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Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger?

Studie des Goslar Instituts offenbart notwendigen Paradigmenwechsel bei Datenschutz

Beim Thema Datensicherheit verhalten sich die Bundesbürger so ambivalent wie selten: Einerseits sorgen sie sich sehr, dass ihre persönlichen Daten missbraucht werden könnten, und lassen sich gern von diffusen Ängsten vor „Big Data“ umtreiben.

Dazu tragen nicht zuletzt auch Skandale wie der aktuelle Datenklau bei Prominenten bei, der als ein Versagen der für den Datenschutz Verantwortlichen wahrgenommen wird. Andererseits gehen die Bürger selbst im Alltag – nicht nur im Netz – ausgesprochen sorglos mit Informationen zu ihrer Privatsphäre um. Dies dokumentiert sehr anschaulich eine aktuelle Untersuchung im Auftrag des Goslar Instituts, Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern e.V.

Dieses Missverhältnis im Umgang mit Big Data und Datenschutz torpediert aus Sicht der Autoren – allesamt ausgewiesene Experten – die Chancen der Digitalisierung für Bürger, Wirtschaft und die Gesellschaft insgesamt. Sie fordern daher einen überfälligen Paradigmenwechsel im Umgang mit Big Data und dem Schutz von Daten gleichermaßen. Das Zielbild sind Bürger als selbstbewusste Nutzer, die sich nicht mehr primär als Schutzobjekt verstehen, sondern als Datengeber, Datenspender oder gar Datenhändler. Nur so kann die Digitalisierung tatsächlich substanziellen Mehrwert für alle bringen, was die Studie anhand der Lebensbereiche Wohnen, Gesundheit und Mobilität exemplarisch aufzeigt.

Big Data als „Big Brother“-Vision

„4.0“ ist zu einem gängigen Synonym für den zunehmenden Einfluss der Digitalisierung nicht nur auf die Arbeitswelt der Zukunft geworden: Alles wird digitaler, dadurch vernetzter und flexibler. Damit einher gehen Anfall, Erhebung, Verarbeitung und Verwertung kaum noch zählbarer Daten. Der dafür inzwischen etablierte Begriff „Big Data“ assoziiert bei den einen eine Horrorvision à la Orwells „Big Brother“, bei anderen löst er optimistische bis regelrecht euphorische Utopien aus. In der öffentlichen Wahrnehmung überwiegen allerdings deutlich die mit Big Data verbundenen Befürchtungen.

Mögen manche Befürchtungen in Bezug auf den „gläsernen Menschen“ und seine ferngesteuerte Zukunft auch über das vernünftige Maß hinausschießen, so sind die Sorgen der Menschen vor einer unerwünschten Erhebung und Verwendung ihrer persönlichen Daten dennoch ernst zu nehmen. Denn auch für die Digitalisierung gilt in einem ganz besonderen Maß wie für die meisten anderen technischen Neuerungen: Sie bedürfen möglichst breiter Akzeptanz, sollen sie nicht zum Spielball gesellschaftlicher bzw. politischer Kontroversen werden, die eine nutzbringende Entwicklung am Ende blockieren. Dazu müssen Bürger bei der Digitalisierung insbesondere auf den Schutz ihrer persönlichen Daten vertrauen können. Darin besteht eine primäre Aufgabe der Politik.

Die Verantwortlichen in der Politik gehen jedoch – ganz im Gegensatz zu der verbreiteten pessimistischen Skepsis in der Bevölkerung – vielfach von optimistischen, zum Teil geradezu idealistischen Grundannahmen aus, wie die Studie des Goslars Instituts „Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger?“ offenbart. Sie macht aber auch deutlich, dass „der öffentliche, in den Medien ausgetragene Diskurs zum Umgang mit Massendaten (Big Data) von Erzählungen dominiert ist, die um Konflikte und Kollisionen kreisen und nicht über diese hinauskommen. In der Medienanalyse sind sie als Varianten des „Big Brother“-Narrativs einzuordnen und haben ganz überwiegend den Charakter von Dystopien“, stellen die Autoren der Untersuchung, Susanne Knorre, Fred Wagner und Horst Müller-Peters, fest.

Besorgnis und Sorglosigkeit gleichzeitig

Gleichzeitig, trotz der überwiegend skeptischen bis ablehnenden Grundeinstellung in der Bevölkerung gegenüber Big Data, hinterlassen die Bürger im Internet, in den sozialen Netzwerken oder allein schon beim Einkaufen vergleichsweise sorglos eine breite Spur an persönlichen Informationen. Daraus leiten die Verfasser der Studie des Goslar Instituts ein Nutzer-Paradoxon ab: „Der Nutzer als Bürger ist skeptisch, schutzbedürftig und kulturpessimistisch, als Verbraucher ist er sorglos, bequem und pragmatisch“, heißt es in der Studie. Oder positiver formuliert: „Das tatsächliche Verhalten der Bürger im Netz orientiert sich deutlich stärker an den Chancen von Big Data als an den Risiken.“

Daher bedarf es aus Sicht der Experten eines Paradigmenwechsels im Umgang mit Big Data auf der einen Seite und dem Schutz von Daten auf der anderen Seite. Denn eine immer stärkere Regulierung von Big Data, wie sie zunehmend gefordert wird, um etwa international agierenden „Datenkraken“ Einhalt zu gebieten und letztlich auch den Bürger vor sich selbst zu schützen, soll nicht die Chancen der Digitalisierung verkennen geschweige denn zunichtemachen. Der Paradigmenwechsel, welcher den Verfassern der Studie vorschwebt, beinhaltet im Kern den Wandel der Datenschutzdiskussion vom Schutz- zum Handlungskonzept: Damit soll der Bürger in seiner Rolle als Nutzer digitaler Technologien so unterstützt werden, dass er seine Daten gezielt und sicher zu den von ihm gewünschten Zwecken weitergeben kann.

Mündiger Bürger 4.0: Vom Objekt zum Subjekt der Digitalisierung

In einem solchen System wäre der Nutzer weniger als Schutzobjekt zu verstehen, sondern als Datengeber, Datenspender oder gar Datenhändler. Er würde quasi als mündiger Bürger 4.0 vom Objekt zum Subjekt der Digitalisierung. Dies erfordert auch ein anderes Rollenverständnis bei der Wirtschaft. Unternehmen sollen im Rahmen des angestrebten Paradigmenwechsels nicht mehr nur zur Compliance mit den Datenschutzgesetzen gehalten sein. Vielmehr sind sie aufgefordert, mithilfe von Big Data positive Beiträge für gesellschaftlich relevante Zwecke zu ermöglichen. Unternehmen würden dementsprechend ethisch verpflichtet, die Chancen von Big Data bzw. Künstlicher Intelligenz (KI) proaktiv für Zwecke des Gemeinwohls („social good“) zu nutzen, erklären die Verfasser der Studie.

Nur mit einem solchen grundlegenden Wandel lassen sich die Chancen der Digitalisierung wirklich nutzen, wie die Studie beispielhaft anhand der digitalen Möglichkeiten in den drei ausgewählten Lebensbereichen Wohnen, Gesundheit und Mobilität zeigt. Denn, so das Fazit: „Die Bürger wertschätzen den Mehrwert, den diese Smart Services ihnen bieten können. Die Grundskepsis gegenüber Big Data kippt, wenn konkrete, nutzenstiftende Anwendungen genannt werden.“

Quelle: Goslar-Institut

 


Veröffentlicht am: 18.01.2019

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