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Zurück zur Natur?

... im Museum Frieder Burda/Salon Berlin

„Die Ökosphäre beruht auf einer Ökologie der Gabe, auf einem beständigen Austausch, der von der ‚gratis‘ eingestrahlten Sonnenenergie gespeist wird. Erst wenn wir diese Ökologie – und auch Ökonomie – des Gebens und Nehmens wieder verstehen, wenn wir verstehen, wie sehr die Menschen Teil eines solchen beständigen Austauschs sind, werden wir eine neue Grundlage für ein anderes Wirtschaften mit der Natur finden können.“ Andreas Weber, Lebendigkeit: Eine erotische Ökologie

New Nature – Super Human. Die Digitalisierung fordert ihren Tribut, das Anthropozän hat längst begonnen – und Gott ausgedient: Das Wetter macht inzwischen der Mensch, er designt die Oberfläche der Erde, indem er Städte wachsen und Bäume abholzen lässt – und er höhlt und beutet aus, was er darunter findet. Die Meere werden zu Müllhalden, die Ressource Wasser knapp. Aber die größten Eingriffe erfährt der Mensch selbst: Der Körper wird zum modularen Baukasten, die DNA zum Lego-Kasten.

Kurzum: Unser altes Verständnis von Natur funktioniert nicht mehr. Umweltverschmutzung, Klimawandel, Ressourcenverschwendung: Wenn sich jetzt der Mensch selbst als Schöpfer seiner eigenen Realität erlebt, wie schafft er dann den Quantensprung, um gleichzeitig auch die Verantwortung für sich selbst, für seinen eigenen inneren Zustand zu übernehmen? Vor dem Hintergrund dieses fundamentalen Wandels von unserem alten zu einem gänzlich neuen Bewusstsein: Wird es ihm gelingen, die Verbindung zwischen allem Leben auf unserem Planeten lebendig zu erhalten, so wie es einst der berühmte Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) für unser Verständnis von Natur formuliert hat?

Von der Rückwendung zur Ästhetisierung bis zur futuristischen Vision: Die aktuelle Ausstellung im Salon Berlin reflektiert die verschiedensten künstlerischen Strategien, die uns unsere aktuelle Entfremdung von der Natur und von uns selbst erfahren lassen. Künstlerinnen wie Camille Henrot oder Laure Prouvost suchen zeitgemäße Zugänge zur Natur – die Sehnsucht nach einer Wiedervereinigung, nach einer Idealisierung spricht aus ihren Werken, in denen eine sinnliche, fast kindliche Erfahrung mitschwingt. Tue Greenfort formuliert ein entschiedenes Bekenntnis zur Natur als unsere lebenswichtige Ressource, indem er ihr ästhetisches Potential selbst aus dem wissenschaftlichen Zugang zu ihr herauskitzelt. Timur Si-Qin vermittelt in virtuellen Bildern und Installationen sein neues „Protokoll“, um den eigenen Platz in der Weite von Zeit und Raum zu verstehen und um neue Mythen und Bedeutungen für eine Welt zu entwickeln, die tiefgreifenden Veränderungen unterliegt. Und durch dieses Szenario stiefelt der zeitlos wandernde Mensch à la Baselitz und behauptet sie nach wie vor als seine Heimat – trotz all ihrer Komplexität.

Unter diesen Vorzeichen beschäftigt sich die Ausstellung ZURÜCK ZUR NATUR? mit den veränderten Konzepten, Wahrnehmungen und Bildern von Natur in der zeitgenössischen Kunst. Dabei geht die von Patricia Kamp kuratierte Schau auch der Frage nach, welchen Beitrag Kunst im Kontext von gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Debatten leisten kann. ZURÜCK ZUR NATUR? ist die erste Ausstellung eines fortlaufenden interdisziplinären Workshops, zu dem auch eine Publikation in Arbeit ist. In Zusammenarbeit mit Parley for the Oceans wird im Salon Berlin eine Serie von Konversationen initiiert, in denen Künstler wie Doug Aitken und der Parley for the Oceans-Gründer Cyrill Gutsch über die Notwendigkeit eines komplexeren Naturverständnisses diskutieren. Einige Kernpunkte der Ausstellungsinhalte von ZURÜCK ZUR NATUR? stehen darüber hinaus in konkreter Beziehung zu den wichtigen gedanklichen Grundpfeilern von Parley for the Oceans.

