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23.03.2017

 

 

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Poesie des Konstruktiven

Daniel Lorch im Gespräch

Eigentlich ist Daniel Lorch Kommunikationsdesigner. Im Jahr 2006 – noch während seines Studiums an der HTWG Konstanz – arbeitete er im renommierten Designbüro Integral Ruedi Baur et associés in Paris. Was Lorch antreibt, ist der Wunsch, das Verhältnis vom Mensch zu den Dingen zu erforschen. In einer Welt, in der Gesellschaft und Technologie im ständigen Umbruch sind.

Ein universeller Gedanke, der sich loslöst von jeder Designdisziplin: So ist es fast kein Wunder, dass Daniel Lorch mit dieser Haltung im Gepäck weiterziehen konnte.

Diesmal nach Berlin, wo er begann, autodidaktisch erste Produkte zu realisieren. 2010 folgte die Gründung seines Büros Daniel Lorch Industrial Design, später kam auch die Produktmarke L&Z hinzu. Lorch gestaltet seither preisgekrönte Leuchten, Möbel, entwickelt Projekte im Bereich Industrie- und Ausstellungsdesign.

„Neue aktive Beziehungen durch den Entwurf von relevanten Objekttypen herzustellen, die auf den Wandel reagieren und unser Tätigkeitsvermögen beflügeln“ – dieses Credo des Designtalents passt perfekt zu seinem ersten Produkt für Tecta, dem Split Chair.

Wir sprachen mit Daniel Lorch.

Was steckt hinter dem Namen Ihres neuen Stuhls Split Chair für Tecta?
Daniel Lorch:
Der Split Chair ist ein Stahlrohrmöbel. To split heißt auf Deutsch „spalten“. Der Name weist auf die ungewöhnliche und innovative Herstellung und Aussehen hin: denn hier wird das Stahlrohr in der Mitte erst gespalten, bevor es gebogen wird.

Wie ist Idee zum Split Chair entstanden?
Daniel Lorch:
Es war eine spontane Eingebung bei einer Art Anatomiestudie des Stahlrohrs. Am Anfang hatte ich gar keinen Stuhl im Sinn. – Ich hatte schon einiges aus Stahlrohr gestaltet, etwa den Marshmallow Chair oder den Sinus Tischbock, da sich hiermit ohne größere Initialkosten kostengünstige Konstruktionen realisieren lassen. Wahrscheinlich war es eine gewisse Langeweile nach diesen Entwürfen, die mich dazu bewegt hat, die gängigen Stahlrohrkonstruktionen zu hinterfragen. Ich habe experimentiert und einfach das Ende eines Stückes Kupferrohr aufgespalten. Das Ergebnis war interessant. Erst später kam ich auf die Idee, einen Stuhl auf diese Weise zu entwickeln.

Ein revolutionärer Gedanke, der sich nicht leicht umsetzen ließ. Warum hat die Entwicklung gleich mehrere Jahre gedauert?
Daniel Lorch:
Um genau zu sein waren es bis jetzt sieben Jahre. Normaler Weise geht man von einem bestimmten Herstellungsprozess aus, auf dessen Basis ein neues Produkt entwickelt wird. Beim Split Chair war es genau umgekehrt. Es gab keinen passenden Herstellungsprozess für das Design. Der musste erst erfunden werden!

Das sieht man dem Stuhl nicht unbedingt an.
Daniel Lorch:
Auch wenn der Stuhl klassisch anmutet, ist er bis auf das Schweißen ein High Tech Chair. Es sind lauter Technologien im Einsatz, die erst seit kurzem existieren. Das Freiformbiegen etwa, das sich vom traditionellen Dornbiegen darin unterscheidet, daß auch Ellipsen und verschiedene Radien in einem Biegeprozess gefertigt werden können. Oder das 3D-Laserschneiden entlang eines gekrümmten Objekts. Die Abstimmungen in der Produktionskette mit den verschiedenen Spezialisten, also Zulieferern, war ebenfalls ein Prozess, der Zeit gebraucht hat. Während der sieben Jahre und auf der Suche nach dem richtigen Verfahren sind viele Entwürfe entstanden, von futuristisch bis klassisch. 2011 habe ich den ersten in Eigenregie konstruierten Prototypen auf der Möbelmesse in Mailand präsentiert. Es gab phantastisches Feedback, einige Firmen wollten den Stuhl direkt produzieren. Sie sind aber auf halbem Weg oder vorher schon gescheitert.

