
Telefonbetrug ist längst kein Randphänomen mehr. Ob falsche Bankanrufe, Phishing-Mails mit anschließendem Telefonkontakt oder dubiose Anlageangebote, die Maschen werden professioneller, die Schäden höher. Viele Betroffene stellen sich danach vor allem eine Frage: Kann ich mein Geld zurückbekommen, wenn ich einen finanziellen Schaden erlitten habe?
IT-Rechtsanwalt Thomas Feil erklärt die rechtliche Lage und zeigt, welche Schritte wirklich helfen, ergänzt durch praxisnahe Einordnungen von Thomas Wrobel, Spamschutz Experte bei Clever Dialer.
Was ist Telefonbetrug und was nicht?
Juristisch gibt es keinen eigenen Straftatbestand „Telefonbetrug“. Rechtlich relevant ist der allgemeine Betrugstatbestand. Entscheidend ist dabei die vorsätzliche Schädigungsabsicht. Thomas Feil stellt klar: „Immer dann, wenn jemand mit Vorsatz versucht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, sprechen wir von Betrug – unabhängig davon, ob das per Telefon, E-Mail oder Messenger passiert.“
Davon abzugrenzen sind klassische Spam-Anrufe oder unerlaubte Werbung. Diese sind zwar lästig und oft rechtswidrig, verfolgen aber nicht zwingend eine Betrugsabsicht.
Clever Dialer hat im Jahr 2025 über 5,9 Millionen Spam-Anrufe erfasst, so viele wie nie zuvor. Auffällig ist nicht nur die schiere Menge, sondern auch die veränderte Struktur der Angriffe. Anrufer agieren zunehmend organisiert, nutzen wechselnde Nummernblöcke („Number Cycling“), hybride Angriffsformen sowie KI-gestützte Methoden. Für Verbraucher bedeutet das: Telefonbetrug ist heute seltener ein einzelner Anruf, sondern häufig Teil einer mehrstufigen Kampagne, die gezielt auf Verunsicherung, Zeitdruck und Vertrauen setzt.
Telefon nicht immer der erste Schritt
In der anwaltlichen Praxis zeigt sich, dass das Telefon häufig nicht der Einstieg, sondern der Verstärker ist.
Typischer Ablauf:
-Phishing-Mail oder gefälschte SMS → Klick auf einen Link
- anschließend Anruf eines angeblichen Bankmitarbeiters (gefälschte Nummer)
- starker Zeitdruck, vermeintliche Rettungsaktionen
„Der Betroffene glaubt, eine Rücküberweisung zu bestätigen – tatsächlich gibt er eine echte Zahlung frei. In einem aktuellen Fall waren 20.000 Euro innerhalb kürzester Zeit weg.“, berichtet Feil aus der Praxis.
Daneben spielen weiterhin Anlagebetrugsmodelle eine große Rolle: kleine Einstiegssummen, schnelle Gewinne, tägliche Anrufe – bis größere Beträge investiert werden. Clever Dialer registriert zunehmend hybride Angriffsformen, bei denen Telefon, Messenger und Links gezielt kombiniert werden. Ziel ist es, eine glaubwürdige Eskalation zu erzeugen – vom vermeintlichen Sicherheitsproblem bis zur angeblich notwendigen Sofortmaßnahme. Thomas Wrobel ordnet diese Entwicklung technisch ein:
“Moderne Betrugsanrufe arbeiten häufig mit sogenanntem Rufnummern-Spoofing. Dabei wird dem Angerufenen eine bekannte oder vertrauenswürdige Nummer angezeigt – etwa die der eigenen Bank oder einer offiziellen Stelle. In Kombination mit bereits erbeuteten Daten aus Phishing-Mails oder Datenlecks entsteht für Betroffene ein nahezu lückenloses, glaubwürdiges Szenario. Besonders gefährlich sind hybride Modelle, bei denen mehrere Kanäle bewusst kombiniert werden, um Vertrauen aufzubauen und Zweifel gezielt auszuschalten.”
Gibt es typische Betroffene?
Aus juristischer Sicht, wie auch anhand der verfügbaren Daten, ergibt sich ein differenziertes, aber stimmiges Bild. Thomas Feil berichtet aus seiner anwaltlichen Praxis, dass sich Telefonbetrug nicht auf bestimmte Alters- oder Bildungsgruppen beschränkt. Entscheidend sei vielmehr die konkrete Situation, in der der Anruf erfolgt.
Die Auswertungen von Clever Dialer bestätigen einen Teil dieser Einschätzung auf Datenebene: Es zeigt sich keine klare Konzentration auf einzelne Altersgruppen. Wobei ältere Personen immer noch ein häufiges Ziel darstellen. Stattdessen treten Betrugs- und Spam-Anrufe häufig in zeitlich gebündelten Wellen auf, die sich an bestimmten Maschen, Trends oder neu aufkommenden Betrugsvarianten orientieren.
