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20.10.2017

 

 

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Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?

Über den Trischen-Damm zu den Sternen

Wer nächtens nach oben schaut, wird sagen – eine Menge. Doch das kann noch viel schöner aussehen, viel, viel mehr Sterne scheinbar; strahlend, funkelnd und kristallklar. Eigentlich. Jedoch: Meist sieht man sie eher schlecht, weil der Nachthimmel vom gestreuten, indirekten Licht künstlicher Quellen gestört wird – das nennt man Lichtverschmutzung.

"Kommen Sie mal mit“, sagt der Natur- und Landschaftsführer Michael Beverungen, der hauptberuflich als Nationalpark-Ranger arbeitet, „kommen sie heute Nacht mal mit hinaus auf den Trischen-Damm.“ Dann werden wir schon sehen, wieviel Sternlein stehen.

Von Friedrichskoog-Spitze zieht sich ein schmaler Steindamm mehr als zwei Kilometer in das Watt der Elbmündung hinaus. Begehen darf den Damm jeder, in Begleitung von Michael Beverungen indes wird der Besuch zu einem einzigartigen Erlebnis. Die Sterne, die erklärt er so, dass man was versteht und behält. Und auch die Vögel der Nacht; wir wollen mal schauen und horchen, was nächtens draußen im Watt los ist.

Die Gruppe steht auf dem Deich und ein eiskalter Ostwind weht über das Land. Ostwind ist gut, dann ist der Himmel zumeist klar. Sternenklar. Der Abendstern ging heute schon um halb Fünf auf. „Das ist die Venus“, erklärt Beverungen, „je nach Jahreszeit ist sie der Abendstern oder – geht sie morgens auf – der Morgenstern.“ Die Venus soll die Gruppe bis zum Ende der kleinen Exkursion begleiten. Wenn der Große Hund aufgeht, dann geht sie unter.Unten am Deich hat der Wind nachgelassen (auf dem Rückweg und weiter draußen wird er später umso härter wieder zupacken).

Der Winter ist die wohl beste Zeit für einen einsamen Ausflug zum Sternegucken auf den Damm; es ist früh dunkel, der Himmel oft klar, und wenn Eis und Schnee im Watt liegen, bekommt die Szenerie eine besondere, einzigartige Atmosphäre. „Heute ist der Mond fast selbst schon eine Lichtverschmutzung“, meint der Guide, als die Gruppe sich vorsichtig auf den Damm hinaus tastet. So hell scheint er, dass die Menschen seltsam schale Schatten in das fahle Licht werfen, das die Schneeflächen reflektieren. Traumhafte Mondlichtschatten. Und selbst die Venus strahlt so schön und klar, dass sie einen eigenen Lichtkegel auf die Nordsee wirft.

Der Damm liegt als schmales Band im fahlen Mondlicht, führt hinaus in die scheinbare Unendlichkeit des nächtlichen Wattenmeeres. Das in einem gespenstischen Licht wie seltsam glitzernder Phosphor zu leuchten scheint. Es sind ohnehin sonderbare Lichtspiele, die auf dem ablaufenden Wasser erscheinen. Im zerbrochenen Eis seltsame Zerrbilder von Licht und Schatten, zerrissen und verworfen. Die Priele liegen dunkel, die Eisränder jedoch glitzern im Mondlicht. Reduktionen auf Schwarz und Weiß.

Der Frost der vergangenen Tage hat bizarre Eisformationen geschaffen, Ebbe und Flut haben die kleinen Schollen zu wundersamen Gebilden aufgeworfen. Hört man nur genau hin, kann man ein ganz sachtes Scharren oder Klirren hören, wenn die Schollen im ablaufenden Wasser der kleinen Priele aneinander reiben. Die Landschaft liegt still und starr, wie erfroren im Mondlicht. Einzig Ebbe und Flut scheinen sich in dieser Landschaft noch zu bewegen und die Gegend atmet verhalten im ewigen Rhythmus der Gezeiten. Es sind faszinierende Bilder im Mondlicht und unter glitzerndem Firmament, die man sonst kaum anderswo sehen kann.

