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Wer bleibt abstinent und wer wird rückfällig?

Wie negative Emotionen die frühe Abstinenzphase erschweren

Etwa 1,9 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkohol-abhängig. Auch nach einem Entzug fällt es vielen von ihnen schwer, mit Alkohol angemessen umzugehen. Ursache ist unter anderem die Unfähigkeit, negative Gefühle zu verarbeiten.

Das zeigen aktuelle Forschungsergebnisse von Dr. rer. medic. Dipl.-Psych. Katrin Charlet, Charité-Universitätsmedizin Berlin. Für ihre Erkenntnisse wird sie auf der 60. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) mit dem Niels-A.-Lassen Preis 2016 ausgezeichnet. Inwieweit das Gehirn an einer Alkoholabhängigkeit beteiligt ist und welche neuen therapeutischen Möglichkeiten sich daraus ergeben, erläutert die Preisträgerin auf der Kongress-Pressekonferenz der DGKN am 17. März 2016 in Düsseldorf.

Die Rückfallrate von alkoholabhängigen Menschen liegt in den ersten Monaten der Abstinenzphase bei 50 bis 80 Prozent. „Die Ursachen hierfür sind sehr komplex und nicht bei jedem gleich“, so Dr. Charlet, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Zwar kämpfen fast alle Alkoholabhängigen mit negativen Emotionen. „Das ist aber per se nicht die Ursache für den Rückfall.“ Entscheidend sei, wie gut die Betroffenen negative Emotionen verarbeiten können, erklärt Charlet die Ergebnisse ihrer Studie. „Wir vermuten, dass Alkoholabhängige im Vergleich zu nicht abhängigkeitskranken Menschen Schwierigkeiten in der Wahrnehmung emotionaler Gesichtsausdrücke zeigen. Sie berichten vermehrt über zwischenmenschliche Probleme.“ 

Um den Ursachen des Rückfallsrisikos auf den Grund zu gehen, hat die Preisträgerin Emotionsexperimente bei mehr als 150 entgifteten, alkoholabhängigen Patienten durchgeführt und mit gesunden Menschen verglichen. „Mittels funktioneller und struktureller Magnetresonanztomographie (MRT) sowie Positronen-Emissions-Tomographie (PET) konnten wir Aktivierungsmuster zwischen der frontalen Großhirnrinde und dem limbischen Emotionszentrum identifizieren, die negative Emotionen wie etwa Angst oder Wut verarbeiten und vermutlich auch regulieren“, erläutert Dr. Charlet. Patienten, bei denen diese Hirnleistungen intakt sind, blieben in den ersten kritischen sechs Monaten nach der Entgiftung abstinent. Patienten, bei denen diese Hirnareale gestört waren, das heißt nur geringe Hirn-Aktivitäten aufzeigten, fiel es im Vergleich dazu schwer, Gefühle wie Angst und Wut zu regulieren. Sie wurden häufiger rückfällig. „Anhand dieser Aktivitätsmuster im Hirn könnte es zukünftig möglich sein abstinente von rückfälligen Patienten zu unterscheiden“, erläutert Charlet den Fortschritt.

„Diese Studie zeigt, dass die funktionelle Bildgebung des Gehirns wichtige Erkenntnisse für die klinische Praxis liefert, die den Behandlungserfolg alkoholabhängiger Menschen verbessern können“, begründet Professor Dr. med. Alfons Schnitzler, Kongresspräsident der 60. Jahrestagung der DGKN die Vergabe des Niels-A.-Lassen-Preises. Im Gegensatz zu Standard-Programmen können alkoholabhängige Patienten, die mittels PET oder MRT ein hohes Rückfallrisiko zeigen, im Rahmen einer personenzentrierten Versorgung mit spezialisierten Therapien vor Rückfällen geschützt werden.

Mit dem Niels-A.-Lassen-Preis zeichnet die DGKN in diesem Jahr zudem Dr. rer. medic. Benjamin Clemens, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Uniklinik RWTH Aachen aus. Er wird seine Ergebnisse zum Thema „Hirn-Bildgebung zeigt Aggressionspotenzial - Welchen Einfluss haben Gene wirklich?“ ebenfalls auf der Pressekonferenz vorstellen. 

Quellen:
Charlet Katrin et al. (2014), Neural activation during processing of aversive faces predicts treatment outcome in alcoholism. Addiction Biology 19:439-51.
Charlet, Katrin (2015), Dissertation „Untersuchung der funktionellen Emotionsverarbeitung, höheren Kognition und strukturellen Kontextveränderungen bei alkoholabhängigen Patienten.“

 


Veröffentlicht am: 15.02.2016

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