
Brüste, Nacken, Intimbereich – die meisten Männern denken bei den erogenen Zonen einer Frau nur an diese Bereiche. Damit scheint die Karte des Wunderlands Frauenkörper komplett.
Die Kreativität des Vorspiels zeigt in diesen Fällen eindrücklich die Abstammung des Wortes „Routiniert“ anhand der vorhersehbaren und immer wieder gleichen Route, die den Akt einleitet. Die meisten Frauen empfinden die Fokussierung auf Dekolleté und Schritt aber als viel zu stumpf. Was Lust bereiten soll, verkommt zu einem Pflichtprogramm. Dabei gibt es Unmengen an Möglichkeiten: Im Grunde ist der weibliche Körper eine große erogene Zone.
Unterschied macht den Unterschied
Das Thema ist nicht neu: Immer wieder kommen Serien und Filme auf die unentdeckten lustvollen Bereiche der Frauen zu sprechen. Beispielsweise widmet Friends dem Thema in der Folge „The One with Phoebe’s Uterus“ eine ikonische Scene, in der Monica dem erstaunten Chandler enthusiastisch eine Reihenfolge nummerierter Zonen mit Wechsel und Intensität vorschlägt. Abseits der Comedy bleibt ein entscheidender Hinweis: Gute Berührung lebt von Variation und Aufmerksamkeit, nicht vom hektischen Festhalten an zwei oder drei vertrauten Punkten.
Welche Stellen sexuelle Erregung auslösen, wie empfindlich sie reagieren und welche Art von Kontakt als angenehm erlebt wird, empfinden Menschen unterschiedlich. Schon deshalb ist eine Generalisierung schwierig und eine Unterteilung des weiblichen Körpers in ein Bedienfeld mit zuverlässig funktionierenden Knöpfen unzureichend. Lust entsteht durch Erwartung, Abwechslung, Vertrauen und die Art der Berührung. Es kommt also nicht nur darauf an, wo, sondern auch wann und wie die Annäherung erfolgt.
„Viele Männer meinen es gut, greifen aber auf ein sehr kleines Repertoire zurück“, berichtet Gavin Sexton, Paar- und Sexualtherapeut. „Sie steuern schnell die Körperbereiche an, von denen sie gelernt haben, dass sie sexuell relevant sind. Dabei kann eine Berührung am Rücken, an der Taille oder an den Händen für eine Frau in jenem Moment viel intensiver sein. Entscheidend ist die Reaktion der Partnerin.“
Mehr Landkarte, weniger Zielgerade
Egal wie groß oder klein die Partie ist, sie erwartet, entdeckt zu werden. Haaransatz, Kopfhaut, Ohren, Lippen, Schultern, Arme, Handgelenke, Handflächen, Rücken, Taille, Hüften, Oberschenkel, Kniekehlen oder Füße können empfindsam auf Nähe reagieren. Was nicht bedeutet, dass Männer beim nächsten Vorspiel pflichtbewusst jede Körperstelle abarbeiten sollten. Das würde nur den Weg der üblichen Route verlängern. Sinnvoller ist es, Berührung als neugierige Begegnung zu verstehen. „Vorspiel sollte den Entdeckergeist anregen“, gibt Saxton zu bedenken.
Eine Hand, die langsam über den Rücken wandert, ein Kuss an der Schulter oder sanfter Druck an der Hüfte baut Spannung auf, weil die Berührung nicht sofort auf ein bekanntes Ziel zuläuft. Die Übergänge zwischen den klassischen erogenen Zonen verdienen mehr Aufmerksamkeit. Sie verbinden die klassischen Bereiche und geben der Partnerin das Gefühl, als ganzer Mensch begehrt zu werden. „Ist man innerlich schon beim nächsten Schritt, wird das Vorspiel stumpf“, erklärt der Lovebetter-Gründer. „Wahrnehmung ist das A und O und kann Erregung heben oder verlängern. Verändert sich die Atmung? Kommt die Partnerin der Berührung entgegen? Zieht sie sich zurück? Wird ihr Körper weicher oder angespannter? Diese Signale zu lesen und seine Handlungen an ihnen zu orientieren führt zu starker Luststeigerung.“
Fragen statt Raten
Wie in allen anderen Bereichen einer Partnerschaft liegt der Schlüssel in der Kommunikation. Männer müssen weibliche Lust nicht erraten. Sie dürfen fragen! „Magst du das?“, „Fester oder sanfter?“ und „Soll ich dortbleiben?“ wirken keineswegs unsexy, wenn sie ehrlich und aufmerksam gestellt werden. Fragen nehmen keine Spannung raus. Sie verhindern vielmehr, dass ein Partner minutenlang eine Stelle bearbeitet, während die andere Person höflich auf das Ende dieses gut gemeinten Experiments wartet.
Auch Schweigen liefert keine automatische Zustimmung. Manche Frauen zeigen deutlich, was ihnen gefällt, andere reagieren zurückhaltender oder brauchen Zeit, um Wünsche auszusprechen. Männer sollten deshalb verbale und körperliche Signale ernst nehmen und akzeptieren, dass sich Vorlieben verändern können. Was gestern angenehm war, muss heute nicht dieselbe Wirkung entfalten. Stress, Zyklus, Müdigkeit, Nähe oder ein Konflikt beeinflussen, wie Berührung wahrgenommen wird.
Gelassenheit statt Druck
Die Befriedigung der Geliebten ernst zu nehmen und aus dem üblichen Vorspielmuster auszubrechen birgt für manche Männer eine erhöhte Anspannung. Viele Männer sehen in Frauen die Richterinnen über ihre Sexualität und Performance im Bett. Ihr Urteil wiegt schwer. Sex kommt in diesem Fall unterbewusst einer Prüfsituation gleich – die zu erektilen Dysfunktionen, zu frühem Kommen oder Härteproblemen führen kann.
Eine selbstverständlich ungewollte, aber glücklicherweise einfach zu lösende Problematik. Denn sobald der Druck schrumpft, steigt die Lust wieder. „Männer müssen keine perfekten Liebhaber darstellen, auch, wenn sie diesen Anspruch selbst an sich stellen“, beteuert Gavin Sexton. „Sie sollten präsent, respektvoll und lernbereit sein. Genau das ist es, was sich Frauen wünschen und woraus guter Sex entsteht. Der weibliche Körper ist eine große erogene Zone. Welche Berührung daraus Lust macht, findet ein Paar gemeinsam heraus.“
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