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Ferien mit 80 Mark in der Tasche

Geschichte aus "Deutschland - Wunderland"



(Marianne Ludorf, Oberhausen – Maintal –Detwang an der Tauber – Schwarzwald; Sommer 1958) Wetter und Ziel waren für uns kein Thema, als wir 1958 unsere erste Ferienreise planten. Nur unsere Finanzen bereiteten uns Sorgen, die waren knapp.

Seit sechs Jahren waren mein Mann und ich verheiratet. Unsere Tochter war fünf Jahre alt. Mein Mann hatte an der Wirtschaftsakademie in Essen Betriebswirtschaft studiert. 1953 fand er eine Anstellung als kaufmännischer Angestellter und verdiente jetzt 470 Mark im Monat. Die Miete für unsere 75 Quadratmeter große Wohnung in Oberhausen-Sterkrade kostete monatlich 64 Mark. Wir waren voll und ganz damit beschäftigt, uns eine Existenz zu schaffen.

Freunde erzählten uns oft von ihren Urlaubsreisen – von Italien, sogar mit dem Flugzeug! Davon konnten wir nur träumen. Wir fuhren in den Ferien mit dem Fahrrad und dem aus einer alten Wehrmachtsplane selbstgenähten Zelt an den Rhein bis nach Wesel. In den Kriegsjahren und den schlechten Jahren danach waren wir erfinderisch geworden.

Diesmal sollte es der Schwarzwald sein. Meine Schwester erklärte sich bereit, uns ihr Auto zu leihen, ein VW-Kabriolett. Als Gegenleistung sollte ich es ein Jahr lang wöchentlich putzen. Von meinem durch Heimarbeit verdienten Geld – ich legte Rechnungsblocks für eine Druckerei – kauften wir uns zwei Luftmatratzen und 20 Meter Nesselstoff. Daraus nähten wir ein Oberdach und ein Hauszelt. Dann wurde das Ganze imprägniert, und für 14 Tage glich unsere Wohnung einer Zeltmacherwerkstatt. Schließlich bauten wir zum Gaudi unserer kleinen Tochter unsere Kreation im Wohnzimmer auf. Aus billigem Stoff nähte ich dann noch die fehlende Sommergarderobe.

Beim Überschlagen unserer Finanzen stellten wir fest, daß uns für unsere Reise ganze 80 Mark blieben. Trotzdem erstand ich ein frisches Huhn bei Albrecht, heute Aldi, damals ein kleines
Einzelhandelsgeschäft, aber schon preiswert. Das Huhn wurde gekocht; wir wollten es bei der ersten Rast verspeisen. Am Abend vor unserer Abreise bepackten wir das Auto mit der Campingausrüstung, der Kinderbettmatratze für unsere Tochter, einem Sack Kartoffeln, Nudeln, Zwiebeln, Salz, Speck und Essig und mit unserer Garderobe.

Morgens um 6 Uhr starteten wir. Es goß in Strömen. Was kümmerte uns der Regen? Wir waren voll freudiger Erwartung. Mit 80 Stundenkilometern fuhren wir über die Autobahn Richtung Frankfurt – ein Genuß, denn rasende Autos und riskante Überholmanöver gab es noch nicht. Streß war für uns ein Fremdwort. In Aschaffenburg endete die Autobahn Würzburg-Nürnberg. Die Sonne kam heraus. Wir klappten das Autodach herab, setzten unsere selbstgenähten weißen Sonnenhüte auf und fuhren mit 50 km/h durch das Maintal bis Wertheim. Auf einem Feldweg hielten wir zwischen hohen Kornfeldern Rast und verspeisten lobpreisend unser Huhn. Die Sonne schien warm. Wie mein Mann so dasaß in seinem Klappstuhl, die angenagten Hühnerknochen in hohem Bogen hinter sich werfend, fühlte ich mich wie bei einem Gelage an der Tafel Heinrichs VIII. von England.

Weiter ging es durch das romantische Taubertal nach Rothenburg. Manchmal trafen uns bewundernde Blicke – wenn die gewußt hätten, was für arme Schlucker wir waren! Offenbar träumten andere genau wie ich davon, in einem Kabriolett durch die Gegend zu fahren. Aus alten Kinofilmen kannte ich solche Bilder.

Auf einem Campingplatz in Detwang an der Tauber bauten wir unser Zelt auf. Auf dem ganzen Platz standen vielleicht vier Zelte, zumeist Dänen. Mit ihnen verlebten wir eine schöne Zeit. Auf der Rathaustreppe von Rothenburg hockend, tranken wir Milch und schauten dem Markttreiben zu. Abends saßen wir unter der Dorflinde von Detwang und genossen die dörfliche Stimmung. Enten strebten, von der Tauber kommend, schnatternd ihren heimatlichen Ställen zu. Manchmal spielten wir alle gemeinsam Federball, bis der Mond aufging. Wir tauschten preiswerte Kochrezepte aus und betrieben auf diese praktische Weise Völkerverständigung. Bei einer Mondschein-Wanderung durchs Taubertal und das alte romantische Rothenburg vergaßen wir Zeit und Raum. Ob das heute auch noch so ist?

Nach einer Woche verabschiedeten wir uns von unseren dänischen Freunden und fuhren über die Romantische Straße in Richtung Schwarzwald. Wir bummelten durch die beschaulichen Städte. Weiter ging es auf Nebenstraßen Richtung Stuttgart, manchmal mit nur 30 km/h hinter hochbeladenen Heuwagen her. Das störte uns nicht; wir genossen den Sonnenschein, die Landschaft und unsere Freizeit. In Backnang legten wir eine Rast ein. Unter schattenspendenden Bäumen saßen wir am Straßenrand im hohen Gras, verzehrten unsere Brötchen und ein Stück Fleischwurst und tranken Apfelsaft. Gemächlich steuerten wir unser Ziel an, immer auf Nebenstraßen, Stuttgart und Tübingen umgehend, bis nach Enzklösterle im Schwarzwald. Auf einem Campingplatz bauten wir unser Zelt wieder auf. Regenwetter setzte ein. Unverdrossen bummelten wir durch Freudenstadt, schauten uns den Mummelsee an und unternahmen Wanderungen durch den Schwarzwald.

Das Regenwetter erleichterte uns den Abschied. Über Pforzheim fuhren wir nach Hause. Wir hatten tatsächlich mit 80 DM in der Tasche unvergeßliche Ferien gemacht.

Deutschland - Wunderland
Zeitgut Verlag Berlin
Preis: 10,90 Euro
ISBN 978-3-86614-115-5

 


Veröffentlicht am: 01.08.2022

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