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13.12.2017

 

 

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Gesunder Schlaf

Experteninterview mit Dr. rer. nat. Peter Spork

Peter Spork ist Neurobiologe, Wissenschaftsjournalist und Autor. Sein aktuelles Buch heißt „Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“ und ist im Hanser-Verlag erschienen. Darin entwirft er einen Plan, wie die Gesellschaft als Ganze sowie jeder Einzelne wieder mehr Schlaf finden können.
 
Dr. Spork, etwa 10 % der Bevölkerung leiden an hochgradigen Schlafproblemen. Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Ursachen dafür?

Dr. rer. nat. Peter Spork:
Je nach Umfrage klagen bis zu zwei Drittel der erwachsenen Deutschen über schlechten Schlaf. Schlafmediziner unterscheiden 88 Arten von Schlafstörungen. Die Ursachen können deshalb sehr vielfältig sein: Schnarcher trinken manchmal zu viel Alkohol, sind übergewichtig oder haben eine Verengung der Atemwege. Andere Menschen schlafen schlecht, weil der Rücken schmerzt, sie im Liegen Sodbrennen bekommen oder ihre Beine kribbeln.

Ihre Frage zielt aber sicher auf jene 10 Prozent ab, die nach aktuellen Schätzungen an einer Insomnie leiden – also an der klassischen Schlaflosigkeit, auch Ein- und Durchschlafstörung genannt. Hier spielt es meiner Meinung nach eine große Rolle, dass wir gesamtgesellschaftlich gesehen immer mehr die Fähigkeit verlieren, vor dem Einschlafen zu entspannen, denn „Entspannung ist der Schlüssel zur Einschlaftür“, wie schon der israelische Schlafforscher Peretz Lavie sagte.

Wir machen immer häufiger die Nacht zum Tag und umgekehrt. Wir verlegen all unsere Freizeitaktivitäten in den Nachmittag und Abend, stehen immer früher auf, damit wir mehr arbeiten können. Wir packen uns insgesamt unsere Wachzeit zu voll, denn Arbeits- und Freizeit werden uns immer wichtiger. Die Schlafenszeit vergessen wir dabei. Zudem gehen wir – wenn überhaupt – zu falschen Zeiten ans Tageslicht und unsere Schul- und Arbeitszeiten stimmen nicht mit unseren biologisch vorgegebenen inneren Rhythmen überein.

 
Was versteht man unter dem sog. sozialen Jetlag?
Dr. rer. nat. Peter Spork:
Diesen Begriff haben die Chronobiologen, also die Erforscher unserer inneren Rhythmen, vor einigen Jahren geprägt. Sie meinen damit, dass wir an Werktagen ein völlig anderes Schlafmuster einhalten als an Wochenenden. Während wir an freien Tagen gemäß unserer biologischen, also natürlichen und angeborenen inneren Rhythmik leben dürfen, müssen vier Fünftel von uns werktags einen Wecker stellen, um pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein. Das heißt, die meisten von uns stehen immer wieder auf, wenn sie noch nicht genug geschlafen haben. Das ist ungefähr so, als würden wir in eine andere Zeitzone reisen und am realen Jetlag leiden.

Vom sozialen Jetlag sind erschreckend viele Menschen betroffen. All diese Menschen bauen mit der Zeit sehr wahrscheinlich ein chronisches Schlafdefizit auf, da sie am Wochenende oder in den Ferien nicht den ganzen versäumten Schlaf nachholen können. Ein durchschnittlicher mittelalter Deutscher schläft beispielsweise am Wochenende eine halbe bis eine ganze Stunde mehr als unter der Woche. Bei Jugendlichen beträgt diese Differenz sogar unfassbare zwei bis zweieinhalb Stunden. Besorgniserregend ist dabei vor allem, dass es sich um Durchschnittswerte handelt. Das heißt, bei etwa der Hälfte der Menschen ist der Unterschied zwischen Werktag und Wochenende sogar noch größer.

 
In Ihrem Buch „Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“ berichten Sie davon, dass der gesamte Organismus rhythmisch organisiert ist. Welchen Einfluss hat beispielsweise die Zeitumstellung auf unseren Körper?
Dr. rer. nat. Peter Spork:
Jedes Organ, letztlich sogar jede unserer hundert Billionen Körperzellen messen für sich die Uhrzeit. Die Aktivität vieler ihrer Gene schwingt im 24-Stunden-Rhythmus auf und nieder. Natürlich müssen all diese Rhythmen gut aufeinander abgestimmt sein. Bringen wir dieses Gefüge durcheinander erhöht sich das Risiko für nahezu alle Volkskrankheiten, inklusive Diabetes, Herzinfarkt, Schlafstörungen und andere psychische Leiden. Genau deshalb sind solche Krankheiten bei Menschen, die über Jahre hinweg Nacht- und Schichtarbeit leisten, besonders häufig.