Warum gab es denn keine passende Lösung?
Daniel Lorch:
Der Split Chair ließ sich zwar produzieren, aber das Verhältnis Herstellungskosten/Verkaufspreis stimmte einfach nie. Erst Christian Drescher von Tecta hat die nötige Geduld und Beharrlichkeit aufgebracht, das Produkt ans Ziel zu bringen.
 
Wie kam es dann zur Zusammenarbeit mit Tecta?
Daniel Lorch:
Christian Drescher und ich sind 2014 während der Internationalen Möbelmesse Köln ins Gespräch gekommen. Wir haben uns über Stahlrohrmöbel ausgetauscht, hauptsächlich über den Freischwinger von Breuer, wie es um dessen Urheberrechte bestellt ist, dass die Rohre damals vor dem Biegen mit Sand gefüllt wurden, damit sie ihre Form behielten, etc. So erzählte ich ihm irgendwann auch vom Split Chair, an dem ich ja schon länger arbeitete.
 
Inwiefern passen Ihre Produkte oder Ihre Philosophie zum Portfolio von Tecta?
Daniel Lorch:
Viele Produkte von Tecta versuchen - insbesondere die Stahlrohrmöbel – produktionstechnische Grenzen auszuloten. Zum Beispiel ist Aplati eine Technik die Tecta entwickelt hat: ein Rohrbogen wird gequetscht um so die statischen Eigenschaften eines Freischwingers zu verbessern. Oder auch die Oblique Biegung, bei der ein Flachrohr schräg im 45° Winkel – und nicht wie sonst üblich über die lange oder kurze Seite – gebogen wird. Eine Art Poesie des Konstruktiven zieht sich durch die Kollektionen von Tecta, die auch dem Split Chair zugrunde liegt – quasi Gestaltung von innen heraus, aus der puren Konstruktion. Ähnliche Ansätze finden sich auch bei Jean Prouve mit dem Tecta lange zusammen gearbeitet hat. Auch er hat die Konstruktion und Kräfte, die auf das Objekt wirken können sichtbar gemacht. Gerade diese übersteigerte Rationalität gibt diesen Objekten am Ende ihre subjektive Note.

Sie gehören zur Generation der Digital Natives: Wie startet bei Ihnen ein Gestaltungsprozess?
Daniel Lorch:
Analog, mit Skizzen. Dann geht’s schnell ins Papiermodell, das ich auch als 3D-Skizze bezeichne. So kommt man schnell zum nächsten Schritt. Wenn man die Proportionen hat, verfeinert man am Computer. Dann gibt man den ersten Prototypen in Auftrag, um Ergonomie, Stabilität, Statik prüfen zu können. Es hängt immer auch vom Material ab: Bei einem Kunststoffstuhl etwa würde man den 3D-Druck nutzen. Beim Stahlrohrmöbel muss schon ein Prototyp angefertigt werden.

Sehen Sie den Split Chair eher im Büro- oder im Wohnumfeld? Oder ist das nicht relevant?
Daniel Lorch:
Ich sehe den Stuhl eher im Bereich Living, wobei die Grenzen zwischen Wohnen und Arbeiten ja mehr und mehr schwinden. Die zunehmende Digitalisierung hat im Office dazu geführt, daß Leute ihrer Arbeit nun auch in informellen Umgebungen nachgehen können, etwa auf der Couch mit dem Notebook. Warum also nicht auch auf dem Split Chair? – Ich denke ähnlich wie der Barcelona Chair ist der Split Chair vor allem ein repräsentatives Objekt etwa fürs Foyer, das zugleich auch zweckdienlich ist.

Wird es den Split Chair mehreren Farbvarianten geben?
Daniel Lorch:
Eine schwarze Version und eine verchromte Version sind geplant. – Wir bewegen uns im hochpreisigen Segment, allein schon wegen der Produktionskosten. Daher sollte der Split Chair eine gewisse Wertigkeit suggerieren. Und diese zwei Versionen erfüllen dieses Ziel.

An welchem Tecta Tisch macht sich Ihrer Meinung nach der Split Chair am besten?
Daniel Lorch:
Tecta entwickelt derzeit einige neue Tische und ich bin mir sicher, dass der ein oder andere auch gut zum Split Chair passt. Mir persönlich gefällt der M1 von Stefan Wewerka sehr gut. Er erinnert an einen Baumpilz. Auch wenn die beiden Entwürfe erstmal nicht viel gemeinsam haben, sehe ich hier einen interessanten Kontrast.

Foto: Alexander Stertzik

 


Veröffentlicht am: 12.01.2017

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