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29.11.2020

 

 

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Ein schwaches Licht im Tunnel

... bei der Automobilkonjunktur

In Deutschland scheinen die Autobauer das Tal der Tränen allmählich zu verlassen. Im September stieg die Zahl der Pkw-Neuzulassungen nach acht Minusmonaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum erstmals wieder um acht Prozent auf 265.227 Einheiten. E-Autos boomen. Trotzdem wird die Branche das Corona-Jahr 2020 auf einem historisch niedrigen Niveau abschließen. Über den Berg ist sie noch lange nicht.

Die große Show fällt aus. Keine Produktpremieren. Keine technischen Innovationen. Keine „Mondial de l’Automobile“, auf der sich die Automobilbranche der Welt sonst alle zwei Jahre ein viel beachtetes Stelldichein gibt. Stattdessen treffen sich in diesen Tagen Unternehmensgründer, Investoren und Franchiseanbieter auf der „franchise expo Paris“. Die Fachmesse ist weit weniger spektakulär als die traditionsreiche Autoshow.

Doch nichts ist, wie es einmal war. Das gilt für das Messegelände „Porte de Versailles“ in der von Corona schwer gebeutelten französischen Hauptstadt ebenso wie für die Automobilbranche schlechthin. Die aktuellen Marktdaten geben Anlass zur Hoffnung. Noch hat die Automobilindustrie aber keinen sicheren Boden unter den Füßen – und das nicht nur wegen der verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Die Krise zeichnete sich schon vor Jahren ab

Das Ungemach der Automobilindustrie zeichnete sich bereits auf der „Mondial de l’Automobile“ vor zwei Jahren ab. Damals sprach noch niemand vom Virus SARS-CoV-2. Vielmehr zwangen die Milliardeninvestitionen in die Zukunftsprojekte Elektromobilität, Digitalisierung und Vernetzung Automobilhersteller und -zulieferer zu einem strikten Sparkurs. Die Nachfrage nach Automobilen ging zurück. Der Pariser Autosalon wurde von 16 auf elf Tage eingedampft.

Volkswagen, Opel, Ford, Fiat, Jeep, Alfa Romeo, Nissan und Mitsubishi traten auf der Motorshow erst gar nicht an. Immerhin machten die Marken seinerzeit zusammen fast 40 Prozent des europäischen Neuwagenabsatzes aus. Analysten stellen in der Rückschau fest: „Corona hat bereits bestehende Wunden gefährlich infiziert.“ In dieser Aussage schwingt die Kritik mit, die deutsche Automobilindustrie habe die Mobilitätswende zu spät in Angriff genommen und zahle heute den Preis dafür.

Komplexe Gemengelage

Die Aussage kann man ebenso gut für falsch halten, aber die Gemengelage ist komplex. Sie reicht von einer veränderten Einstellung vieler Menschen zum Auto über die Vorstellungen der Politik von einer umweltgerechten Mobilität und die Rolle des Automobils im Verkehrsmix künftiger Smart Cities bis zur Sicherung des sozialen Friedens, der durch einen massiven Arbeitsplatzabbau gefährdet werden könnte. Allein in Deutschland verdienen über 1,2 Millionen Menschen ihr Geld mit dem Auto.

„Die deutsche Automobilindustrie bekennt sich zu den Pariser Klimazielen und den bestehenden CO2-Vorgaben 2030. Unsere Unternehmen investieren massiv in neue Antriebe. So wird das Modellangebot von E-Fahrzeugen in den nächsten Jahren auf über 150 mehr als verdoppelt. Hinzu kommt unser Engagement in die Digitalisierung. Allerdings stehen wir – verstärkt durch Corona – mitten in der größten Krise der Nachkriegszeit“, sagt Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in den Chefetagen von Herstellern und Zulieferern werden nicht müde zu betonen, wie wichtig für ihre Branche Planungssicherheit sei. Querschläge fürchten sie wie der Teufel das Weihwasser, und Querschläge gibt es zuhauf.

Neue Grenzwerte und Verbrenner-Verbote

So will die EU-Kommission die EU-weiten CO2-Emissionen bis 2030 nicht um 40, sondern um mindestens 55 Prozent senken. Zugleich sollen die erst vor zwei Jahren verabschiedeten CO2-Flottengrenzwerte für Pkw im selben Zeitraum von minus 37,5 auf minus 50 Prozent verschärft werden. Die VDA-Präsidentin mahnt: Auch Brüssel müsse die schwierige konjunkturelle Lage berücksichtigen. Eine zusätzliche Zielverschärfung bei der CO2-Reduktion müsse begleitet sein von den dafür notwendigen Instrumenten. „Wir alle brauchen den Blick dafür, was wirtschaftlich, technologisch und sozial machbar ist“, betont Müller.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat auf dem CSU-Parteitag kürzlich ein Verbot des Verbrenners in die Diskussion eingebracht, aber gleichzeitig darauf hingewiesen, mit E-Fuels aus regenerativen Quellen im Tank könnten sie durchaus eine ökologische Zukunft haben. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann erwartet das Aus für konventionelle Benziner und Diesel ebenfalls in den 2030er Jahren. Als Alternative setzt er auf Technologieoffenheit, auch wenn der Markthochlauf im Pkw- Bereich zunächst mit der Batterie und dem Elektroantrieb beginne. Aufgabe der Politik sei es aber, vielversprechende Projekte und Forschungen zu fördern, egal, ob Batterie, Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe.

