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21.09.2017

 

 

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Kunsthaus Zürich zeigt "Alberto Giacometti – Material und Vision"

Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze

Vom 28. Oktober 2016 bis 15. Januar 2017 stellt das Kunsthaus Zürich anhand von 250 Werken erstmals den Umgang Alberto Giacomettis mit der Materialität seiner Werkstoffe in den Mittelpunkt einer Ausstellung. Ausgangspunkt sind 75 kostbare Gipse aus dem Nachlass des Künstlers, die am Kunsthaus restauriert wurden und wegen ihrer Zerbrechlichkeit nur selten zu sehen sind.

«Alberto Giacometti – Material und Vision. Die Meisterwerke in Gips, Stein, Ton und Bronze» beleuchtet auf neuartige Weise grundlegende Aspekte des Schaffens und Arbeitsprozesses des weltbedeutenden Schweizer Plastikers. Die Ausstellung gibt Antwort auf die Fragen: Was bedeuteten Giacometti seine Gipse? In welchem Verhältnis stehen sie zum Gesamtwerk? Und welches ist der spezifische Charakter der anderen, vom Künstler wie die Gipse eigenhändig bearbeiteten Schöpfungen in Stein, Ton, Bronze, Holz und Plastilin?

SELTEN ZU SEHENDE LEIHGABEN

Bedeutende Leihgaben, vor allem aus der nicht öffentlichen Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris sind erstmals in dieser Fülle in der Schweiz zu sehen. Gemeinsam mit der weltweit umfangreichsten und bedeutendsten Sammlung der Alberto Giacometti-Stiftung im Kunsthaus Zürich präsentiert sich hier für kurze Zeit der ganze Giacometti: Über 250 Werke eines Jahrhundertkünstlers, dessen experimentierfreudiger Umgang mit Materialien faszinierend ist. Im Mittelpunkt stehen die Werke, die der Künstler selber bearbeitete und in Händen hatte, also Werke aus Ton, Plastilin, Gips, Holz und Stein. Aussergewöhnlich ist die erstmalige Zusammenführung verschiedener Fassungen einiger Werke – wie der kubistischen «Tête qui regarde» in gebranntem Ton, Gips, Marmor und Bronze oder die «Femme de Venise» von 1956 in diversen Materialien und Restaurierungszuständen. Einige Werke aus Stein, die zum Teil aus Privatbesitz stammen, waren seit Jahrzehnten nicht öffentlich ausgestellt.

SINNLICHE, UNMITTELBARE INSZENIERUNG


Die Präsentation findet im über 1000 m2 grossen Ausstellungssaal statt. Kleine Raumeinheiten, die sich in ihrer Grösse an Giacomettis berühmten Pariser Atelier orientieren, bilden Inseln im weitgehend offenen Saal. Auf Tischen, Podesten und verschieden hohen Sockeln werden Gruppen von Werken zusammengestellt. Ihre Anordnung erfolgt grob chronologisch und thematisch. Dort, wo sich dies anbietet, werden mehrere Materialien oder Bearbeitungstechniken vergleichend präsentiert. Damit die Besucherinnen und Besucher die Oberflächen und die Materialität möglichst ungehindert wahrnehmen können, wird soweit möglich auf Plexiglashauben verzichtet. Demgegenüber finden bedeutende Exemplare der berühmten Bronzegüsse – die ausserhalb des Ateliers in der Giesserei entstanden – ihren Standort ausserhalb der Kojen, frei im Raum. Am Ende der Präsentation werden auch die Gipse aus der Ateliersituation «befreit» und – entsprechend der von Giacometti in dessen letzten Ausstellungen zu Lebzeiten unterstützten Präsentationsweise – den Bronzen als ebenbürtige Werke gegenübergestellt. Dieses Ereignis wird sich aufgrund der Fragilität vieler der Gipse nicht wiederholen lassen.

