
Obwohl in Rom geboren, verstand René Sorrentino seine Heimat Italien erst wirklich, als er anfing, sie über den Wein zu entdecken.
Meine Tage in Trani, einer süditalienischen Hafenstadt in der Region Apulien, beginnen immer am Hafen. Im Anschluss laufe ich ohne Ziel durch die Altstadt. Dort, wo es nach Focaccia, Cornetti und heißem Espresso duftet, bleibe ich stehen, probiere und finde mit jedem weiteren Besuch eine neue Lieblingsforno. Frisch gestärkt geht es weiter Richtung Castel del Monte. Mein Tipp: Die Landstraße statt der schnellen Route nehmen, dann taucht das einzigartige Meisterwerk mittelalterlicher Architektur plötzlich und unerwartet am Horizont auf. Wie eine steinerne Krone kommt die achteckige Burg daher und verursacht mir jedes Mal erneut einen Gänsehautmoment.
Ein tiefes Rubinrot
Am Fuß dieser Hügel liegt das Weingut Torrevento. Der Wein Vigna Pedale Castel del Monte Riserva ist ein reinsortiger Nero di Troia. Ein tiefes Rubinrot im Glas, in der Nase Schwarzkirsche, Brombeere, Pfeffer, getrocknete Kräuter und eine kühle, kalkige Note. Am Gaumen kräftig, aber nicht schwer, mit griffigen, reifen und weichen Tanninen. Er eignet sich perfekt zu Orecchiette mit Ragù alla Barese, Ein Ragù aus Kalb/Lamm/Schwein Flesich , das oft zu Orecchiette-Pasta serviert wird. Inspiriert vom edlen Tropfen, spaziere ich nach meiner Rückkehr nach Trani in den apulischen Innenhof der Corte in Fiore. Hier werden rote Scampi mit Zitrone und Pfeffer serviert, eine Ode an den Sommer in Italien und die Geschmacksknospen. Darf es eleganter sein, wartet das Terra di Mare an der Piazza Quercia – kreativ, reduziert, modern und nicht umsonst im Guide Michelin geführt.
Geschichten aus dem Glas
Von Apulien nach Sizilien zu fliegen, ist wie ein Szenenwechsel im Kino. Marsala empfängt mich mit goldenem Licht, Olivenbäumen und der Stille alter Mauern. Im historischen Baglio vom Weingut Donnafugata scheint sich die Zeit auszudehnen: Keller aus dem 19. Jahrhundert, der Duft von Holzfässern, Zitrusbäume im Innenhof. Hier hat man sich spezialisiert auf charakterstarke Rot- und Weißweine sowie klassische Süßweine. Der Name Donnafugata stammt aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Die „fliehende Frau“ ist zum Logo des Weinguts geworden, viele Etiketten greifen Figuren, Szenen und Stimmungen aus dieser Geschichte auf. Lassen Sie mich für den Fall der Fälle helfen: Der von Lampedusa verwendete Begriff Donnafugata heißt übersetzt „fliehende Frau” und ist das Synonym für die Geschichte von Königin Maria Carolina, der Gemahlin Ferdinands IV. von Bourbon. Sie fand auf Sizilien Zuflucht in der Burg von Contessa Entellina. Mehr gefällig? Dann empfehle ich das aktuelle und sehr sehenswerte Remake des Films auf Netflix. Zurück zu meiner Führung, die mit einer Verkostung endet. Für mich gehört in Marsala der Mille e una Notte ins Glas, eine Cuvée mit Nero d’Avola als Basis – dunkel, kraftvoll, warm wie ein sizilianischer Sommerabend. Im Anschluss an die Verkostung hole ich mir in einer klassischen Pasticceria ein Cannolo oder ein Stück Cassata, ein italienisches Gebäck oder Torte, setze mich mit einem Espresso auf eine Piazza und genieße den Moment.
Die kühle Seite des Feuers
Sizilien kann laut sein. Der Ätna hingegen ist leise, wenn er nicht gerade ausbricht. Nur der Wind und das Knirschen von Lavastein. Bei Randazzo zeigt Donnafugata an seinem zweiten Standort seine andere Seele: Etna-Weine, eine ganz andere, kühle, für mich fast alpine Interpretation. Der Sul Vulcano Etna Rosso ist einer dieser Weine: 100 % Nerello Mascalese von Lavaböden, mittlerer Körper, dafür große Finesse. Rote Johannisbeeren, Sauerkirsche, Veilchen, mediterrane Kräuter, dazu eine klare, salzige Mineralik. Am Ätna mag ich besonders die Kombination aus Wein und Vulkan. Nach der Verkostung gehe ich gern noch ein Stück durch die schwarzen Lavasteine spazieren. Zum Essen setze ich mich in Randazzo oder Umgebung in eine der traditionellen Trattorien. Ein schönes Beispiel ist das Ristorante San Giorgio e il Drago direkt in Randazzo, spezialisiert auf „cucina tipica siciliana“. Hier genieße ich Gerichte wie Pasta mit Pistazien aus Bronte, hausgemachte Salsiccia oder Lamm aus den Monti Nebrodi. Dazu ein gutes Glas – viel besser kann man die Region nicht zusammenbringen. Mein Geheimtipp sind Zwiebelsalate, lokale Käsesorten und Wurst aus der Region. Vieles davon stammt von kleinen Produzenten, die man sonst nie kennenlernen würde.
Toskana mit Meeresbrise
Bei Ankunft in der Toskana eröffnet sich ein vollkommen anderes Kapitel: die berühmte Zypressenallee, die ich gerne entlanglaufe, Licht wie flüssiges Gold, Meeresluft, die zwischen den Reben hängen bleibt. In den Lagen von Grattamacco entsteht der Bolgheri Superiore DOC, eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Sangiovese, die nach Cassis, Brombeere, Zedernholz, mediterranen Kräutern und einem Hauch Graphit duftet. Am Gaumen dicht, strukturiert, mit reifen Tanninen und einem langen, würzigen, leicht salzigen Finale. Im kleinen Dorf Bolgheri selbst gibt es mehrere lohnende Adressen. Ich mache bei einem Gang durch die Gassen im La Bottega di Elena in der Strada Giulia halt – eine klassische Trattoria mit toskanischer Küche, viel Fleisch vom Grill, Pasta und lokaler Weinauswahl. Darüber hinaus lohnt sich ein Abstecher in die vielen kleinen Weinbars und Enotheken mit großer Auswahl an Bolgheri-Weinen. Dort können Grattamacco und andere Bolgheri-Super-Tuscans glasweise probiert werden. Mein persönliches Highlight? Großartige Tropfen werden hier von den einfachen Dingen wie Pecorino, Fenchelsalami, Crostini und Oliven begleitet. Für mich der Inbegriff meines Heimatlandes. Ein Italien, das man auf dieser Reise am besten im Glas entdeckt.
Foto: Cantine Torrevento S.r.l._Weinberg
Die Seele Italiens
René Sorrentino macht ein Weinreise ins Land des Dolce Vita
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