Ein möglicher No-deal-Brexit zum Jahreswechsel hängt wie ein Damoklesschwert über der EU-Wirtschaft. Europas Automobilhersteller und -zulieferer – auch die britischen – warnen in diesem Fall vor Einbußen in Höhe von 110 Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren und betonen: „Für den zukünftigen Erfolg der europäischen Automobilindustrie ist ein ausgefeiltes Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien entscheidend.“ Im Klartext: keine Zölle und die Zusage der Briten, sich an EU-Standards zu halten. Eine Bereitschaft dazu, ist nicht zu erkennen.

E-Autos boomen

Derweil entdecken die Deutschen ihre Liebe zum Auto mit elektrischem oder elektrifizierten Antrieb. Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) verzeichneten Pkw mit Elektromotor (BEV) im September im Vergleich zum Vorjahresmonat bei den Neuzulassungen ein Plus von 260 Prozent (21.188 Einheiten). Die Plug-in-Hybride (PHEV) legten um 460 Prozent (20.127 Einheiten) zu. Befeuert wird die Nachfrage von Staat und Herstellern mit Fördermitteln von bis zu 9000 Euro pro Neuwagen – zunächst bis Ende 2021. Hinzu kommt die bis zum Jahresende befristete Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 16 Prozent.

Trotz des eindrucksvollen Trends kann vom gern beschworenen Hochlauf der Elektromobilität in Deutschland noch keine Rede sein. Von den im September neu zugelassenen Personenwagen waren knapp 16 Prozent BEV und PHEV. Letztere geraten zunehmend in Kritik, weil sie wegen ihrer geringen Batteriereichweite von den Nutzern vor allem mit konventionellem Kraftstoff statt mit Strom betankt werden.

Das Fraunhofer-Institut für System und Innovationsforschung (ISI) und das International Council on Clean Transportation (ICCT) schlagen deshalb für Plug-in-Hybride eine Erhöhung der durchschnittlichen Elektro-Reichweite von derzeit rund 50 auf 100 Kilometer und eine Leistungsdrosselung des Verbrennungsmotors vor. Mit mehr als 70 Prozent haben Benziner und Diesel trotz erheblicher Verluste nach wie vor den größten Anteil an den Pkw-Neuzulassungen.

Minister Scheuer rügt lange Lieferzeiten

Viel mehr E-Autos wünscht sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, der um seine Zukunft im Amt wegen des Maut-Debakels bangen muss, lieber heute als morgen auf Deutschlands Straßen und rügt Lieferprobleme der Anbieter. Die Hersteller müssten sicherstellen, dass Elektroautos mit batterieelektrischem Antrieb und als Plug-in-Hybride nicht nur in kleineren Produktvolumina angeboten werden. Schließlich habe die Politik kraftvolle Entscheidungen getroffenen, um den Kauf solcher Autos zu fördern.

Nach den Worten von Thomas Peckruhn, Vize-Präsident des Zentralverbands des Kfz-Gewerbes (ZDK), sind E-Fahrzeuge in diesem Jahr teilweise gar nicht mehr lieferbar. Die Hersteller nennen Wartezeiten ab Werk von drei bis sechs Monaten. Nur wenige geben zwei bis drei Monate an. Volkswagen, Skoda und Seat sind von der Nachfrage nach ihren Elektro-Minis e-Up, CitigoE iV und Mii electric so überrascht worden, dass sie die Modelle (vorübergehend?) aus dem Programm genommen haben. „Lieferzeiten von 16 Monaten und mehr hätten wir unseren Kunden nicht zumuten können“, heißt es bei VW auch im Namen der Schwestermarken. Marktbeobachter finden das peinlich. Auch der Elektro-Smart war vom Hersteller auf nicht lieferbar gesetzt worden. Inzwischen ist er wieder zu haben.

Kaufprämie für moderne Verbrenner?

Obwohl Minister Scheuer und sein CSU-Parteikollege Söder der emissionsfreien Mobilität schnell zum Durchbruch verhelfen wollen, legen sie sich auch für Neuwagen mit Benzin- und Dieselmotoren ins Zeug. Wie viele andere plädieren sie dafür, den Kauf moderner Benziner und Diesel ebenfalls mit einer staatlichen Kaufprämie zu fördern. Ihr Argument: Modernste Verbrenner könnten einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Deshalb laute die Devise alt gegen neu. Zudem werde es ohne eine solche Prämie keinen Nachfrage-Aufschwung geben.

