Sam Kean: Geschichte zum Anfassen

Von Azteken bis Wikinger



(von Josef Scheppach) Was wissen wir eigentlich, wenn wir sagen, dass wir eine vergangene Epoche „kennen“? Wir kennen Jahreszahlen, Herrschernamen, Schlachten und vielleicht einige Bilder von Tempeln, Schiffen oder Ausgrabungsstätten. 

Doch zwischen dem Wissen über eine Epoche und dem Gefühl für ihre Wirklichkeit liegt ein großer Abstand. Wie schwer war ein Arbeitstag auf einer römischen Straße? Wie roch eine Stadt ohne moderne Abwassertechnik? Was bedeutete es, mit einem handgefertigten Boot auf das offene Meer hinauszufahren? Sam Keans "Geschichte zum Anfassen" setzt genau an dieser Lücke an.

Voller Spannung, Witz und Erkenntnis 

Keans Thema ist die experimentelle Archäologie, also jene Forschungsrichtung, die alte Techniken, Werkzeuge und Lebensweisen nicht bloß beschreibt, sondern praktisch ausprobiert. Wer ein Katapult nachbaut, Sauerteig wie in der Antike ansetzt oder eine alte Transporttechnik rekonstruiert, lernt etwas, das in keinem Quellenzitat steckt: wie mühsam, erfinderisch und erstaunlich präzise vergangene Alltage organisiert waren. Kean versteht es, aus solchen Versuchen keine trockenen Laborberichte zu machen, sondern kleine Erzählungen voller Spannung, Witz und Erkenntnis.

Spuren der Vergangenheit 

Der Reiz des Buches liegt gerade darin, dass es Wissenschaft ernst nimmt, ohne jemals schwerfällig zu werden. Kean schreibt mit jener seltenen Leichtigkeit, die nicht aus Oberflächlichkeit entsteht, sondern aus genauer Beobachtung. Er folgt den Spuren der Vergangenheit mit neugierigem Blick und erzählt so, dass man beim Lesen das Gefühl bekommt, nicht nur belehrt, sondern mitgenommen zu werden. Das ist eine Stärke, die in der Sachbuchliteratur keineswegs selbstverständlich ist: Er vermittelt Erkenntnis, ohne die Freude am Lesen zu opfern.

Lösungen für praktische Probleme

Hinzu kommt die besondere Eleganz seines Zugriffs. Kean interessiert sich für das, was oft übersehen wird: der Geruch des Brotes, die Mühe des Bauens, die Widerständigkeit des Materials, die Intelligenz der Hände. Gerade darin wird Geschichte greifbar. Nicht als fernes Archiv der Menschheit, sondern als Welt aus konkreten Versuchen, Irrtümern und Einfällen. Wer sein Buch liest, erkennt schnell, dass Vergangenheit nicht nur aus Königen, Kriegen und Verträgen besteht, sondern aus erfundenen Lösungen für ganz praktische Probleme.

Die deutsche Ausgabe, von Hainer Kober übersetzt und bei Penguin erschienen, trägt diesen Ton überzeugend ins Deutsche hinüber. Sie bewahrt die Beweglichkeit des Originals und macht daraus eine Lektüre, die sowohl anregt als auch unterhält. Dass das Buch mit zahlreichen Abbildungen ausgestattet ist, passt bestens zu seinem Ansatz: Hier soll nicht bloß erzählt, sondern gezeigt, verglichen und nachvollzogen werden. Die äußere Form unterstützt also den inneren Gedanken.

Kluges und anregendes Buch 


Am Ende bleibt der Eindruck eines Buches, das etwas Seltenes schafft: Es nimmt die Vergangenheit beim Wort und prüft zugleich, ob dieses Wort auch wirklich hält, was es verspricht. Sam Kean schreibt keine Geschichte von oben herab, sondern von innen heraus. Er nähert sich ihr über Handgriffe, Gegenstände und Versuche — und gerade dadurch gewinnt sie an Tiefe. "Geschichte zum Anfassen" ist deshalb weit mehr als ein origineller Titel. Es ist ein kluges und anregendes Buch über die Frage, wie nah uns die Vergangenheit eigentlich noch kommen kann, wenn man nur den Mut hat, sie nicht bloß zu lesen, sondern zu erproben.

Geschichte zum Anfassen
Autor: Sam Kean
Übersetzer: Hainer Kober
Penguin Verlag
Preis: 20,00 Euro
ISBN 9783328114239

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