Morgengruß von Helmut Harff: Offene Worte

... vom bulgarischen Botschafter

Gestern war ich wieder einmal mit der besten Frau der Welt zu Gast beim Freundeskreis Europa Berlin e.V.. Dort treffen sich interessierte Menschen, zumeist aus Berlin, denen Europa - gemeint sind vor allem die in  der EU zusammengeschlossenen Länder - am Herzen liegt.

Gestern war der Botschafter der Republik Bulgarien, Herr Radi Naidenov Gast der Europafreunde. Er war - und ist ganz sicher - das wohltuende Gegenstück zum neuen US-Botschafter. Er lobte sein Land nicht über den grünen Klee und doch zeigte er auf, wo den Bulgaren gerade mit Blick auf das gemeinsame Europa der Schuh drückt. Leider haben die Bulgaren gleich ein ganzes Regal voll drückender Schuhe.

Das da diverse Schuhe drücken, konnte ich mir denken, doch wenn ich ehrlich bin, fiel mir zum Thema Bulgarien und der EU gerade noch ein, dass der Balkanstaat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne hat. Was weiß ich noch über den Staat mit einer EU-Außengrenze? Es ist arm, wie ich erfuhr, das ärmste Land der EU. Ich weiß aus zahlreichen Besuchen, dass Bulgarien ein schönes Land ist, dass man dort recht südländisch unterwegs ist, obwohl Reichskanzler Bismarck die Bulgaren mal als die "Preußen des Balkans" bezeichnete. Darauf verwies Botschafter Naidenov auch mehrfach.

Was weiß ich noch? Das Land liegt am Schwarzen Meer, gilt als billige Partylocation, für alle denen Mallorca zu reglementiert ist. Von dort kamen (kommen?) Rosenöl, Tomaten und Melonen. Bulgaren wollen gern in Deutschland arbeiten und es liegt genau auf der Route, über die die Flüchtlinge in Richtung Zentraleuropa unterwegs waren.

Das ist reichlich wenig, was ich über ein EU-Mitgliedsland weiß. Und was ließt man so? Korruption, Wirtschaftsflüchtlinge, Menschen, die hier Kindergeld erschleichen? Positives ließt man kaum. All das sprach der Botschafter an, erklärte einiges, rückte vieles zurecht und zeichnete ein deutlich differenziertes Bild seiner Heimat.

So beklagte er, dass man Bulgaren in Deutschland - sie sind alle EU-Bürger - als Flüchtlinge betrachtet und vor allem auch so behandelt. Mit Portugiesen - die auch gern nach Deutschland arbeiten kommen - geht man anders um. Überhaupt zeigte sich Radi Naidenov wenig erfreut darüber, wie man sein kleines Land am Rande der europäischen Staatengemeinschaft betrachtet oder dies gerade nicht tut.

Für mich war der Abend beim Freundeskreis Europa Berlin e.V. ein sehr gelungener. Ich habe einiges erfahren, sehe einiges anders, wenn ich auf das gemeinsame Europa und Bulgarien sehe.

Ich finde es gut, dass es solche Zusammenschlüsse wie den Freundeskreis Europa Berlin e.V. gibt. Weniger toll ist das hohe Alter seiner Mitglieder. Sollte Europa, sollte das vereinige Europa jüngere Leute nicht interessieren? Das glaube ich nicht.

Noch ein Wort an alle, die nicht in Berlin oder im Umland wohnen. Überall in Deutschland gibt es Zusammenschlüsse wie den Freundeskreis in Berlin. Man muss vielleicht etwas suchen, aber die Suche lohnt sich. Wer nicht fündig wird, dem steht es ja frei, mit Gleichgesinnten etwas vergleichbares ins Leben zurufen.

Ich mache mir jetzt mein Frühstück. Ich habe so richtig Appetit auf einen Schopska-Salat, eine bulgarische Nationalspeise.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück.

Foto: Pixabay

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