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18.08.2017

 

 

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Seeräuber-Geschichten

... und Politmorde an der Nordsee

Herbststürme jagten über die Inseln und die Westküste. Endlos und unergründlich verliert sich die See nach dem Sturm in Gleichmut bis zum Horizont. Dort hinaus fuhren sie früher, um ihr Glück zu suchen – manche kamen wieder und zu Reichtum, andere starben im ewigen Eis oder an tropischem Fieber.

Um die Türme der alten Kirchen auf Amrum und auf Föhr heult der Wind, zerrt an den kahlen Kronen der Kastanien auf dem Friedhof von Lunden in Dithmarschen. Novemberwetter; und Zeit zum Erzählen - auf manchen Friedhöfen stehen Steine, die Geschichten erzählen und auch von denen, die einst Geschichte machten. Eine besondere Entdeckungsreise. Von Seeräuber-Geschichten in 1001 Nacht und Politmorden in der Provinz.

Kapitänsgeschichten auf dem Friedhof von Nebel auf Amrum

Der Friedhof der St. Clemens Kirche in Nebel auf Amrum ist einer der außergewöhnlichsten in Deutschland – hier stehen mehr als 150 Grabsteine, die Geschichten erzählen. Lebensgeschichten. Und die wohl verrückteste dieses steinernen Geschichtsbuches ist die von Hark Olufs. Und hier steht sein Stein: Mit eingemeißelter Krone und Schwert, mit Köcher, Pfeil und Bogen, mit Trompeten und ganzem Lebenslauf: „(…) bald darauf in sein jungen Jahren von den türkischen Seeräubern zu Algier ist er anno 1724 (…) gefangen genommen worden. In solcher Gefangenschaft aber hat er dem türkischen Bey zu Constantine (…) elf und ein viertel Jahr gedient. Bis ihm endlich dieser Bey anno 1735, den 31. Oktober, aus Gewogenheit zu ihm seine Freiheit geschenket, da er denn das folgende Jahr darauf anno 1736, den 25. April glücklich wieder (…) auf seinem Vaterland angelanget ist. Und sich also anno 1737 in den Stande der heiligen Ehe begeben mit Antje Harken.(…)“

Geboren wurde Hark Olufs im Sommer 1708 in Süddorf. 1721 wurde er Matrose, drei Jahre später im Ärmelkanal von Seeräubern gefangen genommen und mitsamt Schiff und Mannschaft nach Algier verschleppt. Hark Olufs wurde auf dem Markt von Algier verkauft und landete beim Bey von Constantine, dem Statthalter dieser damaligen osmanischen Provinz. Dort bewährte sich der junge Mann und stieg zum Oberbefehlshaber einer Militäreinheit auf. Olufs fügte sich und konvertierte sogar zum Islam. 1735 wurde Hark Olufs von seinem Bey, wohl auch als Dank für seine militärischen Verdienste, freigelassen und kehrte ein Jahr später nach Amrum zurück. Dort begegnete ihm, dem Wohlhabenden und Muslim, nicht nur Freude, sondern auch Misstrauen. Erst nach Rekonvertierung zum Christentum, Konfirmation und Heirat kehrte er endgültig in die Gemeinschaft der Insulaner zurück. Olufs starb im Alter von nur 46 Jahren.

Wer sich, wie die Kapitäne und deren Familien, diese Grabsteine (bis zwei Meter hoch und oft eine Tonne schwer) leisten konnte, hatte etwas aus seinem Leben zu berichten. Und war wohlhabend, denn: „Das Material wurde aus dem Weserbergland herbeigeschafft und die bildlichen Darstellungen sind manchmal derart aufwendig und detailreich, dass die Anfertigung ein Vermögen gekostet haben muss“, so Inselpastor Georg Hildebrandt. Angefertigt wurden diese zumeist zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert.

Ab dem Jahr 2009 wurden die Steine restauriert. „Einige Grabsteine standen jahrzehntelang einfach an die Friedhofsmauer gelehnt, andere waren gar zerbrochen. Nun ist der größte Teil aufgefrischt und steht nach Familien sortiert wie eine Allee auf dem Kirchhof von St. Clemens in Nebel. Wer den Friedhof betritt, findet sie auf der linken Seite“, erklärt Georg Hildebrandt. Man kann hier viel Zeit verbringen, und sich die Geschichten auf den restaurierten Steinen anschauen und sie auch viel besser lesen: „Die Inschriften sind nach der Restaurierung wesentlich plastischer – und manche Grabsteine sind mit einem QR-Code versehen, sodass Sie den Text über Ihr Mobiltelefon lesen können“, sagt Georg Hildebrandt.