Einmal nicht nach vorn geschaut, und schon dem Vordermann in die Hacken gelaufen. Michael Beverungen macht genügend Pausen, damit man schauen kann und staunen. Und um zu zuhören, was er Spannendes erzählt. Je weiter man nach draußen kommt, desto kräftiger wird der eisige Wind. Wer im Winter hinausläuft, sollte sich tunlichst warm anziehen und einen Gesichtsschutz nicht vergessen. Dann wird einem auch nicht kalt bei den Pausen, dann kann man´s genießen. Diesen Ausflug ganz weit weg von dieser Welt.

Wir bleiben stehen, Michael Beverungen lenkt den Blick in den Himmel. Wer läuft, sollte möglichst auf seine Schritte achten, keinen Meter breit ist der Damm und uneben. Dann wieder nach oben schauen und still staunen. Die Sterne, so sehr viel mehr als sonst, funkeln und glitzern. Michael Beverungen zeigt den großen Wagen, ein Sternbild, das viele Leute am Firmament erkennen. Es ist eine kalte Nacht und die Gruppe fühlt sich allein wie auf hoher See. Orientierungslos nicht unbedingt – wenn man die Bilder da oben versteht. „Und wer findet den Polarstern“, fragt der Natur- und Landschaftsführer nach dem Stern zur Orientierung schlechthin. Da war was. Irgendwas mit fünffacher Verlängerung. Der Achse? Der beiden hinteren hellsten Sterne? So ähnlich. Mit seinem Laser-Beamer zeigt er auf den Polarstern, den bald jeder Teilnehmer wiederfinden wird. Und nun immer die Himmelsrichtung bestimmen kann – Polarstern ist Nord.

Inzwischen ist der Kleine Hund aufgegangen, mit Prokyon seinem hellsten Stern. Dieses Sternbild schiebt sich allmählich über den östlichen Horizont. Dort, wo die Windkraftanlagen von den Rotorblättern zerrissenes irres rotes Licht in die Nacht werfen – ganz ohne Licht-Verschmutzung geht es auch hier draußen nicht. Zu erkennen ist der Schimmer der Stadt Brunsbüttel und auf der anderen Seite der Elbe ganz deutlich Cuxhaven. Ein Schiff und die Erdölplattform Mittelplate draußen im Watt.

Trotzdem: Der Sternenhimmel funkelt hier wie selten gesehen und man muss in Deutschland lange suchen, um Plätze zu finden, an denen es ähnlich dunkel ist – oder sogar noch dunkler. Die Kombination mit dem Watt macht diese Location jedoch zu etwas Einmaligem. Hier draußen auf dem Trischen-Damm ist auch das milchige Band zu erkennen, das sich quer über den Himmel spannt – die Milchstraße. Und Gänsehaut gibt´s nicht nur wegen der Minusgrade allein. So faszinierend ist das.

Michael Beverungen erklärt die Sternbilder, zeigt einzelne Sterne, Sternenhaufen – Aldebaran und Andromeda. Man hat davon gehört. Aber hat man sie schon einmal gesehen? Außerhalb eines Planetariums? Lichtverschmutzung mag man als Nebensache abtun, falls man überhaupt schon einmal darüber nachgedacht hat. Hier aber wird deutlich, was man verpasst. Es ist faszinierend, hochzuschauen und ihm zu zuhören. Und: „Die Betrachtung des Sternenhimmels gehört zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit!“ Es ist auch ein bisschen Philosophie. „Die Menschen vor zehntausend Jahren hatten keine Schrift, keine Bücher, keine Bilder – aber sie hatten die Sterne, aus denen sie die Konstellationen erfunden haben.“

