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21.03.2019

 

 


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Brexit ist wie Radfahren im Nebel

Die Folgen sind bislang nicht abzusehen

[pd‐f/tg] „Aufgrund der ungewissen Lage zum 29. März haben wir die Bestellungen bei unseren britischen Lieferanten frühzeitig hochgefahren, um auch im Falle eines harten Brexits die Preise zumindest bis zur Eurobike stabil halten zu können“, erklärt Thomas Obermüller, Verkaufsleiter beim deutschen Großhändler Cosmic Sports. Das Unternehmen unterhält Geschäftsbeziehungen u. a. zum britischen MTB‐Teilespezialisten Renthal Cycling oder den Marken Early Rider, Seven, Royal, Cycloc und DMR.

Die Maßnahmen fußen auf der Angst vor drohenden Transport‐ und Zollkosten. „Wir wollen unsere Kunden nicht zusätzlich belasten und hoffen darauf, alles rechtzeitig von der Insel runter zu bekommen“, so Obermüller. Beim Teileimporteur Messingschlager ist der Brexit dieser Tage ebenfalls ein wichtiges Thema. Ein Teil der Zulieferer und auch Kunden des international tätigen Konzerns sitzt im Vereinigten Königreich. „Für uns werden die Folgen überschaubar bleiben“, vermutet Toni Messingschlager, Assistent der Geschäftsführung. Zusammen mit dem Logistikpartner wolle man selbst bei einem harten Brexit gute Lösungen finden, um die langjährigen Geschäftsbeziehungen aufrecht zu erhalten.

„Da die genauen Konsequenzen noch nicht absehbar sind, ist es jedoch schwer, konkrete Maßnahmen zu nennen“, so Messingschlager. Frank Schneider, Business Developer bei Universal Transmission, dem deutschen Vertriebspartner der Fahrradriemen von Gates, ist hingegen gelassener: „Wir gehen davon aus, dass es nicht so schlimm wird wie vermutet.“ Der Weltkonzern Gates kommt zwar aus den USA, lässt aber seine Carbonriemen für Fahrräder in Schottland fertigen und wird daran auch weiter festhalten.

Da es sich fast ausschließlich um ein reines Zuliefergeschäft und keinen Direktvertrieb an Endkunden handelt, seien Panikkäufe ausgeschlossen. „Alle weiteren Teile wie Riemenscheiben werden in Asien produziert. Die Auswirkungen eines Brexits werden deshalb nicht so schwer ausfallen“, so Schneider. Wie es allerdings nach dem 29. März weitergeht, sei noch völlig offen – darin stimmen alle drei überein.

Falträder halten Fahne hoch

Der englische Fahrradmarkt war nach Deutschland zuletzt der zweitgrößte in Europa – Platz 2 und 3, derzeit Frankreich, tauschen regelmäßig. Anders als Asien, Portugal oder Osteuropa spielt Großbritannien bei der Fahrradproduktion jedoch nur eine kleine Nebenrolle. Wurden um das Jahr 2000 noch jährlich über eine Million Räder in England produziert, sprachen die letzten Zahlen des Europäischen Radfahrindustrieverbandes Conebi aus dem Jahr 2016 von lediglich 80.000.

Die wenigen verbliebenen Fahrradproduzenten haben allerdings viele bestehende Aufträge bei Zulieferern vom zweiten auf das erste Quartal vorgezogen. „Insgeheim hoffen sie wohl darauf, dass ab dem dritten Quartal mehr Klarheit herrscht“, deutet Sebastian Göttling vom deutschen Lichtspezialisten Busch & Müller, der unter anderem auch die britische Firma Brompton beliefert, an.