Betrug oder rechtliche Grauzone?
Nicht jeder telefonisch geschlossene Vertrag ist automatisch Betrug. „Ein unnötiger Vertrag, den ich mir aufschwatzen lasse, ist kein Betrug – sondern ein schlechtes Geschäft.“ , differenziert Feil.
Anders sieht es aus, wenn:
- Leistungen versprochen werden, die es nicht gibt
- bewusst falsche Tatsachen dargestellt werden
- von Anfang an eine Schädigungsabsicht besteht
In solchen Fällen kann trotz Vertragsabschluss ein Betrug vorliegen.
Bei Beträgen unter etwa 500 Euro sei es laut Feil meist sinnvoller, sich zunächst an die Verbraucherzentrale zu wenden, statt sofort einen Anwalt einzuschalten. Der Grund dafür liegt sowohl in der praktischen Umsetzbarkeit als auch in der Kosten-Nutzen-Abwägung: Für geringe Beträge lassen sich Anwaltsmandate häufig wirtschaftlich nicht sinnvoll bearbeiten, da die Gebühren schnell höher ausfallen als der eigentliche Streitwert. Die Verbraucherzentrale bietet hier eine niedrigschwellige Möglichkeit, Ansprüche geltend zu machen oder Abofallen, irreführende Gewinnspiele oder andere kleinere Betrugsfälle zu melden.
Bekomme ich mein Geld zurück?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern muss an bestimmten Beispielen veranschaulicht werden.--
1. Klassischer Betrug ohne Beteiligung der Bank
Bei professionell organisierten Betrugsfällen – etwa Anlagebetrug – werden Gelder oft extrem schnell weitergeleitet oder in Kryptowährungen umgewandelt. Rechtsanwalt Feil stellt klar: „Wenn von 100 Betroffenen ein oder zwei ihr Geld zurückbekommen, ist das leider schon gut.“ Ermittlungserfolge sind möglich, aber selten.
2. Bankfälle: unberechtigte Abbuchungen
Hier ist die Lage differenzierter:
- keine grobe Fahrlässigkeit → Bank muss den Schaden ersetzen
-grobe Fahrlässigkeit (z. B. Klick auf Phishing-Link + Freigabe in der App) → schlechte Chancen
Die Beweislast liege grundsätzlich bei der Bank, erklärt Feil: „Es gibt Fälle, in denen Betroffene glaubhaft nichts angeklickt oder freigegeben haben, dort bestehen gute Chancen auf Erstattung.“
3. Eigene Überweisungen
Überweisungen sind besonders kritisch:
- kein automatischer Anspruch auf Rückerstattung
- Überweisungsrückruf trotzdem immer versuchen
- erfolg nur, wenn Empfängerbank oder Empfänger zustimmt
Manchmal greifen interne Geldwäsche-Alarmsysteme, vor allem bei ungewöhnlich hohen Beträgen.
Mitverschulden & psychologischer Druck
Viele Betroffene machen sich nach einem Betrugsfall schwere Vorwürfe. Juristisch ist hier eine wichtige Unterscheidung zu treffen. Strafrechtlich bleibt ein Betrug auch dann ein Betrug, wenn der Geschädigte unvorsichtig gehandelt hat. Zivilrechtlich, insbesondere gegenüber Banken, kann ein mögliches Mitverschulden jedoch eine entscheidende Rolle spielen.
Gerichte berücksichtigen durchaus den psychologischen Druck, den Betrüger gezielt aufbauen: Zeitknappheit, angebliche Sicherheitsvorfälle oder Autoritätspersonen wie Bankmitarbeiter oder Polizisten. Gleichzeitig wird aber erwartet, dass bekannte Warnsignale ernst genommen werden.
„Im Nachhinein wirkt vieles offensichtlich. Für Betroffene fühlt sich die Situation aber oft real und bedrohlich an.“ , erläutert Thomas Feil. Diese rückblickende Bewertung führt dazu, dass Fälle juristisch oft strenger beurteilt werden, als es sich für Betroffene subjektiv anfühlt.
Die wichtigsten Tipps nach einem Betrugsanruf
- Sofort reagieren: Bank kontaktieren, Konto sperren, Überweisungsrückruf starten
- Anzeige erstatten, vor allem bei größeren Summen
- Frühzeitig rechtliche Hilfe einholen
Der Rechtsanwalt berichtet, dass in einzelnen Fällen Gelder gesichert werden konnten, weil schnell gehandelt wurde.
Spielt es eine Rolle, woher der Anruf kommt?