Die Zeitumstellung – ich spreche eigentlich lieber von der Uhrenumstellung, denn die Zeit bleibt ja in Wahrheit unverändert und wir stehen nur eine Stunde früher auf – bringt dieses System auf den ersten Blick nur kurzfristig etwas durcheinander, was im Allgemeinen nicht besonders schlimm ist. Es macht uns ja auch nichts aus, nach Portugal oder Griechenland zu reisen, wo die Uhren ebenfalls um eine Stunde anders gehen.

Doch auf den zweiten Blick bemerkt man das eigentliche Problem der Uhrenumstellung: Sie vergrößert für die allermeisten von uns über sieben Monate hinweg den sozialen Jetlag. Unsere inneren Uhren richten sich nämlich nach dem Lauf der Sonne,  nicht nach dem Wecker. Und anders als bei der Reise nach Griechenland geht die Sonne ja nicht plötzlich eine Stunde früher auf und unter, wenn wir zwar die Uhren umstellen, ansonsten aber vor Ort bleiben. Plötzlich bekommen wir abends sehr viel mehr Tageslicht ab. Das gefällt vielen – mir auch – aber es lässt uns abends später müde und morgens später wach werden. Der Wecker nimmt darauf jedoch keine Rücksicht, so dass wir insgesamt noch weniger schlafen als während der Normalzeit – und das sieben Monate lang.

Es ist also die logische Konsequenz, am Tag des Schlafes für die Abschaffung der so genannten Sommerzeit einzutreten. Eine Abschaffung der Normalzeit, wie sie manche Politiker fordern, wäre hingegen noch viel schlimmer als der jetzige Zustand.

 
Kann sich „die innere Uhr“ an neue Lebensumstände anpassen?
Dr. rer. nat. Peter Spork:
Immer wenn wir nach New York oder Peking reisen, passen sich unsere inneren Uhren an die neue Zeitzone an. Sie benötigen dafür ein paar Tage, aber irgendwann ist der Jetlag vorbei. Dafür sorgt die Sonne, die andernorts zu anderen Zeiten scheint und damit unsere biologischen Uhren neu justiert. Wenn wir aber vor Ort bleiben und plötzlich früher aufstehen müssen oder nachts arbeiten sollen, dann kann sich unser Körper daran nicht gewöhnen, denn das Tageslicht scheint für den neuen sozialen Rhythmus zur falschen Zeit. Theoretisch könnte man nun zwar mit gezielten Lichtduschen helfen, etwa indem man sich nach dem Aufstehen sofort vor eine Lichttherapielampe setzt und nachmittags und abends nur noch mit Sonnenbrille herumläuft. Aber das muss man dann konsequent an jedem Werktag wieder tun. Und wer will das schon?
 
Wie lassen sich Erkenntnisse der Schlafforschung und Chronobiologie in Alltag und Berufsleben integrieren?
Dr. rer. nat. Peter Spork:
Wir müssen lernen, insgesamt mehr Nischen für den Schlaf in unser Leben einzubauen. Die einen profitieren von Nickerchen am Tag, etwa in Ruheräumen, die ihr Arbeitgeber zur Verfügung stellt. Moderne Unternehmen machen das übrigens längst. Anderen hilft es, wenn Sie den Fernseher  abends früher ausschalten. Wieder andere sollten den Wecker öfter auslassen und morgens länger schlafen. Insgesamt müssen wir begreifen: Wer viel schläft, ist fleißig, kreativ und sexy, nicht – wie heute noch die meisten denken – faul und unattraktiv.

Außerdem sollten Arbeitszeiten und selbst Schulzeiten wo immer möglich flexibler oder nach hinten verlegt werden – und die Uhrenumstellung auf die so genannte Sommerzeit gehört umgehend abgeschafft. Dann können die Menschen besser gemäß ihrer biologischen Rhythmik arbeiten, wovon letztlich alle profitieren: vom Gesundheitssystem bis zu den Arbeitgebern.

Zudem sollten wir insgesamt mehr Freizeit in den Vormittag verlagern. Warum können Schüler zum Beispiel morgens nicht zuerst zum Fußballtraining gehen und dann in die Schule? Die Mehrheit der Gesellschaft wird nämlich zu spät müde. Wären wir morgens länger im Freien und hielten uns im Gegenzug nachmittags und abends länger in den vergleichsweise dunklen Büros oder Klassenzimmern auf, würden wir abends früher müde und müssten morgens vielleicht gar keinen Wecker mehr stellen. Dann bekämen wir alle automatisch auch mehr Schlaf.

Und das wäre das günstigste und vermutlich auch effektivste Programm zur Vorbeugung nahezu aller großen Volkskrankheiten. Natürlich wären wir dann nicht plötzlich alle gesund, aber gesamtgesellschaftlich gesehen würden die Menschen seltener und später erkranken als heute.


Weitere Informationen zu Peter Spork und seinen Tätigkeitsfeldern finden sie unter www.peter-spork.de.
 
Interview: medicalpress.de
Bild Portrait Peter Spork: © Tilmann Frischling

 


Veröffentlicht am: 21.06.2016

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