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Darmkrebs ist nicht gleich Darmkrebs

Tumoren sind so individuell wie ein Fingerabdruck

In Deutschland erkranken jährlich etwa 60 000 Menschen an Darmkrebs. Vorsorge und Therapie der Erkrankung haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert. Die Therapie der Zukunft wird sich an neuesten Erkenntnissen über den molekularen Aufbau von Darmkrebs-Tumoren orientieren. Denn immer mehr Untersuchungen zeigen, dass sich die Krebsgeschwulste von Patient zu Patient stark unterscheiden – und dass diese Unterschiede Einfluss auf Verlauf, Therapie und Prognose der Erkrankung haben.

Heute wird Darmkrebs anhand der sogenannten TNM-Klassifikation einschließlich des sogenannten histologischen Gradings – also nach Kriterien wie etwa Größe, Aggressivität und Ausdehnung des Tumors oder dem Vorhandensein von Metastasen – in bestimmte Stadien eingeteilt. Therapie und Prognose orientieren sich daran. „Es zeigt sich allerdings immer deutlicher, dass diese Einteilung zu kurz greift“, sagt Professor Dr. med. Bertram Wiedenmann, Kongresspräsident der Viszeralmedizin 2016 und Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Gastroenterologie und Hepatologie an der Charité Berlin. „Denn wir wissen inzwischen, dass Darmkrebs eine sehr heterogene Erkrankung ist. Der individuell unterschiedliche molekulare Aufbau von Tumoren hat großen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung, was dazu führt, dass sich auch die Therapie zunehmend danach ausrichtet.“

Etwa bei der Behandlung des fortgeschrittenen nicht-erblichen Darmkrebses: Hier kamen bislang zwei Antikörper zum Einsatz, die gezielt das Krebswachstum hemmen sollten. „Heute wissen wir, dass bei manchen Patienten eine bestimmte Mutation des Tumors vorliegt, die dafür sorgt, dass diese Antikörper nicht wirken“, erklärt Wiedenmann. „Inzwischen untersuchen wir Tumoren vor der Behandlung auf diese Mutation hin und setzen die Mittel nur ein, wenn sie auch wirken können.“ So bleiben Patienten Nebenwirkungen von Medikamenten erspart, die bei ihnen unwirksam sind.

Auch für Patienten im Frühstadium der Erkrankung zeichnen sich Veränderungen bei der Therapie ab: Diese Patienten erhalten heute eine sogenannte adjuvante Chemotherapie. Sie ist dazu da, Krebszellen zu vernichten, die nach der Operation noch im Körper vorhanden sind. „Kürzlich wurde entdeckt, dass Tumore, die das Protein CDX2 bilden, meist seltener Metastasen ausbilden. Patienten, die einen solchen Tumor aufweisen, haben eine deutlich bessere Prognose und benötigen oftmals keine adjuvante Chemotherapie“, so Wiedenmann. Ein Test auf CDX2 könnte in Zukunft viele Patienten hinsichtlich ihrer Prognose beruhigen.

Wenn junge Menschen an Darmkrebs erkranken, liegt oftmals eine erbliche Form der Krankheit vor – etwa das Lynch-Syndrom. Bei diesen Patienten ist der Darm übersät mit Polypen, Krebsvorstufen, die bei einer Darmspiegelung nicht alle entfernt werden können. „Bei diesen Patienten sollte der Dickdarm entfernt werden, um sie vor einem Krebstod zu schützen“, so Wiedenmann. Doch nicht alle Menschen mit vielen Krebsvorstufen haben ein Lynch-Syndrom. Kürzlich wurde entdeckt, dass eine Mutation im MUTYH-Gen ebenfalls zu vielen Polypen im Darm führen kann, aber die Krebsgefahr nicht so hoch ist. „Eine vorsorgliche Entfernung des Darmes ist bei diesen Patienten nicht notwendig, regelmäßige Darmspiegelungen könnten ausreichen“, so Wiedenmann.

„Wir gewinnen derzeit enormes Wissen über das Genmuster und die Marker von Darmkrebs-Tumoren“, so Professor Wiedenmann. „Die Charakterisierung und Einteilung von Tumoren anhand ihres molekularen Aufbaus weist den Weg in eine neue Ära der Präzisionsmedizin: Unser Ziel muss es sein – abhängig vom molekularen Fingerabdruck des Tumors – künftig jedem Patienten eine maßgeschneiderte Therapie zukommen zu lassen.“

 


Veröffentlicht am: 24.09.2016

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