FORSCHUNG MIT ALLEN MITTELN

In einem kunsttechnologischen Teil werden Ergebnisse des vierjährigen Forschungs- und Restaurierungsprozesses am Kunsthaus anschaulich präsentiert. Besondere Berücksichtigung findet die Vermittlung der am Gips stattfindenden Arbeitsprozesse bis hin zu den technisch komplexen Gussvorgängen. Der Filmemacher Roy Oppenheim hat das Projekt begleitet. «Spurensuche», so der Titel seiner noch nicht veröffentlichten Dokumentation, gibt Einblick in die Arbeit hinter den Kulissen. Seine Kamera kommt den Gipsen näher als das menschliche Auge. Röntgenaufnahmen durchleuchten das Innere der Plastiken, verraten viel über deren Aufbau und Verfasstheit. Fotografien von Ernst Scheidegger, die zu Giacomettis Lebzeiten im Atelier entstanden, zeugen von der Entstehung einzelner Werke im seinerzeitigen zeitgenössischen Kontext.

IM MATERIAL LIEGT DIE VISION

Was verrät uns dieser «weisse Giacometti»? Als Material war Gips für Alberto Giacometti weit mehr als eine Zwischenstufe zwischen Tonmodell und Bronze¬guss. Gips erlaubte ihm, seine Objekte auf vielfältige Weise zu bemalen oder zu bearbeiten. Nicht wenige Skulpturen existieren nur in einer Gipsversion.

Der Künstler schätzte dieses Material um seiner selbst willen. Zum einen wegen seiner besonderen Farbe und Präsenz, aber auch wegen seiner materiellen Eigenschaften: Gips kann im fertigen Zustand durch Bemalen oder durch Entfernen oder Hinzufügen von Gipsmasse noch bearbeitet werden. Dabei scheut Giacometti auch nicht davor zurück, Arbeiten radikal zu überarbeiten. Dies zeigen gerade die Spuren seines Messers an den Gipsen. Gipse, die er auf diese Weise nachträglich veränderte, wurden zu kostbaren Unikaten. Sie offenbaren anderes als die Bronzen.

Insgesamt wird man sagen können, dass die nicht selten radikale Arbeit Giacomettis an den Gipsen neben dem vorgängigen Modellieren des weichen Tons die zweite grundlegende Arbeitsweise Giacomettis darstellt. Die anschauliche Thematisierung der Restaurierung der Zürcher Gipse und der technischen Prozesse, die bei der Entstehung von Giacomettis Gipsen und Bronzen zur Anwendung kamen, runden die Ausstellung ab. Auf diese Weise wird erfahrbar, wie der Künstler auf dem Weg der Umsetzung seiner künstlerischen Visionen je nach gewähltem Material ganz verschiedene Wirkungen erzielen konnte. Es entsteht ein neuer Blick auf Giacomettis Schaffen, von den frühen Werken des Schülers bis hin zu den berühmten, klassisch gewordenen Arbeiten der Reife- und Spätzeit. Kaum jemals war es möglich, den Reichtum und die Vielfalt der vom Künstler eigenhändig her-gestellten Werke so unmittelbar und sinnlich zu erleben, wie in dieser von Philippe Büttner kuratierten Ausstellung.
Abgerundet wird der Blick auf Giacomettis Werk durch Fotografien von Peter Lindbergh. Erst vor wenigen Monaten erhielt er exklusiven Zugang zu den Gipsen in ihren unterschiedlichen Zuständen. Es entstanden sehr lebendige, mit Licht und (Un)schärfe spielende, beinahe «zufällig» wirkende Aufnahmen.

