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23.01.2019

 

 

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Mit dem E-Bike auf der Seidenstraße - Teil 2

Andrea Freiermuth im Gespräch

[pd‐f/tg] Am 5. Juli 2018 startete die Schweizerin Andrea Freiermuth in ihr großes Radabenteuer. Ihr Weg führt sie entlang der legendären Seidenstraße von Zürich bis nach Peking. Ihr Begleiter: ein „Upstreet 5“ des E‐Bike-Pioniers Flyer.

Rund ein Jahr soll die Reise dauern. Nach dem europäischen Teilstück (nachzulesen hier) durchquerte sie in vier Monaten die Türkei, Georgien, Armenien, den Iran und Turkmenistan. Aktuell macht sie Station in Usbekistan. Im Gespräch mit dem pressedienst‐fahrrad erzählt die Abenteurerin von ihren Erlebnissen.

Hallo Andrea, fast vier Monate sind seit unserem ersten Gespräch vergangen. Du hast in der Zwischenzeit ordentlich Kilometer gemacht und sicherlich einiges erlebt. Wie geht es dir?
Andrea Freiermuth:
Aktuell bin ich etwas müde. Bisher war fast jeder Tag verplant, entweder mit Velofahren, Blogschreiben oder Sightseeing. Jetzt warte ich, bis mein Visum für Tadschikistan beginnt und bin richtig froh, dass ich mal kein Programm habe. Mir blieb kaum Zeit, die vielen Eindrücke zu verarbeiten.

Was hast du in den letzten vier Monaten alles erlebt?
Andrea Freiermuth:
Unglaublich viel. Ich bin einfach überwältigt. Im Iran und der Türkei war ich von der enormen Gastfreundschaft überrascht. Eine schöne Geschichte ereignete sich in der Türkei: Meine Route führte mich entlang der Schwarzmeerküste in ein abgelegenes Küstendorf. Auf der Suche nach einem Hotel ging ich in ein Teehaus. Dort waren nur Männer, die mich beim Betreten alle anstarrten. Am liebsten hätte ich gleich auf dem Absatz kehrt gemacht. Nach einem ersten Moment des Erstaunens wurde ich aber freundlich begrüßt. Bald schon war ein älterer Herr zur Stelle, der Deutsch sprach. Es stellte sich heraus, dass das nächste Hotel über 30 Kilometer entfernt war. Das hätte ich bei Tageslicht nicht mehr geschafft. Die Männer organisierten dann ein paar Frauen, die mich unter ihre Fittiche nahmen und bei denen ich letztlich übernachtete. Wir schicken uns heute noch regelmäßig Bilder und Sticker.

Wie erging es dir im Iran?
Andrea Freiermuth:
Vor der Fahrt durch den Iran hatte ich anfänglich großen Respekt, weil viele Soloradfahrerinnen von sexuellen Belästigungen in diesem Land berichten. Zum Glück fand ich über Warmshowers einen jungen Iraner für ein Teilstück als Mitfahrer. Durch unsere Gespräche habe ich viel über das Leben und die Probleme im Iran erfahren. Das Land macht aktuell einen Wandel durch und die Menschen sind Touristen gegenüber sehr aufgeschlossen und wissbegierig. Als junger Mensch möchte ich dort allerdings nicht leben.

Warum nicht?
Andrea Freiermuth:
Der Umgang mit dem jeweils anderen Geschlecht ist enorm schwierig. Man kann nicht einfach unbeschwert etwas zusammen unternehmen. Das ist schlecht für den Ruf der Mädchen. Es könnte ja sein, dass es bei einem gemeinsamen Ausflug die Jungfräulichkeit verliert. Knaben und Mädchen sind in der Schulzeit strikt nach Geschlechtern getrennt. Manche Iraner sehen darin den Grund für die sexuelle Belästigungen. Die Jungs wüssten einfach nicht, wie man sich einem Mädchen auf normale Art und Weise nähert. Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass die Mullahs das Radfahren für Frauen verbieten wollten, weil es Männer sexuell erregen könnte. Das Gesetz gibt es offiziell nicht, doch der Gedanke dahinter ist quasi ein Freipass zum Zugreifen. Wobei man sagen muss, dass iranische Männer sich sehr wohl beherrschen können – auch wenn das die Mullahs anders sehen.

