, das es so schnell nicht mehr gibt.

Was ist ihr ganz persönliches Erbe an Sie?
Cornelia Scheel:
Geh Deinen Weg, hab mehr Mut und versuche endlich einmal Deine Träume zu realisieren, denn Du hast auch ganz viel Kraft und Stärke in Dir! Recht hat sie! Als Managerin von Hella von Sinnen habe ich all meine Träume und Bedürfnisse hinten angestellt. Jetzt denke ich mehr an mich.

Ihre Mutter hat sie als Teenager inflagranti mit der Reitlehrerin erwischt. Sie haben mit ihr nie über Ihre Homosexualität gesprochen?
Cornelia Scheel:
Ich wollte eigentlich nicht lesbisch sein. Ende der 70er gab es so gut wie keine weiblichen Vorbilder, an denen ich mich hätte orientieren können. Während meine Freundinnen mit Jungs anbandelten, fühlte ich mich mit meinen Gefühlen für Frauen alleine, fast wie eine Kranke. Also habe ich mich selbst belogen und auch mit Jungs rumgemacht. Meine Mutter, die sich für mich ein unbeschwertes Leben gewünscht hat, hat mir diese Lüge gerne geglaubt.

Wäre Ihr Outing für Ihre Mutter ein Problem gewesen?
Cornelia Scheel:
Letztlich hätte sie sich wohl gefreut, dass ich mich zu meinen Gefühlen öffentlich bekenne und dazu beitrage, dass Liebe unter Frauen kein gesellschaftliches Tabu mehr ist. Sie wäre sicherlich sogar ein wenig stolz auf mich gewesen.

Wie hat Ihr Vater Walter Scheel auf Ihr Outing reagiert?
Cornelia Scheel:
Ich habe vorher ein VierAugen-Gespräch mit ihm darüber geführt. Er reagierte total ruhig und sagte: ‚Das habe ich mir schon immer gedacht‘. Als er von Hella hörte, meinte er: ‚Ich verstehe Dich‘.

Hätte Ihre Mutter Hella von Sinnen gemocht?
Cornelia Scheel:
Meine Mutter wäre schon mal begeistert gewesen, dass da noch eine Frau ist, die ebenso auf Mode pfeift oder auf Benimmregeln wie sie selber. Es gibt große Parallelen zwischen den beiden – die Fröhlichkeit, das Selbstbewusstsein, das Genießen können.

Ist diese Ähnlichkeit zu Ihrer Mutter ein Grund, warum Sie sich in Hella verliebt haben?
Cornelia Scheel:
Anfangs war mir das nicht klar, aber mit der Zeit wurde es mir immer bewusster, dass das auch mit ein wichtiger Grund war.

Wie viel Mildred Scheel steckt in Ihnen?
Cornelia Scheel:
Optisch ähnliche ich ihr leider gar nicht. Für mich war sie die tollste, die klügste, attraktivste und schönste Frau überhaupt. Sie hatte eine tolle Ausstrahlung. Wenn sie einen Raum betrat, dann war sie drin und jeder bekam es mit aufgrund ihrer ungeheuren Präsenz. Aber ich habe auf alle Fälle ihren Humor mitbekommen.

Hatte Ihre Mutter auch Schwächen?
Cornelia Scheel:
Manchmal hat sie zu impulsiv reagiert. Da finde ich meine ruhigere Art angenehmer. Aber meine Mutter hatte hinterher immer die Größe, sich für ihr Verhalten zu entschuldigen, egal, ob bei uns Kindern, Mitarbeiter oder fremden Menschen. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich die Tochter einer so großartigen Frau bin.

Das Interview führte Patricia Leßnerkraus

Das Buch ist erschienen beim Rowohlt Verlag
Spendenkonto:
Deutsche Krebshilfe, Kreissparkasse Köln
Konto: 919191, BLZ: 37050299
IBAN: DE65370502990000919191, Swift/BIC: COKSDE33XXX

Fotos: Copyright „Privatbesitz Cornelia Scheel“

 


Veröffentlicht am: 18.11.2015

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