ALBERTO GIACOMETTI

Alberto Giacometti (1901–1966) ist der bedeutendste Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts. 2016 begeht die Kunstwelt seinen 50. Todestag. Sammler, Galerien und Museen reissen sich um seine Werke und auf dem Kunstmarkt erzielen seine Skulpturen rekordhohe Preise. Aber Giacometti, der wie ein Besessener arbeitete, lebte in Stampa wie in Paris stets bescheiden. Um persönlichen Ruhm hat Alberto Giacometti sich nie geschert. Stets war er bemüht, voranzukommen, seine Werke zu verbessern. Die Gipse, die als Schenkung 2006 von Bruno und Odette Giacometti an die Alberto Giacometti-Stiftung im Kunsthaus gelangten, sind dafür das beste Beispiel.

KUNSTVERMITTLUNG UND PUBLIKATION


Die Ausstellung wird von einem Katalog begleitet mit kunstwissenschaftlichen Beiträgen von Philippe Büttner, Casimiro Di Crescenzo, Catherine Grenier, Christian Klemm und Stefan Zweifel sowie kunsttechnologischen Analysen von Kerstin Mürer und Tobias Haupt. Die auf Deutsch, Englisch und Französisch bei Scheidegger & Spiess erschienene Publikation umfasst 240 Seiten und rund 270 Abbildungen. Sie präsentiert anhand neuer Aufnahmen erstmals den gesamten, im Kunsthaus Zürich aufbewahrten Bestand an Gipsen Alberto Giacomettis und ist für CHF 59.– im Kunsthaus-Shop und im Buchhandel erhältlich.

VERANSTALTUNGEN

Lesung: Die Schauspielerin Isabelle Menke liest aus Yves Bonnefoys Monografie über Alberto Giacometti sowie ausgewählte Gedichte aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Auf Deutsch und Französisch.
Donnerstag, 12. Januar, 18.45 Uhr. Eintritt im Ausstellungsticket inbegriffen.

Öffentliche Führungen:
Deutsch: Mittwochs und donnerstags um 18 Uhr, freitags um 15 Uhr und sonntags um 11 Uhr.
Englisch: Sonntag, 13. November, 16 Uhr und Samstag, 3. Dezember, 13 Uhr.
Französisch: Samstag, 26. November, 13 Uhr.
Private Führungen auf Anfrage.

Kunstgespräch: Alberto Giacometti
Von der eigenen Wahrnehmung ausgehend, versuchen Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren im gemeinsamen Gespräch die Bedeutungsschichten einzelner Figuren in der Ausstellung zu ergründen. Mit Sibyl Kraft.
Donnerstag, 24. November, 18.15–19.45 Uhr
CHF 25.–/Mitglieder CHF 10.–. Anmeldung erforderlich: 044 253 84 84 oder kunstvermittlung@kunsthaus.ch

Familienworkshop: Von wegen Gipskopf!
Alberto Giacomettis Meistergipse entdecken, zeichnen und selbst mit Gips experimentieren. Arbeitskleidung brauchen Sie, Vorkenntnisse nicht. Mit Barbara Brandt.
Sonntag, 27. November, 10.30–12.30 Uhr
Erwachsene CHF 10.–/Kinder und Jugendliche CHF 5.–/Familien CHF 25.–. Anmeldung erforderlich: 044 253 84 84 oder kunstvermittlung@kunsthaus.ch

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1, CH–8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84
www.kunsthaus.ch

Fr–So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do 10–20 Uhr.
Feiertage: Weihnachten 24./26.12.16 und 1./2.1.17: 10–18 Uhr. 25. Dezember geschlossen.

Eintritt inkl. Audioguide: CHF 22.–/17.– reduziert und Gruppen (ab 1.1.17: CHF 23.–/18.–).
Kombi-Tickets Sammlung und Ausstellung CHF 25.–/18.– (CHF 26.–/19.–).
Bis 16 Jahre Eintritt frei.

Vorverkauf: SBB RailAway-Kombi. Ermässigung auf Anreise und Eintritt: am Bahnhof oder beim Rail Service 0900 300 300 (CHF 1.19/Min. ab Festnetz) - www.sbb.ch/kunsthaus-zuerich.

Foto: © www.jpg-factory.com

 


Veröffentlicht am: 28.10.2016

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