Kleiner Exportschlager aus GB

Die Londoner Faltradkultmarke Brompton gilt als der letzte große Produzent der ehemals ruhmreichen britischen Fahrradindustrie und hat auch in Deutschland viele Fans. Henning Voss ist mit seinem Unternehmen Voss Spezial‐Rad seit vielen Jahren Generalimporteur und der Ansprechpartner für Brompton‐Räder in Deutschland. Die aktuellen Brexit‐Diskussionen kommen für ihn wenig überraschend. „Ich kenne die englische Mentalität schon sehr lange und bin für Ende März pessimistisch, obwohl es mir persönlich widerstrebt: Ein harter Brexit wird absolute Realität“, urteilt Voss. In seinen Gesprächen hat er viele Engländer als stolz und EU‐skeptisch wahrgenommen – auch bei Brompton gäbe es sowohl EU‐Befürworter als auch -Gegner.

Als absehbar war, dass es auf eine ungelöste Situation hinausläuft, schraubte Voss bereits im November seine Bestellungen an Falträdern hoch. Dieser Orderzyklus sei nun abgeschlossen: „Unser Lager ist leer, alles steht bei den Händlern. Das hat mich etwas überrascht. Aber jetzt können unsere Partner zumindest in diesem Frühjahr zu normalen Konditionen verkaufen und wir haben zum Saisonstart keine Lieferengpässe. Das ist aktuell das Wichtigste“, so Voss. Bis zur nächsten Order hofft er, dass es eine vernünftige Lösung gibt: „Mit längeren Wartezeiten ist sicherlich zu rechnen, aber mit mehr Vorlauf können wir das auch stemmen.“

Kaum Importe aus Deutschland

Der Mangel an heimischer Produktion schafft logischerweise eine Abhängigkeit von Importen. Zwischen drei und dreieinhalb Millionen Räder rollen auf der Insel jährlich aus den Shops. Kinderräder, Mountainbikes und Rennräder stehen hoch im Kurs, aber das tägliche Radpendeln wird auch im Land der Queen immer beliebter und sogar staatlich gefördert. Der E‐Bike-Markt ist ebenfalls im Kommen. Also eigentlich ein wirtschaftlich hoch interessantes Feld für deutsche Produzenten. „Die Exporte nach UK halten sich in Grenzen und sind für viele deutsche Fahrradhersteller irrelevant“, urteilt ein Brancheninsider. Die meisten Räder würden direkt aus Südostasien, China oder Indien bezogen. Deshalb ist der Brexit zumindest für viele deutsche Fahrradhersteller nur eine Randnotiz – und die wenigen, die Geschäftsbeziehungen unterhalten, tappen aktuell auch im Dunkeln.

Keiner weiß, wie es wird

Doch Fahrräder machen nur rund 50 Prozent des englischen Fahrradmarktes aus, die andere Hälfte wird über Zubehörverkäufe gestemmt. Sarah Schlinkmann, Marketingmanagerin bei SKS Germany, einem Hersteller von Luftpumpen und Schutzblechen, sagt darum: „Für uns ist der englische Fahrradmarkt enorm wichtig. Wir hoffen deshalb auf einen möglichst geordneten Ablauf beim Brexit, weil uns ansonsten ein wichtiger Markt verloren gehen könnte.“ SKS Germany hat in den letzten Jahren auf der Insel ein gutes Wachstum erzielt. „Aufgrund des typischen Wetters sind gerade unsere Radschützer sehr gefragt und beliebt“, begründet Schlinkmann. Konkrete Brexit‐Maßnahmen wurden noch nicht eingeleitet. Allerdings prüfe man aktuell, ob die EU‐weit gültigen Patente auf die Produkte nach dem Brexit auch in UK noch gültig sind oder neu beantragt werden müssten.

Der US‐deutsche Konzern Sram steht aktuell vor ähnlichen Herausforderungen, könne aber laut eigenen Angaben keine Vorbereitungen treffen, weil Vorhersagen nicht machbar seien – selbst die englischen Partner wissen die Situation aktuell nicht einzuschätzen. „Der Brexit ist wie Radfahren bei Nebel und Dunkelheit. Man sieht nichts und weiß auch nicht, was auf einen zukommt“, fasst PR‐Koordinator Tobias Erhard zusammen.

Foto: www.brompton.de | pd-f

 


Veröffentlicht am: 01.03.2019

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