„Entscheidend ist nicht, woher der Anruf kommt, sondern wie der Weg des Geldes aussieht“, erklärt der Rechtsanwalt. Für die Erfolgsaussichten einer Rückerstattung oder strafrechtlichen Verfolgung ist weniger relevant, ob der Betrug aus Deutschland, einem anderen EU-Land oder einem Drittstaat erfolgt. Vielmehr kommt es darauf an, wie die abgezweigten Gelder fließen – also auf welche Konten, Banken oder Finanzdienstleister das Geld weitergeleitet wird und wie schnell es eventuell weiterverarbeitet oder verschoben wird. Große Callcenter-Strukturen im Ausland erschweren Rückverfolgung und Rückerstattung erheblich.
Die Datenlage von Clever Dialer zeigt, dass deutsche oder europäische Rufnummern gezielt eingesetzt werden, um Seriosität zu suggerieren – unabhängig vom tatsächlichen Standort der Täter. Thomas Wrobel warnt: „Die Vorwahl ist heute kein Sicherheitsmerkmal mehr. Durch Spoofing werden sogar lokale Nummern verwendet, obwohl dahinter internationale Strukturen stehen.“
Rechtlich bedeutet das: Die Herkunft des Anrufs ist selten ausschlaggebend für die Erfolgsaussichten. Entscheidend bleibt, wie schnell und über welche Stationen Gelder transferiert wurden.
Anzeige erstatten – sinnvoll oder nicht?
Bei sehr kleinen Beträgen ist der Nutzen fraglich, auch wegen der hohen Belastung der Ermittlungsbehörden. Über 950.000 Ermittlungsverfahren blieben bis Ende 2024 unbearbeitet. Dennoch kann eine Anzeige sinnvoll sein, um Muster sichtbar zu machen. Bei sehr geringen Schadenssummen sind konkrete Ermittlungserfolge laut Feil aber eher unwahrscheinlich.
Dennoch gilt: Bei größeren Beträgen sollte eine Anzeige in jedem Fall erstattet werden. Sie kann nicht nur Voraussetzung für weitere rechtliche Schritte sein, sondern auch dazu beitragen, Betrugsmuster sichtbar zu machen und Netzwerke aufzudecken.
Thomas Wrobel empfiehlt zudem, Betrugsanrufe unabhängig von einer Anzeige zu melden. Solche Meldungen helfen dabei, Nummern schneller zu identifizieren, andere Nutzer zu warnen und laufende Kampagnen frühzeitig zu stoppen.
Prävention beginnt früher
Bei der Frage der Prävention sind sich Anwalt und Spamschutz-Experten einig. Thomas Feil betont, dass Betrug oft dort erfolgreich ist, wo Routinen unreflektiert greifen – etwa schnelles Klicken, schnelles Bestätigen, schnelles Handeln unter Druck.
„Sobald Zeitdruck aufgebaut wird oder es um Geld geht, muss man bewusst langsamer werden.“ warnt Thomas Feil.
Thomas Wrobel ergänzt: „Technik kann Warnungen ausspielen und verdächtige Muster erkennen. Doch sie bleibt wirkungslos, wenn Warnhinweise ignoriert oder weggeklickt werden. Schutz beginnt dort, wo technische Signale auch wahrgenommen und akzeptiert werden.“
Prävention entsteht damit im Zusammenspiel aus Technologie, Wissen und Verhalten.
Die Daten aus dem Telefonspam-Check 2025 machen deutlich: Telefonspam ist für viele Menschen kein gelegentliches Ärgernis mehr, sondern eine dauerhafte Belastung. Einzelne Anschlüsse waren im vergangenen Jahr mehreren tausend Spam-Anrufen ausgesetzt – teils mehr als zehn Anrufe pro Tag. Besonders häufig treten aggressive Vertriebsanrufe (z. B. Energie und Solar), Investment- und Kryptobetrug sowie stille Anrufe durch fehlerhaft konfigurierte Predictive Dialer auf.
Clever Dialer empfiehlt Verbrauchern daher, jeden unerwarteten Anruf kritisch zu hinterfragen – insbesondere, wenn es um Geld, Zugangsdaten oder zeitkritische Entscheidungen geht. Moderne Spamschutz-Apps können verdächtige Muster frühzeitig erkennen und warnen, ersetzen aber nicht das eigene Urteilsvermögen.
Thomas Wrobel bringt es auf den Punkt: „Technische Hinweise können Risiken sichtbar machen, den entscheidenden Schutz liefert jedoch der Mensch selbst. Wer Ruhe bewahrt, sich nicht unter Druck setzen lässt und im Zweifel einfach auflegt, nimmt Betrügern ihre effektivste Waffe.“
Grafik-Quelle: Eigene Darstellung
Telefonbetrug – bekomme ich mein Geld zurück?
IT-Rechtsanwalt Thomas Feil, erklärt verständlich die rechtliche Lage rund um Telefonbetrug
Veröffentlicht am {DATE:d.M.Y : DE} unter dieser Internetadresse: http://www.genussmaenner.de/index.php?aid=90027