Infos zu Amrum
www.amrum.de/aktuelles/veranstaltungen
www.amrum-kirche.de (mit Erklärung der Steine)

Föhr und die Geschichte vom glücklichen Matthias

Das Gräberfeld auf dem Friedhof von Süderende auf Föhr. Der Wind heult um den Turm von St. Laurentii, zerrt an den Zweigen und schiebt dunkle Wolken vorüber. Novemberwetter und auf dem Feld endloser Ruhe liegen auch hier diejenigen begraben, die etwas zu erzählen haben – mag das Leben endlich sein, ihre Geschichten sind unsterblich. Zumindest so lange, wie der Sandstein hält, auf dem sie geschrieben stehen. Bis zu zwei Meter hoch und tonnenschwer zeugen auch auf Föhr Grabplatten vom Leben und Wirken berühmter und weniger berühmter Bürger. „…und ein berühmter Mann war der glückliche Matthias“, sagt Ralf Brodersen, der Mann aus Süderende, der die Geschichten hier kennt wie kaum ein zweiter, „kommen Sie mal mit, ich zeig´ Ihnen den Stein.“ Und erzählt dann auch gleich vom glücklichen Matthias. Der wurde 1632 auf Föhr geboren.

Wie viele andere Männer von den Inseln und Halligen suchte auch Matthias Petersen sein Glück auf See, denn an Land gab es kaum Möglichkeiten für ein Auskommen. „In Süderende hatte Richardus Petri, der Pastor von St. Laurentii, eine Navigationsschule eingerichtet; hier erhielt Matthias Petersen seine seemännische Ausbildung. Bereits als 20jähriger hatte er das Kommando über ein Walfangschiff", erzählt Ralf Brodersen. Die Schiffe fuhren unter holländischer Flagge in das Nordmeer, hinauf bis Grönland und Spitzbergen. Es war eine meist riskante Reise in dieser wilden Welt - um dort Wale zu jagen, begehrt war seinerzeit der Tran als Lampenöl. Man konnte sein Glück machen, doch mancher kehrte nicht zurück. Wie viele Föhrer Familien blickten im Herbst bang auf die See und erwarteten die Rückkehr ihrer Männer und Väter? Petersens hatten mit Matthias gutes Glück:

„Matthias fuhr zu einer Zeit, als die Wale noch so zahlreich waren, dass man sie einfach in die Buchten treiben konnte, um sie dort zu erlegen. Die gefährliche Jagd auf hoher See setzte erst später ein. Innerhalb von 50 Jahren erbeuteten die Schiffe unter seinem Kommando 373 Wale – damit gehört er zu den erfolgreichsten Walfängern der Westküste“, berichtet Brodersen weiter. Der „glückliche Matthias“ kam also zu großem Reichtum, auf seiner letzten Fahrt geriet er in die Hände französischer Freibeuter und musste sich und seine Mannschaft freikaufen – das Geld dafür hatte er.

Und auch hierfür: „Kommen Sie mal mit in die Kirche“, sagt Brodersen. Die Kirche ist uralt und wunderschön, eine umarmende, friedvolle Stimmung erfasst den Gast. Zwei gewaltige Kronleuchter aus Messing hängen an der Decke. „Die haben Matthias und sein Sohn gestiftet“, sagt Brodersen, „wir benutzen sie noch heute.“ Und weil Matthias viel Geld hatte, war er ursprünglich auch vor dem Altar beerdigt. Sehr viel der Ehre, die Kirche sollte dafür auch sehr viele Goldtaler von den Erben bekommen. Bekam sie aber nicht, also wurde Matthias kurzerhand nach draußen umgebettet – dorthin, wo heute die Grabplatte steht. Und vom „Glücklichen“ berichtet, der „…mit Zustimmung aller den Namen `Der Glückliche´ annahm.“ So steht es geschrieben auf Stein in Süderende auf Föhr.

Infos zu Föhr
www.foehr.de/veranstaltungskalender
www.st-laurentii.de (mit Erklärung ausgewählter Steine)
www.friesendom.de
www.kirche-st-nicolai-foehr.de

Die Geschichte eines Politmordes in Dithmarschen

Die Kronen der kahlen Kastanien rauschen im Wind nahe von St. Laurentius in Lunden / Dithmarschen. Im Schatten von Kirchturm und Kastanie stehen und liegen Grabplatten, grau vom Wetter der Jahrhunderte und dennoch sind auf einigen Verzierungen zu erkennen, laden ein zur Geschichtsstunde. Erzählen die Gräber auf Föhr und Amrum von den Geschichten der Seefahrer, so berichten diese Steine von Männern, die Geschichte schrieben: Dithmarschen war im ausgehenden Mittelalter de facto ein eigenständiger Staat mit einer Regierung bestehend aus 48 mächtigen Männern, vornehmlich reichen Bauern; dem „Rat der 48“ – den „Regenten“. Anführer von Familiensippen, den „Geschlechtern“.

