
Mit dem Titel Protagonisten markiert Georg Loewit bereits eine klare Haltung: Seine Figuren sind Individuen, die zugleich Rollen verkörpern. Formal radikalisiert Loewit diesen Gedanken, indem er die traditionellen Ansichten des Porträts unterläuft: Er zeigt seine Figuren von hinten, entzieht dem Blick das Gesicht und prüft, was vom „Porträt“ bleibt, wenn das vermeintlich wichtigste Identifikationsmerkmal fehlt.
Die Modelle sind reale Menschen, denen der Künstler begegnet ist – ausgewählt aus der Menge –, doch werden sie durch die bewusste Eliminierung der Vorderseite zu Stellvertreterinnen und Stellvertretern eines Verhaltens, einer Haltung, eines gesellschaftlichen Musters. So rückt Loewit nicht den „Schnappschuss“ eines Einzelnen ins Zentrum, sondern das Typische: Badende, Touristinnen, Reisende – Figuren eines ritualisierten Ausnahmezustands, in dem sich Individuen im Kollektiv verändern.
Wenn Loewit sie bisweilen auf Sockel hebt, kippt die klassische Inthronisation in subtile Gesellschaftskritik: nicht Propaganda, sondern genaue Beobachtung von Masse, Rolle und Selbstbild. Die offene, unbestimmte Vorderseite wird dabei zur produktiven Leerstelle: Sie irritiert, unterbricht die gewohnte Wahrnehmung und fordert den Betrachter auf, die Figur mit eigener Erfahrung, Vorstellung und Urteilskraft zu ergänzen. Gerade darin liegt die Pointe dieser Arbeiten: als künstlerische Sensibilisierung für das Sehen – und für das, was sich hinter dem scheinbar Typischen über uns selbst erzählen lässt.
Der Künstler spielt auch in seiner Malerei mit Wahrnehmung und Seherwartung: Perspektiven verschieben sich, Hintergründe kippen, Körper scheinen an den Bildrändern fast zu verschwinden, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Statt eindeutiger Geschichten bietet Loewit atmosphärische Bildräume an, in denen sich Fragmente von Erinnerung, Beobachtung und Imagination überlagern. Ein feiner, oft lakonischer Humor durchzieht viele seiner Bildfindungen – in unerwarteten Kombinationen von Figuren, in leicht überzeichneten Haltungen oder in reizvollen Kontrasten zwischen Motiv und Farbklang.
Galerie an der Pinakothek der Moderne / Barbara Ruetz eK
Gabelsbergerstraße 7
80333 München
089 / 28 80 77 43
www.galerie-ruetz.de
Bild: Georg Loewit, Marrakesch VII, 2019, Acryl auf Leinwand, 80 × 100 cm
GEORG LOEWIT
... präsentiert von der Galerie an der Pinakothek der Moderne / Barbara Ruetz eK
Veröffentlicht am: 26.01.2026
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