Ist dir nie etwas passiert?
Andrea Freiermuth:
Es gab zwei Vorfälle: Einmal steckte ein Hirte seinen Stock zwischen meine Speichen und stoppte mich. Meine erste Befürchtung war, dass es sich um einen religiösen Fanatiker handelt, der mich vom Velo holen wollte. Zum Glück war ich an jenem Tag mit meinem iranischen Begleiter unterwegs, der die Situation klären konnte. Es stellte sich heraus, dass der Mann geistig zurückgeblieben war. Er wusste einfach nicht, was er tat. Das hätte in jedem anderen Land auch passieren können und hatte rein gar nichts mit Frausein zu tun. Darum hat mich der Vorfall auch nicht nachhaltig verunsichert. Die Iraner fürchteten sich aber stets um mich. Darum war ich in ihrem Land letztlich nur wenige Tage allein unterwegs. Ab Teheran begleitete mich eine Freundin aus der Schweiz. Auf einer Etappe überholten uns männliche Teenager mit dem Motorrad und begrapschten den Po meiner Mitfahrerin. Gefährlich war das nicht, aber sehr ärgerlich. Allerdings muss ich zur Verteidigung der Iraner sagen: Genau dasselbe ist einer anderen Freundin in der Schweiz auch schon passiert.

Gab es sonst irgendwelche Probleme?
Andrea Freiermuth:
Die zum Teil sehr starke Luftverschmutzung hat mich belastet. Angeblich sind die Sanktionen daran schuld. Die Leute sagen, die iranischen Raffinerien könnten nur minderwertiges Benzin herstellen, weil ihnen die nötige Technik fehle. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Allgemein scheint der Umweltschutz nicht so wichtig zu sein. Viel wichtiger ist dem Regime, dass Frauen stets ein Kopftuch tragen und keine nackte Haut oder zu viele Kurven zeigen.

Nach dem Iran folgte Turkmenistan. Auch nicht ganz einfach…
Andrea Freiermuth:
Das Visum für Turkmenistan gestaltete sich als äußerst schwierig. Mir wurde erst im Iran bewusst, dass es in vielen Fällen verweigert wird. Turkmenistan ist eine Diktatur, die sich nach außen extrem abschottet. Die ausgestellten Transitvisa sind nur für ein paar Tage gültig und mit strengen Auflagen verbunden. Das Geschäft mit den Touristen ist dem Staat vorbehalten. So darf man etwa nicht bei Einheimischen übernachten, wenn es im Ort ein für Touristen lizenziertes Hotel gibt. Am liebsten ist der Regierung, wenn man mit einem sogenannten ‚Letter of Invitation‘ einreist, den es aber nur gibt, wenn man über eine turkmenische Agentur bucht. Das ist sehr teuer, weil der Staat die Preise festsetzt und eben auch kassiert. Ich kann niemandem empfehlen, da hinzufahren, weil man mit einem Besuch Turkmenistans bloß den Diktator subventioniert.

Wie wurdest du eigentlich als Radfahrerin, speziell als E‐Bikerin, aufgenommen?
Andrea Freiermuth:
Im Gegensatz zu den ersten Etappen durch Europa hat sich die Einstellung gegenüber dem E‐Bike komplett geändert. Damals war ich unter den anderen Radfahrern die Betrügerin, die auf Motorunterstützung setzt. Jetzt werde ich mehr respektiert. Die meisten Leute kennen ein E‐Bike gar nicht, bestaunen das Rad und möchten alles darüber wissen. Bereitwillig erkläre ich ihnen, wie das funktioniert, soweit es die sprachlichen Barrieren erlauben. Beim Preis flunkere ich aber etwas. Für die Leute wäre es unverständlich, für ein Velo um die 5.000 Dollar zu bezahlen. Das kostet hier ein Neuwagen. Was mich besonders erfreut hat, war die positive Resonanz der Frauen im Iran. Oft standen selbst komplett verschleierte Frauen am Straßenrad und strecken den Daumen hoch oder applaudierten. Manche bedankten sich sogar bei mir, dass ich mit dem Fahrrad durch ihr Land fahre.

