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Der Osterräderlauf

Zwei Brauchtumswärter aus Lügde erzählen

Warum bleiben manche Traditionen lebendig? Warum überleben sie in einer zunehmend technisierten Welt? Wer dieser Frage nachgehen möchte, sollte zur Osterzeit das ostwestfälischen Lügde besuchen.

Dort „brennen“ junge und alte Menschen für die Tradition ihrer Stadt: Am Abend des Ostersonntags – 2019 ist das der 21. April – rasen mannshohe Räder als Feuerbälle vom Lügder Hausberg ins Tal der Emmer. Seit 2014 gehört der Brauch zum Immateriellen Kulturerbe Nordrhein-Westfalens. 2018 ging die UNESCO noch einen Schritt weiter: Sie nahm den Brauch in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes Deutschlands auf.

Keimzelle des Bürger-Engagements ist der Brauchtumsverein der Dechen. Seit Generationen kommen seine Mitglieder aus den Lügder Familien. An Nachwuchs mangelt es den Dechen auch heute nicht. Woran das liegt erzählen Martin und Sebastian Blome, die in dritter und vierter Generation im Dechenverein aktiv sind.

Martin Blome ist 57 Jahre alt. Eindrücke vom Osterräderlauf gehören zu seinen frühesten Erinnerungen. „In den sechziger Jahren war man sorglos. Als Kinder liefen wir neben den brennenden Riesen ins Tal. Die kamen uns manchmal bedrohlich nahe.“ Wo damals kleine Jungs den Berg hinabtollten, sorgen heute breite Laufwege und Absperrungen für die Sicherheit der vielen Tausend Besucher, die das Spektakel Jahr für Jahr bestaunen.

Urgrußvater verteidigt den Osterräderlauf gegen die Nationalsozialisten


Der Osterräderlauf war nie eine „einfache“ Tradition. Über die Jahrhunderte mussten die Dechen immer wieder um ihren Brauch kämpfen. In den dreißiger Jahren wollten die Nationalsozialisten ihn zu einer germanischen Kultveranstaltung umdeuten. Unter Einsatz ihres Lebens bereiteten die Dechen die Räder heimlich für einen alternativen Lauf vor: Sie stellten ein 10 Meter hohes Holzkreuz am dem Osterberg auf. Martin Blomes Großvater Hermann spielte hier eine wichtige Rolle: Auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges hatte er seinen linken Arm verloren. Mit dem rechten richtete er am 15. Juli 1935 das Kreuz auf, das die Nationalsozialisten in die Schranken weisen sollte.

Dechenverein schafft Gemeinschaft für alle Generationen

Geschichten über den selbstlosen Einsatz von Dechen kennen alle. Dem gemeinsamen Tun gibt das eine große Verbindlichkeit. Das spürt auch Martin Blomes Sohn Sebastian. Der heute 28jährige wuchs in die Dechengemeinschaft hinein: „Mit meinen Brüdern und meiner Schwester war ich immer beim Lauf und seinen Vorbereitungen dabei.“ Als Erwachsener freut er sich über die Gemeinschaft im Verein. „Wir halten zusammen und unterstützen uns gegenseitig.“ Der Verein ist ein Fixpunkt in seinem Leben – auch weil seine Partnerin und viele Freunde sich hier engagieren.

Osterräderlauf beschäftigt die Dechen das ganz Jahr

Die Tradition des Osterräderlaufs ist auch deshalb quicklebendig, weil jedes Mitglied seine Fähigkeiten einbringen kann. Es gibt viel zu tun. Der gelernte Maschinenbauer Sebastian Blome liebt es, die alten Landmaschinen auf Vordermann zu bringen. Mit ihnen wird auf traditionelle Art das Roggenstroh geerntet und gedroschen, das die Dechen am Ostersonntag als Brennmaterial in die Räder stopfen.

Andere reparieren die ehrwürdigen Holzriesen, beschneiden die Hecken, richten die Absperrungszäume auf oder organisieren den komplexen Ablauf des Festes. „Als Deche ist man das ganz Jahr über beschäftigt“, erzählt Martin Blome.

Der Respekt der Lügder ist den Dechen sicher. Schließlich ist es ihnen zu verdanken, dass der Ort seit 2012 ganz offiziell den Titel „Stadt der Osterräder“ trägt.

 


Veröffentlicht am: 22.03.2019

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