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23.09.2017

 

 

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Morgengruß von Helmut Harff: Mainz bleibt meins

Ich bin etwas versöhnt

Ich gestehe, selbst als Preuße, als Berliner liebe ich den Karneval. Früher war ich auch selber an den drei tollen Tagen unterwegs. Bei uns hieß das Fasching und hatte mit dem Geschehen an Rhein und Main nicht viel gemeinsam. Ja, auch bei uns gab es handgemachte Musik und auch wir haben uns verkleidet. Alkohol gab es auch.

Doch damit war es das schon mit den Gemeinsamkeiten. Wir froren nicht beim Straßenkarneval, es wurde auch richtig geküsst und wir verschwendeten auf die Kostüme viel Phantasie und nicht so viel Stoff. Was wir nicht hatten – zumindest kenne ich das nicht – waren Redner. Darüber – das wir keine Redner hatten – bin ich bis heute froh. Da ist uns ganz sicher viel erspart geblieben.

Wie ich darauf komme? Ich habe jetzt jeden Abend die verschiedenen Karnevalssitzungen – gern auch als Prunksitzungen bezeichnet – gesehen. Die waren meistens noch schlimmer als ein Til Schweiger-Tatort und Menschen bei Maischberger zusammen. Überhall hörte man die gleichen zumeist geistlosen und uralten Witze. Die meisten hatten so einen Bart, dass sie mit dem von Kaiser Rotbart im Kyffhäuser konkurrieren konnten. Das wäre doch mal eine neue Karnevalsfigur: Kaiser Rotbart – ich erzähle nur Witze mit einem ellenlangen Bart.

Wenn die Witze nur alt wären, ginge es noch, sie sind zumeist auch niveaulos und doof. Fast immer geht es um Geschlechterklischees. Frauen können nicht einparken, Schwiegermütter sind Schwiegermonster, Männer saufen, kriegen keinen hoch, liegen auf dem Sofa, sehen Fußball und bekommen eins mit dem Nudelholz, wenn sie von der Karnevalssitzung mehr als angeheitert am frühen Morgen nachhause kommen. Bekloppter geht es zumeist kaum noch.

Ehrlich, ich kann diesen Schwachsinn kaum noch ertragen. Wir leben im 21. Jahrhundert – aber das scheint bei den Jecken nicht angekommen zu sein. Na, die brauchten ja auch Jahre, bis sie begriffen haben, dass Deutschland wieder an Oder und Neiße endet und dahinter nicht gleich Asien beginnt. Ob das alle begriffen haben – na ich weiß nicht?

Warum ich mir das alles antue, wenn das Geschwafel mir so auf den Geist geht? Ganz einfach, das ist harte Arbeit. Wie sonst kann ich so eine Kolumne schreiben?

Es gibt noch einen anderen Grund und der heißt „Mainz bleibt Mainz“. Hier gehen Leute auf die Bühne, bei denen ich mich nicht fremdschämen muss. Hier sind Redner auf der Bühne, die noch wissen, was ein geschliffener Vortrag ist. Für die ist Karneval, ist die Fastnacht nicht eine dumpfbackige Veranstaltung auf Malle-Niveau. Die pflegen die Tradition, den Herrschenden den Spiegel vorzuhalten, ihnen ungeschminkt die Wahrheiten um die Ohren zu hauen. Vor allem die bekommen ihr Fett weg, die unten im Publikum sitzen. Und unten sitzen fast alle. Das reicht von Bundesministern über Landesfürsten, Parteichefs, Oppositionsführern bis zur lokalen Politprominenz.

Ehrlich, die bewundere ich schon ob ihres dicken Fells. Was die sich so anhören müssen – das möchte ich mir nicht einmal in den eigenen vier Wänden von der besten Frau der Welt sagen lassen. Und die Politiker, die da nach Mainz gereist sind? Die machen gute Mine zum geschliffenen Wort. Sie lachen laut, wenn der andere eines auf die Mütze bekommt und ziemlich gequält, wenn es sie selber trifft. Und genau das ist es, was ich vom Karneval, von der Fastnacht erwarte.

Ja, und dann gibt es da in Mainz noch eins, für dass es sich lohnt, Jahr für Jahr bis Mitternacht am Bildschirm zu sitzen. Klar, ich meine die Mainzer Hofsänger. Die bekamen dieses Jahr mit den Schnorreswacklern aus Gonsenheim wirkliche Konkurrenz. Schön, dass es so niveauvollen Nachwuchs gibt.

Hier noch drei Sprüche, die mir in Erinnerung geblieben sind:
„Früher haben wir unser Essen gegessen und nicht fotografiert.“
„Facebook macht nicht dumm, hilft aber vielen Leuten, ihre Dummheit bekanntzumachen.“
und mit Blick auf die AfD und ihren Vorschlag auf Flüchtlinge an der Grenze zu schießen: „Hier stoß’ auf Grenzen ich im Vers, denn das ist grenzenlos pervers.“

Ich gehe jetzt frühstücken.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück und einen Karneval ganz nach ihrem Gusto.

 


Veröffentlicht am: 06.02.2016

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