Phantastisch, wenngleich noch immer keine Sternschnuppe zu sehen war. Wie oft reicht der Blick nach oben. Sternschnuppen gucken. Da! Da ist was! Ein langer, milchiger Schweif zieht sich über das Firmament. Und er verlischt gar nicht. Was nur wünschen? Michael Beverungen beruhigt: „Das ist nicht der Stern von Bethlehem, das ist der Kondensstreifen eines Flugzeuges, der im Mondlicht wie ein Komet leuchtet!“

Alles scheint hier draußen erfroren zu sein; so kalt wie der Weltraum selbst und für alle Ewigkeit statisch wie die Sterne. Doch bleiben wir stehen und hören hin: Plötzlich ein sanfter, melodischer Ruf, flötenhaft fast, so unglaublich unpassend in dieser harschen, erfrorenen Gegend – und vielleicht gibt es deshalb eine Gänsehaut.

Brachvögel werden das sein. Später ein fernes, fremdes Gelächter, und wieder jagt ein Schauer den Rücken hinunter, Eiderenten sind das womöglich. Austernfischer und Rotschenkel erkennt der Natur- und Landschaftsführer auch noch an den Vogelstimmen. Und plötzlich wieder etwas wie eine Sternschnuppe und ganz nah! Beverungen beruhigt wieder: „Das war ein Sanderling, der Vogel sah nur so aus wie eine Sternschnuppe als er durch das Mondlicht flog!“

Raum und Zeit scheinen sich hier draußen aufgelöst zu haben. Wir haben das Ende des Dammes erreicht, gute zwei Kilometer vom Deich entfernt. Daran, dass wir noch auf der Erde sind, erinnert das leise Plätschern des Wassers und das verhaltene Schnattern der Brandgänse von irgendwo. „Überlegt mal, wie weit die Sterne weg sind – tausende, wenn nicht Millionen Lichtjahre.“ Dieser Maßstab, die Einordnung, Wir in der Galaxie – man mag ganz still werden. Und staunen sowieso. Der Lichtkegel der Venus wird zerrissen und wirkt flüchtig, als das Wasser bewegt wird; unfassbar, unbegreiflich im wahren Wortsinn.

Der Abendstern hat sich dem Horizont gebeugt. Die Venus geht unter. Und Sirius – der hellste Fix-Stern am Nordhimmel – geht im Osten auf und weist uns den Weg zurück. Sirius im Sternbild Großer Hund. Einer von ganz, ganz vielen heute Nacht. SO viel Sternlein stehen, weißt Du!

Der Trischen-Damm

Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts wurde Friedrichskoog endgültig eingedeicht. Der Trischen-Damm wurde 1935/6 angelegt, um einen sich verlagernden Priel vom Deich fernzuhalten – der Altfelder-Priel wurde immer tiefer und kräftiger und er rückte gefährlich nahe an den Deich. Dem Land vorgelagert liegt die Insel Trischen. In der damaligen Zeit, den 1930er Jahren, sollte auch diese eingedeicht werden – und bei der Gelegenheit mittels eines Dammes mit dem Land verbunden werden. Auch, um den Altfelder Priel zu durchdämmen und ihm damit seine Kraft zu nehmen.

Daraus wurde nichts. Heute führt der Damm nahe Friedrichskoog Spitze vom Deich zunächst geradeaus ins Watt, um dann nach rechts abzubiegen. Vom Land aus links gesehen, hat sich inzwischen eine Salzwiese gebildet. Die Krone ist mit nicht mal einem Meter Breite schmal. Zuletzt liegt der Damm im offenen Wattenmeer und stellt damit die einzige Möglichkeit dar, auch nachts weitestgehend sicher „ins Watt“ zu gehen. Der Zugang ist kostenfrei und nicht reglementiert. Gutes Schuhwerk und der Blick auf den Weg sorgen für einen sicheren Ausflug.

Die nächsten „Sterne über dem Wattenmeer“ –Termine mit Michael Beverungen finden statt am:
13.4.17,  21.30 Uhr
25.8.17,  21.30 Uhr

Foto: Tourismus-Service Friedrichskoog

 


Veröffentlicht am: 31.01.2017

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