Patricia Kamp, Kuratorin der Ausstellung, zu ihrem Ansatz: „Mir geht es nicht um einen pessimistischen Abgesang auf die Natur, um das Beklagen eines deformierten Naturverhältnisses, verbunden mit einer essentiellen Angst vor Veränderung. Ich sehe in den gezeigten Ansätzen auch die positive Chance, in der Auseinandersetzung mit einem neuen Verständnis von Natur, die Möglichkeit, die eigene, menschliche Natur darin zu spiegeln. Wie kultiviere ich meine eigene emotionale, sinnliche Lebendigkeit? Mit Kunst treten wir immer wieder neu in Verbindung zur Welt – welche Auswirkung hat dies auf unsere eigene schöpferische Energie?“

Zu den einzelnen Werken

ZURÜCK ZUR NATUR? beginnt mit aktuellen Positionen, die die traditionelle Auffassung von einem Gegensatz zwischen Kultur und Natur radikal in Frage stellen. So auch die französische Künstlerin Camille Henrot, deren Fresko eines Pelikan-Paares das Titelmotiv der Ausstellung bildet. Es stammt aus Henrots Serie Untitled (11 Animals that Mate for Life), die sie 2016 für eine Installation auf der Berlin Biennale realisierte. Die Grundlage bildete dabei eine Buzzfeed-Liste aus dem Internet, in der vermeintlich „monogame“ Tiere aufgezählt werden, darunter auch Arten wie der Pelikan, der gar nicht in beständigen „Zweierbeziehungen“ lebt. Henrot thematisiert den ideologisch und sentimental verbrämten Blick in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung, mit dem die Gesellschaft Idealbilder auf Tiere projiziert und die Natur vermenschlicht, um soziale Normen zu rechtfertigen.

Swallow, das 2013 entstandene Video der Turner-Preisträgerin Laure Prouvost, ist vordergründig eine Reflexion über die sinnliche Wahrnehmung der Natur: Begleitet von Prouvosts Atmen und ihrer Stimme aus dem Off, baden nackte junge Frauen an einem sonnendurchfluteten See, Vögel fliegen auf, Fische stehlen Beeren. Doch zugleich ist Prouvosts verführerisch konstruierter Film eine Meditation über Technologie, über die künstlichen Bilder und Begriffe, die wir uns von der Natur machen und auf sie projizieren.

So wie Prouvosts Film thematisieren auch die Arbeiten des Berliner Künstlers Timur Si-Qin ein materialistisches Denken, das nicht mehr aus einer hierarchischen Perspektive über Objekte, Materialien oder die „Natur“ nachdenken will, sondern den angeblichen Gegensatz zwischen Zivilisation und Natur fundamental kritisiert. „Ich habe das Gefühl“, sagt Si-Qin, „dass dieser tief im westlichen Denken verwurzelte Dualismus uns Menschen wirklich daran hindert, unsere Rolle und unser Verhältnis zum materiellen Universum zu verstehen. Er trennt uns von allem anderen Leben, anderen Tieren und dem Ökosystem.“ In seinen Ausstellungen hat der Künstler bereits Logos für eine künftige New-Materialism-Religion entworfen, mit seiner „New Peace“ Kampagne führt er diesen Gedanken noch einen Schritt weiter: Der Mensch ist und bleibt wie alles andere eben „nur“ Materie.

