Morgengruß von Helmut Harff: Abgehangene Ossis

… so ein Unsinn

Gerade im Umfeld der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg und den Erfolgen der AfD wird von Politikern und Medien gebetsmühlenartig darauf verwiesen, dass die Ostdeutschen sich als Menschen zweiter Klasse, als abgehangen fühlen.

Wissen Sie, woran mich das erinnert? An der falschesten Erziehung von Kindern! Wenn man denen 30 Jahre lang sagt, dass sie nichts können, dass sie dumm und faul, dass sie hässlich und dick sind,  dann werden die das von sich auch noch mit 80 glauben. Aus solchen Kindern werden in der Regel keine Erfolgsmenschen – es sei denn, sie erkennen, dass man sie mit voller Absicht klein halten will.

Und genau das macht man mit den Menschen, die in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen leben. Allein der Begriff „Neue Bundesländer“ ist für mich so ein diskriminierendes Wort.

Sehen wir doch mal hin, was im Osten so alles geschaffen wurde, wovon ein Bewohner der alten Bundesländer nicht einmal träumen kann. Die im Osten, wir im Osten haben nicht nur die Mauer gebaut, sondern sie auch wieder eingerissen. Wir waren es, die Demokratie gefordert haben, die friedlich eine Diktatur zu Fall gebracht haben, die die Deutsche Einheit wollten. Im Westen überwogen die Bedenkenträger. Ich kann mich auch an keine Großdemonstration in Bonn, Hamburg oder München für die Deutsche Einheit erinnern. Ich erinnere mich nur an viele Skeptiker.

Und dann war da der 3. Oktober 1990: Von einem Tag auf den anderen mussten sich die gerade noch in der DDR gelebten Menschen sich in einer anderen, in der westlichen Welt zurecht finden. Sehr vieles war total neu. Hat mal jemand derjenigen darüber nachgedacht, der den Ossis einreden will, dass sie sich als Menschen zweiter Klasse fühlen würden? Hat mal jemand darüber nachgedacht, dass sich in wenigen Monaten tausende Ex-DDR Bürger selbstständig gemacht haben – und das so gut, dass viele der Unternehmen bis heute erfolgreich sind? Hat mal jemand darüber nachgedacht, dass Millionen Menschen auf dem Gebiet der DDR sich beruflich völlig neu orientieren mussten? Haben die, die den Ossis sagen, dass sie sich abgehangen fühlen, mal darüber nachgedacht, dass in der Biographie der Ostmenschen plötzlich neue Berufe, neue und erfolgreiche Karrieren auftauchen, dass die Menschen die Ärmel hochgekrempelt haben?

Ja, es ist viel Geld in den Osten der Republik geflossen – aber auch von den Ossis. Profitiert haben aber davon nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch die vielen Firmen, die hier aktiv waren – und das waren bei weitem nicht die neu gegründeten Unternehmen der Ex-DDR-Bürger. Ja, es kam auch Hilfe in andere Form – wenige wollten wirklich helfen, viele Karriere machen und nicht wenige hatten die D-Mark-Zeichen in den Augen. Auch das haben die Menschen im Osten gut überstanden.

Abgehangene Ossis, Menschen zweiter Klasse? Wer das behauptet, versündigt sich an den Leistungen der Menschen, die in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen, aber auch in Berlin leben.  Hier im Osten hat sich das Leben von sehr vielen Menschen völlig umgekrempelt. Oder noch genauer: Viele Menschen im Osten haben ihr Leben völlig umgekrempelt. Und wie war das bei denen, die den Ossis sagen, dass sie nicht so toll sind wie die Wessis?

Ich werde mich noch sehr lange an den Frühstückstisch setzen müssen, bis ich so einen Schwachsinn nicht mehr hören muss.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück.

Foto: Pixabay

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