Auf dem Geschlechterfriedhof in Lunden, der in seiner Anlage noch weitestgehend so erhalten geblieben ist, wie er angelegt wurde, sind einige dieser Familien beerdigt. Der Weg über den Friedhof führt auch zu Hügeln; darunter sind Grabkeller. 13 dieser Grüfte sind bis heute erhalten. Eine enge Treppe führt hinab, Hans-Jürgen Löbkens hat den Schlüssel und öffnet die Tür zu Gruft. Einer dieser schaurigen Keller ist öffentlich zugänglich.

Es riecht feucht und modrig, nach nasser Erde. Die Grabkammer besteht aus zwei Räumen, die Nebenkammer ist abgesperrt mit einem Gitter. Weißgetüncht war die Gruft einst und nun blättert es überall ab, Algen wachsen an den Wänden. Die kleine Kammer ist von schwachem gelbem Licht beleuchtet, auf einem Gestell steht ein Sarg. Natürlich liegt dort niemand drin, hier wird demonstriert, wie einstmals – zuletzt in den 1950er Jahren – bestattet wurde. „In den Kellern wurden die Särge entweder auf Ziegelreihen oder auf eiserne Gestelle gesetzt“, erklärt Löbkens. Die Grüfte wurden aus Ziegeln errichtet und haben in der Regel über zwei Luftschächte.

Die Grabplatten und Stelen wiegen bis zu zwei Tonnen. Geöffnet und verschlossen wurden die Platten bei Beerdigungen mit Pferden. Fast allen Steinen sind die vier Symbole in den Ecken gemein: Engel und Löwe, Stier und Adler – „…sie stehen für die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Die Auferstehung war das Wichtigste, so steht im Zentrum stets ein Engel mit den Familienwappen in den Händen“, so Löbkens.

Auch in Lunden erzählen die Steine ganze Geschichten. Eine Besondere ist die des Regenten Peter Swyn. Der „48er“ setzte sich für die Abkehr von der katholischen Kirche hin zum neuen Glauben, der Reformation, ein. Die sich daraus ergebenen notwendigen Änderungen im Rechtswesen (Abschaffung des Fehderechtes und Reformierung der Eideshilfe) versuchte er mit umzusetzen, so Löbkens.

„Andere Geschlechter, vornehmlich die Russeboligmannen, befürchteten durch die Auflösung der Geschlechterbundbriefe erheblichen Machtverlust. Daraufhin haben Auftragsmörder Peter Swyn bei einem Alleinausritt - zur Kontrolle der Arbeit der Tagelöhner auf seinen Ländereien im Moor – aufgelauert, ihn vom Pferd gerissen und erschlagen. Die Mörder sind später gefasst und ihrer gerechten Strafe zugeführt worden“
, sagt Löbkens. Auf dem Gedenkstein oberhalb seines Grabes ist die Szene seiner Ermordung dargestellt. Auf der Vorderseite, geschrieben in gotischen Minuskeln, steht: „Im Jahre des Herrn 1537 am Abend Marien Himmelfahrt ist hier erbarmlich zu Tode gebrocht der hochlöbliche Peter Swyn alt gewesen 57 Jahr“.

Auf der Rückseite: „Auch wahr ist verräterisch ermordet der ehrbare Peter Swyn dem Gott der Herr gnädig will sein. Er ist diesem Lande so ratsam Treu gewesen also bei vielen Herren, Städten und Landen auserlesen die Freiheit dieses Landes so frei zu bewahren, dabei Leib und Leben nicht geschont. Der ein guter Dithmarscher ist der beruft sich dieses Mordes.- Das ist gewiß“.

Der Wind jagt durch die Kronen und ein Rauschen weht über´s Land, die fahle Herbstsonne lässt die Schatten auf diesem Friedhof spielen. Dort, wo die Toten ruhen, ihre Geschichten aber in solchen Augenblicken seltsam lebendig sind und sich eine Gruft auch von Innen öffnen lässt. Und wer mag nur wegen des Novemberwetters eine Gänsehaut kriegen?

Infos Geschlechterfreidhof Lunden
Die Gruft, sowie die Kirche ist täglich von 9:00 bis 17:00 in der Zeit von „Ostern“ bis „Ernte Dank“ geöffnet. Der Geschlechterfriedhof ist ganzjährig geöffnet. Durch sein Wegesystem wird der Besucher von Grabstelle zu Grabstelle geführt. Durch kleine Infotafeln an den wichtigsten Stellen wird der Besucher informiert. Zusätzlich steht auf dem Geschlechterfriedhof noch ein Info-Pavillion mit vielen interessanten und spannenden Information zum Geschlechterfriedhof und der Bauernrepublik Dithmarschen. Mögliche Führungen können über das Kirchenbüro 04882-360 erfragt werden.

Weitere Tipps und Anregungen für einen erlebnisreichen Herbst- und Winterurlaub finden sich im Nordseeurlaubsplaner, der kostenlos unter www.nordseetourismus.de heruntergeladen werden kann.

Foto: Oliver Franke-www.nordseetourismus.de

 


Veröffentlicht am: 12.11.2016

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