Der Däne Tue Greenfort war einer der ersten Künstler, die nicht nur den subjektiven, zivilisatorischen Blick auf die Natur kritisierten, sondern auch in ihrer Kunst Aktionismus mit neuen ästhetischen Strategien verbanden. Seine Artefakte von „lebenden Fossilien“ – wie z. B. seine aus Beton und Flugasche gegossenen Skulpturen des Pfeilschwanzkrebses, ein Organismus, der sich seit 400 Mill. Jahren nicht verändert hat, seine „Meeresoberfläche“, eine gläsern-zerbrechliche Momentaufnahme von Wasser in Bewegung, sowie seine mikroskopischen Ansichten von Carbamid-Kristallen im Moment ihrer Kristallisierung, verbinden sich mit ausgedehnten ortsspezifischen Recherchen und ganz konkreter Kritik an Produktionsbedingungen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die den Menschen wie die Natur ausbeuten und zerstören.

Über die Ausstellung im Salon Berlin sagt der Künstler selbst: „Die gängige Dichotomie zwischen Leben und anderen Dingen scheint mir eine problematische Perspektive zu sein. Diese befragen und fordern meine Arbeiten heraus und entwickeln gleichzeitig eine Art Studien über die Verstrickung von Leben und anderen Dingen und die damit verbundene Rolle, die der Mensch spielt, wenn es um die ökologische Krise unserer Zeit geht.“

David La Chapelles Fotografien von Tankstellen, die auf Hawaii vom Regenwald umwuchert werden, wirken künstlich wie die Settings von Mystery-Filmen. Zugleich erinnern sie an berühmte Vorbilder aus der Gegenwartskunst – Ed Ruschas Tankstellenbilder aus den 1960er-Jahren oder Edward Hoppers Nachtszenen aus den 1920ern und 1930ern. Dabei spielt der Regenwald eine ambivalente Rolle: Er ist die Quelle von Jahrmillionen alten fossilen Kraftstoffen. Doch er symbolisiert auch natürliche Kräfte, die ihr Terrain zurückerobern. So bietet La Chapelles Serie einen spekulativen Blick in die Zukunft. Der tropische Wald könnte die menschlichen Architekturen überwuchern, die in einer post-humanen Zukunft vergessen sein würden.

Die norwegische Künstlerin, Geruchsforscherin und Professorin Sissel Tolaas hat für ihre Ocean Smell Scapes an unterschiedlichen Stellen in den Ozeanen Gerüche gesammelt und synthetisiert. Anhand einer Landkarte kann der Besucher in ihren Installationen die Gerüche den weltweiten Fundorten zuordnen und auch seine Gedanken dazu notieren. Tolaas hat eine Art olfaktorisches Archiv angelegt, das ganz subjektive Erinnerungen an das Meer weckt und eine Momentbeschreibung voller geografischer, kultureller und historischer Referenzen ist. Sie stößt uns auf unsere zunehmende Angst vor Geruch, die zur Folge hat, dass wir einen unserer wichtigsten Sinnesorgane nach und nach verlieren. Wie aber kann Geruch als Informationsquelle genutzt werden? Das ist die zentrale Frage, die die Künstlerin stellt. Zugleich kündet ihr Geruchsatlas von der Ortlosigkeit und der Vergänglichkeit sinnlicher Erfahrungen.

Auch Tim Eitels Gemälde Boot (2004) erscheint merkwürdig ortlos. Inspiriert von Arnold Böcklins Toteninsel hat Eitel dieses wohl berühmteste Sujet des Symbolismus in ein bühnenartiges Interieur verlegt. Die Figuren auf dem Boot steuern nicht mehr auf eine morbid-romantische Insel, sondern ins Nichts und gleichzeitig auf eine Wand zu. Angesprochen auf die surreale Szenerie des Bildes betonte Eitel selbst in einem Interview aus dem Jahre 2007 dessen reale Bezüge: „Dieses Nichts, in das das Boot fährt, ist ja gleichzeitig eine Mauer. Vor einiger Zeit wurde zum Beispiel der „Palast der Republik“ hier in Berlin geflutet und die Leute konnten darin herumpaddeln, oder es werden Bunker unter Wasser gesetzt oder Wasserreservoirs zu Freizeitvergnügungen genutzt.“ Während sich das Gemälde mit Tod und Vergänglichkeit auseinandersetzt, berührt es auch eine andere Thematik, inszenierte Erlebnisse, die „authentische“ Naturerfahrungen ersetzen.