Monika Schnitzer, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, hält eine Kaufprämie für Autos mit konventionellem Antrieb hingegen für ökonomisch falsch. Die Politik solle ihre Unterstützungsmaßnahmen für die Autobranche in der Corona-Krise auf die Schaffung neuer und zukunftsfähiger Arbeitsplätze konzentrieren. Der Verkehrssektor habe bisher nichts zur Verringerung der klimaschädlichen Treibhausgase beigetragen. Deshalb sei der Strukturwandel hin zu Autos, die nicht auf fossile Brennstoffe angewiesen sind, unumgänglich.

VDIK warnt vor erneuter Debatte

Reinhard Zirpel, Präsident des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) und damit oberster Fürsprecher der Autoimporteure in Deutschland, warnt vor einer Fortsetzung der Debatte. Obwohl sein Verband ebenfalls Kaufprämien für Benziner und Diesel befürwortet hat, wäre eine erneute Diskussion für den Autohandel in Deutschland zum aktuellen Zeitpunkt „aber weniger hilfreich“. Sie könne wieder zu Kaufzurückhaltung führen. „Jetzt müssen wir alles daransetzen, dass das Konjunkturprogramm mit seinen vielen Facetten auch tatsächlich wirkt“, heißt es beim VDIK. Trotzdem wird das Thema im November beim nächsten virtuellen Auto-Gipfel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut auf der Agenda stehen.

Und wie geht es weiter? Mit Blick auf das letzte Quartal des Jahres gibt sich die Branche verhalten optimistisch. Die Prämien für E-Autos, die Mehrwertsteuersenkung und die damit verbundenen Angebote zeigten Wirkung. Der Privatmarkt entwickele sich positiv. Nach Überzeugung des Münchner Ifo-Instituts fasst die deutsche Wirtschaft nach der Corona-Rezession wieder Fuß. „Die wirtschaftliche Aktivität erholt sich, und die Verbraucherstimmung wird besser“, stellte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bei der Vorstellung des Haushalts 2021 im Bundestag fest. „Der Aufschwung hat schneller und breiter eingesetzt, als wir es zu hoffen gewagt haben“, ergänzt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Keine rosigen Aussichten

Trotzdem: Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und die täglichen Nachrichten über Stellenabbau, betriebsbedingte Kündigungen, Werksschließungen und Arbeitnehmerproteste sind denkbar schlechte Umstände, um die Kunden aus der Investitionsdeckung zu locken. Die deutsche Ford-Tochter in Köln ruft nach Staatsbürgschaften in Höhe von 500 Millionen Euro, um die Corona-Krise zu überleben. Die international tätige Unternehmensberatung Kearny sieht bei 60 Prozent aller Zulieferunternehmen deutliche Krisensignale. Laut Arndt G. Kirchhoff, CEO der Kirchhoff Automotive Holding und Vorsitzender des VDA-Mittelstandstags, hat ein Fünftel der Zulieferer nur noch eine Liquidität für maximal drei Monate.

Hinzu kommen die Nachwirkungen des Diesel-Skandals, der das Vertrauen in die Branche erschüttert hat. Rupert Stadler, Ex-Chef von Audi, sitzt in München mit Kollegen auf der Anklagebank. Der ehemalige Volkswagen-Boss Martin Winterkorn und andere VW-Manager werden sich in Kürze in Braunschweig vor Gericht verantworten müssen.

Bangen um den Export


Im September wurden 16 Prozent weniger Pkw ins Ausland verkauft als im Vorjahresmonat. Fertigung und Export bezeichnet der VDA als weiterhin schwach. Mit größter Sorge beobachten die deutschen Auto-Bosse die Corona-Hiobsbotschaften aus dem Ausland. Die exportabhängige Branche ist auf eine stabile Auslandsnachfrage angewiesen. Nicht nur in China, wo der Markt inzwischen wieder auf Hochtouren läuft. Schließlich verkaufen sie rund 75 Prozent ihrer Produktion außerhalb Deutschlands. Auf der „Auto China“ präsentieren lokale Anbieter in diesen Tagen auch deutsche Luxus-Liner und Elektro-SUV. Eine Einreise aus dem Ausland ist Corona bedingt kaum möglich.

Die drei großen Autoverbände VDA, VDIK und ZDK rechnen damit, dass die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland diesem Jahr um über 20 Prozent auf rund 2,8 Millionen Fahrzeuge einbrechen werden. Laut VDIK wäre dies trotz einer Erholung im zweiten Halbjahr ein historisch niedriges Niveau. ZDK-Präsident Jürgen Karpinski macht deshalb schon einmal Mut für 2021: „Wir gehen davon aus, dass der Rückfall einmalig ist und wir schon im kommenden Jahr die Drei-Millionen-Marke locker überspringen.“

Währenddessen schätzt die Bundesregierung, dass die Konjunktur Anfang 2022 das Vor-Corona-Niveau erreichen wird. Nach den Worten von Torsten Schmidt, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH), ist „der weitere Verlauf der Pandemie der größte Unsicherheitsfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung“.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Autostadt

 


Veröffentlicht am: 06.10.2020

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