Wie macht die Technik des E‐Bikes die lange Reise bislang mit? Du legst ja doch einige Höhenmeter zurück und bist bei unterschiedlichen Temperaturen unterwegs …
Andrea Freiermuth:
Der Motor an meinem Flyer schnurrt problemlos und ich hatte immer noch keine Probleme mit dem Elektroantrieb. Meine einzigen Reparaturen waren viermal Bremsbeläge tauschen und ein Platten in Turkmenistan. Letzterer hatte es aber in sich. Die Tage sind jetzt ja kürzer und ich war bereits spät dran, um das nächstmögliche Hotel noch zu erreichen. Beim Reparieren ging mir dann auch noch die Luftpumpe kaputt. Zum Glück konnte ich zu einem Roadhouse zurückkehren, wo ich die Nacht zuvor mit anderen Radfahrern verbrachtet hatte. Dort konnte ich eine Pumpe ausleihen und meinen Platten flicken. Ansonsten fällt mir auf, dass die Akku‐Leistung an kalten Tagen abnimmt. Durch die kurzen Tage muss ich bereits früh bei Kälte los und die Akkus sind noch nicht auf Betriebstemperatur. Eine schwere, lange Bergetappe wie im Sommer in den Alpen würde ich jetzt nicht mehr schaffen. Einmal war ich im High‐Power‐Modus unterwegs und das System hat sich plötzlich abgeschaltet. Bislang war ich aber noch nicht Temperaturen unter null Grad ausgesetzt. Das ändert sich jetzt: In den kommenden Tagen steht die Überquerung eines Höhenzuges mit über 2.700 Metern an. Ich habe mir deshalb bereits über Pedelec-Facebook‐Gruppen ein paar Tipps von anderen E‐Bikern für das Fahren bei Kälte geholt. Ich bin gespannt, wie sich die Akkus verhalten.

Hattest du Probleme, an Strom für die Akkus zu kommen?
Andrea Freiermuth:
Elektrizität gibt es überall und auch mein zweipoliger Stecker funktionierte bislang problemlos. Meistens lade ich über Nacht auf. Ab der zweiten Nacht Wildcamping muss ich während des Tages eine Ladepause einlegen. Als ich noch mit konventionellen Radfahrern und bei höheren Temperaturen unterwegs war, brauchte ich pro Tag bloß einen Akku. Derzeit sind es in der Regel eineinhalb, weil ich längere Distanzen fahre und weil es kühler ist. Ein lustiges Erlebnis hatte ich in Armenien, als ich an einer improvisierten Tankstelle mitten im Nirgendwo vorbeikam. Dort standen neben einem alten Lada diverse Benzinkanister und warteten auf durstige Motoren – und ich hätte in jedem Dorf auf der Strecke an die Steckdose gekonnt.

Hast du noch Tipps für zukünftige E‐Bike‐Reisende?
Andrea Freiermuth:
Setzt euch mit euren Akkus auseinander. Ich habe erst kürzlich erfahren, dass Laden bei Minus‐Temperaturen Schäden verursachen kann. Ich hoffe, meinen ist noch nichts passiert. Aber so genau weiß ich das nicht. Allgemein zu Reisen gilt: Holt eure Visa selber ein und vertraut nicht auf Agenturen. Die kosten nur Geld und Nerven. Viel sinnvoller ist es, Tipps bei Leuten einzuholen, die was Ähnliches schon gemacht machen. Ich bin jetzt in einer Whatsapp‐Radgruppe angemeldet, wo wir uns rege austauschen. Außerdem wäre es schön gewesen, zumindest ein paar Kenntnisse Türkisch und Russisch zu haben. Ich bin überrascht, wie weit man mit diesen beiden Sprachen in Zentralasien kommt. Mittlerweile kann ich mich etwas verständigen, aber am Anfang war eine Kommunikation sehr schwierig. Das ist schade, weil dadurch viele Erlebnisse auf der Strecke bleiben. Deshalb ist es für mich wichtig, für die letzte Etappe Chinesisch zu lernen.

So geht es weiter


Andrea fährt aktuell von Samarkand nach Duschanbe in Tadschikistan. Dort wird sie ihr E‐Bike für ein paar Monate unterstellen, da eine Überquerung der Gebirge Richtung China im Winter nur schwer möglich ist. Die 46‐Jährige reist in der Zwischenzeit via Zürich nach Shanghai, wo sie einen Sprachkurs absolvieren wird. Der Abstecher in die Schweiz ist nötig, um ein Sechs‐Monate‐Visum für China zu erhalten. Die letzte Etappe nach Peking ist dann ab April für drei Monate geplant.

Über ihre aktuellen Erlebnisse berichtet sie in ihrem Blog.

Foto: www.pd-f.de / Andrea Freiermuth

 


Veröffentlicht am: 21.12.2018

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