Bereits 1999 begann sich der italienische Maler Flavio de Marco in zum Teil wandfüllenden Installationen mit dem Format des Bildschirmfensters auf dem Computermonitor auseinanderzusetzen – als dem Inbegriff einer digitalisierten Welt, in der unsere Wahrnehmung durch omnipräsente Screens, Filter und stereotype Images geprägt ist. Bildeten früher vor allem touristische Landschaften die Grundlage seiner Arbeiten, interagiert de Marco inzwischen verstärkt mit der Kunstgeschichte – gleichzeitig versteht er sich selbst nach wie vor als Landschaftsmaler.

Seine ortsspezifische, eigens für den Salon Berlin konzipierte Wandinstallation Mimesi.05 tritt unter anderem mit zwei originalen Werken von Georg Baselitz aus der Sammlung Frieder Burda in Dialog: Adler (1982) und Eschenbusch II (1969). In einer sich überlagernden Komposition aus gemalten Windows- und I-Phone-Fenstern installiert er eine von einem chinesischen Kopisten gemalte Version von Eschenbusch II, die genauso aussieht, als würde man das Gemälde auf einem Smartphone googlen. Die Authentizität, die Aura eines Originals geht dabei bewusst verloren. Und entspricht damit unserer Smartphone-Optik – und einer mechanisch geeichten Wahrnehmungsweise von Kunst wie von Wirklichkeit. Baselitz‘ Blick auf eine symbolisch und heroisch aufgeladene, auf dem Kopf stehende Natur erfährt in der medialisierten Version eine neue Entsprechung.

Basierend auf Aquarellen des Künstlers führt The Bridge, die 2017 entstandene Virtual Reality-Arbeit des Ukrainers Nikita Shalenny, in eine Endzeitwelt. Schemenhafte Silhouetten nackter Menschen laufen um ihr Leben – durch geisterhaft leere Landschaften, durch abgestorbene Wälder, vorbei an verlassenen Ölpumpen, Fabriken und Kirchen, über die Schnee oder Asche regnet. Die Flucht führt in den Tod, während eine riesige schwarze Sonne über den leblosen Körpern aufscheint. Shalennys dystopischer Film erinnert unweigerlich an die aktuelle Flüchtlingskrise, repressive totalitäre Systeme und die voranschreitende Zerstörung der Umwelt.

Zurück zur Natur?
Museum Frieder Burda
Auguststraße 11 – 13
10117 Berlin
bis 18. August 2018

Mit Werken von Camille Henrot (*1978), Timur Si-Qin (*1984), Tue Greenfort (*1973), Sissel Tolaas (*1963), David LaChapelle (*1963), Laure Prouvost (*1978), Tim Eitel (*1971), Flavio de Marco (*1975), Nikita Shalenny (*1982) im Dialog mit Georg Baselitz‘ (1938) »Eschenbusch II« (1969) aus der Sammlung Frieder Burda

Öffnungszeiten Salon Berlin
Donnerstag bis Samstag 12 – 18 Uhr

Parallel dazu im Museum Frieder Burda: America! America! How real is real? (noch bis zum 21. Mai 2018)

Bild: Camille Henrot, Untitled (11 Animals that Mate for Life), 2016, Fresco, steel, 205 x 155 x 7 cm, KÖNIG GALERIE, Berlin / London

 


Veröffentlicht am: 23.04.2018

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